Europop Laptop und Lederhosen

Evalierungskommission ist zweifellos ein komisches Wort. Spröde, technokratisch, herzlos und gemein. So mag man sich die elfköpfige Reisegruppe unter Führung der Schwedin Gunilla Lindberg vorstellen, die in dieser Woche durch Bayern kutschiert worden ist. Dabei ging es um nichts Geringeres, als die Zukunftsfähigkeit der Standorte der Olympischen Winterspiele 2018 auszutesten, die ja bekanntlich im "Eis-Park" München, im "Schnee-Park" Garmisch-Partenkirchen und auf der Kunsteisbahn am Königssee stattfinden sollen.

Ein wohlfeiles "Wintermärchen"- Konzept, das auf "freundliche Spiele" und "Nachhaltigkeit" setzt und sich nun gegen Pyeongchang in Korea und das französische Annecy durchsetzten muss. Die Entscheidung fällt im Sommer. Geht es nach einigen Umweltschützern, flankiert von renitenten Bergbauern mit Grundbesitz an der Kandahar-Piste, soll das Ganze dagegen in einer Art antikapitalistischem Reflex verhindert werden. So nach dem Motto: Kein Baum soll sterben für ein böses Kommerz-Spektakel, das schon lange nicht mehr in diese, unsere Zeit passt. Kein wirklicher Proteststurm, sondern die handelsübliche Krawall-Folklore, die im Stuttgart-21-Jahrzehnt wohl einfach dazu gehört. Garmisch-Partenkirchen, die Alpenfestung neobürgerlicher Motzki-Splittergruppen.

Gleichzeitig wird der atemlose Olympia-Präsentations-Marathon dazu genutzt, den Winterurlaub in Bayern insgesamt aufzumöbeln. Das Geschäft mit Wellness in Weiß, sauber gespurten Loipen, Ski und Rodel gut, läuft zwar ganz befriedigend, doch bei jüngeren Zielgruppen gelten grundsolide Allgäu-Ortschaften wie Pfronten oder Bad Hindelang nicht gerade als Sehnsuchtsorte. Und in puncto Schnee-Ballermann haben die Österreicher nicht umsonst Hüttengaudi-Stimmungs-Granaten wie DJ Ötzi oder eine florierende Apres-Ski-DJ-Industrie hervorgebracht. Ramba Zamba zwischen zirpenden Zithern und Kirmestechno.

Schnee-Bayern will also modern werden. Wintersport für die Bionade- und Manufactum-Generation kredenzen, die zwar nichts gegen eine deftige Brotzeit mit anschließendem Obstler einzuwenden hat; die aber mit krachledernem Gute-Laune-Terror in der holzgetafelten Hoteldisco "Trachtenstüberl" eher nichts anfangen kann.

Noch regieren die Alpenstreuner

Dieser Spagat zwischen der seit Jahren treu anreisenden Kernzielgruppe, selbstbewusste Silver Ager aus Bad Hersfeld oder Lüdenscheid, und einem jüngeren urbanen Milleu fällt nicht leicht. Prenzlauer Berg in Balderschwang, das ist eine komplexe strategische Übung. Will man so was überhaupt?

Obwohl: Eine korrekt gebrühte Latte Macchiato zu bekommen, war bei unserer kurzen Stippvisite im Alpinen Trainingszentrum Allgäu in Oberjoch überhaupt kein Problem. Auch wenn einem dazu die ambitionierte Powertruppe mit Coverversionen von Andrea Berg die Ohren ausgeblasen hat. Die Geschmäcker sind halt verschieden.

Was allerdings bereits beim Start des Trips durch die Winterlandschaften rings um die Metropole München auffiel, ist der Versuch das bajuwarische Diktum von "Laptop und Lederhosen" auch im Tourismusgeschäft stärker zu verankern. Das beginnt schon mit der Auffrischung des Münchner Olympiaparks mit allerlei ernsthaften und unernsten Ski- und Snowboard-Events, die sich sei einiger Zeit in den kalten Monaten etablieren konnten. Über 180 Millionen registrierte Besucher zählte das "internationale Veranstaltungszentrum" seit den Sommerspielen 1972. Allein das Siebziger-Jahre-Design und die mittlerweile leicht angeschabte Freigeist-Architektur der Zeltdächer und Schwimmopern ist zweites oder drittes Hinschauen wert.

An diesem "Spirit of Munich" sollen sich - ob mit den Olympischen Spielen 2018 oder ohne - auch die ein wenig eingerosteten Skiorte entlang der bayrischen Alpen orientieren. Noch spielen statt DJ Hell oder Matthias "Munc" Modica die Alpenstreuner ihre Schlagerklopper an der sonnigen Talstation in Oberjoch. Doch im Wellness-Bereich eines Sporthotels in Riessersee lief zur Morgenfitness milde Ambientmusik. Die Transformation der bayrischen Skiregionen in eine retro-modernes Wunderland hat gerade erst begonnen

Autor:
Ralf Niemczyk