Deutschland Mit dem Fahrrad über die Nordseeinsel Föhr

Schafe, reetgedeckte Häuser und Strandkörbe - dies sind meist die klassischen Merkmale eines Badeorts in Norddeutschland. Die Insel Föhr ist da keine Ausnahme. Sie ist die zweitgrößte der Nordfriesischen Inseln im Unesco-Weltnaturerbe Schleswig-Holstenisches Wattenmeer - größer ist nur die Promi-Insel Sylt. Sechs Kilometer trennen Föhr vom Festland. Diese lassen sich mit der Fähre ab Dagebüll überwinden.

Vorbei an Sandbänken mit Seerobben und perlenschnurartig am Horizont angeordneten Halligen betritt der Inselbesucher eine Insel, die dank des Golfstroms immer milde Temperaturen garantiert. So kommt Föhr auch zu seinem Titel "Friesische Karibik". Die Insel beschert aber nicht nur Kururlaubern ein angenehmes Seeklima, sondern auch Natur- und Vogelliebhabern jede Menge Erkundungsmöglichkeiten.

Das eigene Auto kann zwar auf der Fähre mitgenommen werden, die spannendste Art, die Insel zu entdecken, ist aber mit dem Fahrrad. Wer sich den Seewind um die Nase wehen lassen will, kann an jeder Ecke einen Drahtesel schon ab fünf Euro pro Tag ausleihen.

Somit rauf auf den Sattel und los geht's: Aus Wyk heraus Richtung Nordosten führt der Weg an Schafweiden und kleinen Höfen vorbei. Nach nur 4,5 Kilometern mündet er in Alkersum. Die Gemeinde soll mehr Pferde als Einwohner beheimaten. Zurzeit wird in Alkersum noch bis September Föhrs Alleinstellungsmerkmal unter den Nordseeinseln ausgestellt: Farbenfroh und kunstvoll präsentiert sich im Museum "Kunst der Westküste" ein Korallenriff. Es besteht aber nicht etwa aus Kalk. In liebevoller Handarbeit haben Landfrauen und Schulklassen in rund 5000 Arbeitsstunden ein ganzes Riff gehäkelt. Verschiedenste Garne und Fäden in allen Farben und Materialien sind zu einem partizipatorischen Kunstwerk verwoben. "Würde man alle im Riff vernähten Korallen zu einem flachen Teppich ausbreiten, hätte dieser eine Fläche von etwa 100 Quadratmetern," so Lucas Haberkorn, Sprecher des Museums.

Das "Föhr Reef" entstand in Kooperation mit dem "Institute for Figuring" in Los Angeles und ist Teil einer weltweiten Kunstaktion. Es soll an die bedrohte Schönheit maritimer Ökosysteme erinnern. Wenn die Ausstellung im September vorbei ist, zieht das Riff weiter. Seine Spuren hat es auf Föhr aber jetzt schon hinterlassen. "Über das gemeinschaftliche Häkeln sind viele Freundschaften entstanden",  erzählt Haberkorn. Jeden ersten Donnerstag im Monat gebe es auch deshalb ein Häkelcafé als Fortsetzung des Kunstprojekts.

Die kleine Inseltour kann dann über den südlichen Ausgang von Alkersum fortgesetzt werden. Nur zwei Kilometer über die Felder, dann erreicht der Radfahrer Nieblum. Die Gemeinde gilt als einer der schönsten Orte auf Föhr, manche sagen sogar ganz Schleswig-Holsteins. Am nördlichen Dorfeingang befindet sich die gewaltige Johanniskirche - auch "Friesendom" genannt. Dieser imposante Backsteinbau stammt aus dem 12. bis 13. Jahrhundert. Auch der rundherum angelegte Friedhof kündet von vergangenen Epochen. Zwischen Wildblumen zeugen viele Grabsteine aus dem 17. und 18. Jahrhundert von der schwierigen Zeit, als die Föhringer noch Walfänger waren.

Teestuben laden zu einem Friesentee oder Pharisäer ein

Die umliegenden Friesenhäuser fallen im Vergleich zu der Kirche etwas bescheidender aus. Rosen ranken sich um die typischen Bauernhaustüren und Teestuben wie im "Hof Pergande" laden zu jeder Jahreszeit zu einem Friesentee oder Pharisäer ein. Der schöne Badestrand von Nieblum endet im Ortsteil Goting, wo das mehrere Meter hohe Gotingkliff einen Ausblick über das Wattenmeer bis nach Amrum zulässt. Bei Ebbe können ausdauernde Wattwanderer von Föhr bis nach Amrum laufen. Solch eine Wanderung sollte aber nur in Begleitung eines kundigen Führers gamcht werden, denn im Watt kann es schnell lebensgefährlich werden.

Der letzte Teilabschnitt der Tour ist auch der längste: In rund sieben Kilometern führt der Radwanderweg wieder an vielen Schafweiden zurück nach Wyk. Die Hafenstadt Wyk ist der Verbindungspunkt zwischen dem Festland und auch der größte Ort der Insel. Hier gibt es eine Prachtpromenade am Strand, Möwen, die über den Kaffeetischen der Urlauber auf "fette Beute" hoffen und Souvenirläden mit Piratenflaggen und Windrädern. Im Gegensatz zu Alkersum und Nieblum ist Wyk lebhafter. Der Ort ist auf Kurgäste eingestellt, die in warmen Schlickbädern Erholung suchen und Familien, die ihre Kinder am Strand toben lassen wollen. In den gut erhaltenen Kapitänshäusern laden Restaurants ein, die lokalen Spezialitäten zu probieren: frischen Fisch, Krabben und Lammfleisch.

Trotz der wuseligen Geschäftigkeit des Ortes in der Hauptsaison ist die Ruhe hier an vielen Ecken trotzdem zu Hause. Im Friesenmuseum wird abermals die für Föhr wirtschaftlich erfolgreiche Geschichte des Walfangs erzählt. Exponate zeugen vom Leben der Föhringer Mitte des 17. Jahrhunderts. Zum Museum gehört auch das älteste erhaltene Friesenhaus der Insel. Ursprünglich stand es baufällig in Alkersum, wurde abgetragen und als Freilichtmuseum in Wyk wieder aufgebaut. Fernab der Promenade, in den kleinen Seitenstraßen geht es ebenfalls gemächlicher zu. Da klappern Störche vom Dach der Schule oder es ist nur das Rascheln des Windes in den Bäumen zu hören. Und das ist - neben frischer Meeresluft und dem Blick über den weiten Horizont des Wattenmeers - ein entspanntes Stück Urlaub.

Autor:
Marike Stucke