Niederbayern Landwirtschaft und Kunsthandwerk

Wer vom Bogenberg, dem heiligen Berg Niederbayerns, ins Tal schaut, glaubt, in einen Garten zu blicken: Zu Füßen glitzert das gewundene Band der Donau im flachen Schwemmland, dem sogenannten "Gäuboden". Südlich davon wellen sich die Kuppen des tertiären Hügellandes. Im Norden gipfelt die Landschaft im grünen Dach des Bayerischen Waldes. "Des Heiligen Römischen Reiches Rosengärtlein" hieß Niederbayern im Mittelalter: Nirgendwo sonst konnten Kaufleute so sicher reisen, nirgendwo waren die politischen Verhältnisse so wohlgeordnet, nirgendwo blühten üppige Bauernlandschaften und schmucke Städte so prächtig wie zwischen Landshut, Straubing und Passau.

Das 15. Jahrhundert war Niederbayerns große Zeit. Eine Zeit, von deren Glanz die Städte und Dörfer auch heute noch geprägt sind. Den Fokus allein auf die spätgotische Fürsten-, Kunst- und Kirchenherrlichkeit zu richten würde dem bayerischen Unterland jedoch nicht gerecht. Denn am Lauf der großen Flüsse Donau, Isar und Inn liegt seit 1500 Jahren das bayerische Kernland. Was nichts daran änderte, dass Niederbayern, nachdem im Süden und Osten Österreich und Böhmen entstanden waren, es überdies im 16. Jahrhundert seine staatliche Selbstständigkeit verloren hatte, zur randständigen, unbedeutenden Provinz herabsank.

Erst als im 19. Jahrhundert die Eisenbahn kam, begann ein industrieller Aufschwung, der nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich an Fahrt gewann. Neben der Autoindustrie und ihren Zulieferern haben sich etliche kleine und mittelständische Betriebe aus Niederbayern zu Weltmarktführern in ihren Branchen gemausert. Und auch wenn die Landwirtschaft ihre einst dominante Stellung einbüßte, sind doch Niederbayerns gute Ackerböden die wirtschaftliche Grundlage für viele Menschen geblieben. Der Gäuboden rund um Straubing ist die "Kornkammer Bayerns ", 70 Prozent der deutschen Gewürzgurkenproduktion kommen aus dem niederbayerischen Hügelland, in dessen Westen mit der Hallertau das größte Hopfenanbaugebiet der Welt liegt. Längst hat Niederbayern seinen Ruf, das "hässliche Entlein" unter den bayerischen Regierungsbezirken zu sein, abgelegt.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Bedeutungslosigkeit der Grenzen wendet sich das bayerische Unterland mit seinen vielfältigen Bilderbuchlandschaften wie in alten Zeiten dem Osten zu: von München und Nürnberg nach Wien und Prag. Denn hier schlägt das Herz Europas.

Ziegelei Girnghuber - ein Land sieht Rot

In der Ziegelei von Ludwig Girnghuber werden noch handgeschlagene Ziegel angefertigt. Die altbayerische Form wird für historische und moderne Bauten verwendet. Die Dörfer und Städte Niederbayerns sind buchstäblich aus dem Boden gewachsen: Vom einfachen Bauernstadel bis zum gotischen Kirchturm ist in dieser Region alles aus gebrannter Erde errichtet. Schon die alten Römer wussten, wie sie die Lehmvorkommen zwischen Isar, Vils und Rott für den Bau ihrer Siedlungen verwenden konnten. In der Zeit um Christi Geburt brachten sie den einheimischen Kelten die Technik des Ziegelbrennens bei: Das Wort "Ziegel" wurzelt im lateinischen "tegula". Und das süddeutsche "Backstein" ist nichts anderes als die eingedeutschte Variante von "terra cocta" - gebrannte Erde.

Heute kann man im "Ziegel- und Kalk Museum" in Flintsbach bei Deggendorf auch einen römischen Ziegelbrennofen bestaunen, der bei Landshut ausgegraben wurde. Einer der Mitinitiatoren dieses Museums ist Ludwig Girnghuber aus Marklkofen im Landkreis Dingolfing-Landau, der Seniorchef einer der größten Ziegeleien Niederbayerns. In Girnghubers Unternehmen wird alles produziert, was sich aus Erde und Feuer herstellen lässt. Darunter sind Bau- und Dachziegel ebenso wie großflächige Keramikfassaden für Wolkenkratzer in China, Russland und Amerika.

Einer der wichtigsten Produktzweige aber ist der älteste: Girnghuber fertigt handgeschlagene Ziegel in allen Formen. Damit werden denkmalgeschützte Backsteinbauten saniert: die Burg Trausnitz in Landshut etwa; oder die dortige Martinskirche mit ihrem 131 Meter hohen Turm - dem höchsten Backsteinturm der Welt. Um Schäden an diesen Gebäuden auszubessern, werden die Ziegel zweimal gebrannt, damit sie möglichst stabil, witterungs- und frostbeständig bleiben. Die Technik dazu stammt aus dem 15. Jahrhundert. Doch auch Neubauten, bei denen die unverputzte Ziegelstruktur zum architektonischen Konzept gehört, werden aus handgeschlagenen Mauerziegeln gebaut - zum Beispiel das Münchner Kulturzentrum Gasteig.

An den Eisenbahntrassen entlang entstanden Hunderte Ziegeleien

Im 19. Jahrhundert kamen Saisonarbeiter aus der Lombardei, aus Venezien, der Emilia und der Toskana nach Niederbayern, um die industrielle Ziegelfertigung aufzubauen. In den Jahrhunderten zuvor waren Ziegel hierzulande als Nebenprodukte der Landwirtschaft entstanden: Besaß ein Bauer eine ergiebige Lehmgrube, so türmte er auf seinen Feldern Meiler aus Holz auf, um Baumaterial für den Eigenbedarf und seine Nachbarn zu brennen. Erst um 1850 wurde der sogenannte Ringofen erfunden. Für den Ziegelbrand brauchte man Steinkohle - da traf es sich gut, dass 1858 die ersten Eisenbahnlinien in Niederbayern gebaut wurden. Mit dem gründerzeitlichen Bauboom in den wachsenden Städten stieg der Bedarf an Ziegeln schlagartig. An den Eisenbahntrassen entlang entstanden Hunderte Ziegeleien. Darunter auch die von Ludwig Girnghuber in Marklkofen.

Dort schlug man Ziegel vor allem im altbayerischen Format: Sie wurden relativ lang, breit und flach. Die italienischen Arbeiter beherrschten diese Kunst perfekt. "Ganz im Gegensatz zu den Norddeutschen", sagt Girnghuber augenzwinkernd, "die brachten nur kleinere zustande." Dennoch: Als nach der Reichsgründung 1871 das genormte "Reichsformat" für Ziegel eingeführt wurde, orientierte sich dieses an norddeutschen Maßen. Manche Architekten bedauern das bis heute. Denn der kurze, hohe Reichsformat-Ziegel verleiht einer Mauer nicht die zeitlos-elegante Ruhe, die das altbayerische Format zu schaffen vermag.

Bis heute sieht man in Niederbayern viele Fassaden, die aus handgeschlagenen Ziegeln bestehen. Freilich haben Renaissance und Barock die meisten Häuser der Altstädte in Landshut, Dingolfing und Straubing mit bunt bemaltem und stuckiertem Putz dekoriert. Das ändert aber nichts daran, dass die Farbe Niederbayerns nach wie vor das Ziegelrot ist. Eine Farbe, die sich im Wappentier, dem roten Panther, widerspiegelt.

Glockengießerei Gugg - der Klang des Friedens

Ob Krieg, ob Frieden: Kaum ein Berufszweig profitierte früher gleichermaßen von beiden wie das "Glocken und Stuckgießer-Handwerk". Dazu muss man wissen, dass "Stuck" das alte bairische Wort für "Kanone" ist. Noch der Urgroßvater von Anton Gugg, dem Seniorchef der heutigen Glocken- und Kunstgießerei Gugg in Straubing, war "Königlich Bayerischer Glocken- und Stuckgießer". Als solcher hatte er immer Arbeit: In Kriegszeiten musste er Glocken zu Kanonenumgießen. Herrschte Frieden, wurde er wieder mit dem Gießen von Glocken beauftragt.

Das Unternehmen Gugg, seit 1550 fast ununterbrochen in Familienhand, ist die älteste Glockengießerei Europas. Glocken aus der Straubinger Werkstatt läuten weltweit. Anton Guggs Großvater goss zum Beispiel die Glocke der Geburtskirche in Bethlehem. Zuletzt lieferte die Firma 20 Kirchenglocken nach Neuguinea. Dennoch ist die große Zeit des Glockengießens vorbei. Nach dem Zweiten Weltkrieg lieferte Gugg noch 150 Exemplare pro Jahr; heute kann das Unternehmen nicht mehr von Glocken leben.

Stattdessen liefert es Kunstwerke in alle Welt. Jüngst ging eine bronzene Beethoven-Skulptur nach Japan. Für das Liechtensteiner Parlament stellte Gugg Leuchter her. Und für den Königsplatz in Kassel goss man Wasserspeier aus Bronze. Schade ist nur, dass heutzutage kaum noch jemand ein großes, wohlgestimmtes Geläut in der Dorfkirche hören mag. Vielfach wird es als zu laut empfunden. Der Frieden in Mitteleuropa ist selbstverständlich geworden.

"Der Schmid von Zaitzkofen" - der Letzte seiner Art

"Dass ich Schmied werden würde, war mir immer klar. Etwas anderes hätte ich nie machen mögen", sagt Thomas Stemberger, der "Schmied von Zaitzkofen". Unter diesem Namen kennt man ihn in weitem Umkreis. Denn seine Werkstatt in dem kleinen Bauerndorf östlich von Landshut ist einer der ältesten Handwerksbetriebe Niederbayerns.

Im Jahre 1313 wurde die Schmiede erstmals schriftlich erwähnt, vermutlich ist sie sogar noch älter. Es ist gut möglich, dass schon Konrad IV., Herzog von Schwaben und König des Heiligen Römischen Reiches, Siziliens und Jerusalems, in Zaitzkofen seine Pferde beschlagen ließ. Schließlich war er oft in der Gegend, seine Frau, Prinzessin Elisabeth von Bayern, residierte auf der nahe gelegenen Burg Wolfstein. 1252 brachte sie dort ihren Sohn Konradin zur Welt - der als "der letzte Staufer" ein deutscher Mythos werden sollte.

Es grenzt an ein Wunder, dass die Schmiede in Zaitzkofen bis heute existiert. Anders als viele andere, die mit der Technisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert nicht mithielten. Aus gelernten Schmieden wurden Landmaschinenhändler und Automechaniker. In Zaitzkofen aber bewies schon Thomas Stembergers Vater, dass man mit einem guten Gespür für Muster, Strukturen und Proportionen überleben konnte. Landauf, landab kaufte man seine Grabkreuze, Kirchengitter oder Turmkreuze. Kunden waren Denkmalschützer, Heimatpfleger, Künstler und Sammler.

Der Sohn hat sein Portfolio noch erweitert: Thomas Stemberger schmiedet auch Türbänder, Gartentore und Treppengeländer. Allerdings immer in einer speziellen Formensprache - Fachleute erkennen sofort, wo der "Schmied von Zaitzkofen" tätig war. Und wie seine Vorfahren schmiedet auch er weiterhin kleine Votivtiere, die Gläubige als Opfergaben, etwa bei Kirchenpatrozinien, verwenden. Sogar eine schmiedeeiserne Weihnachtskrippe aus Zaitzkofen gibt es. Wie alle Werke des "Schmieds von Zaitzkofen" besticht auch sie durch ihre einfachen, schnörkellosen Formen, die Thomas Stemberger so gern mag. Denn in den einfachen - nicht in den simplen - Strukturen "liegt eine archaische Kraft".

Uhrmacher Nowack - ein Meister der Zeit

Alois Nowack ist kein Einheimischer. Sein Wohnort Stephansposching liegt 893 Kilometer von seinem Geburtsort Eckernförde entfernt. Der Liebe wegen kam er nach Bayern. Eine zweite Liebe brachte er mit: die zu seinen Uhren. Auf den Knien seines Großvaters, eines Uhrmachers, entdeckte der heute 65-Jährige seine Leidenschaft für Zahnräder, Zeiger und Zifferblätter. Später lernte er das Handwerk von seinem Opa, legte die Meisterprüfung ab.

Heute gilt Nowack als einer der Letzten seiner Zunft: "Es gibt ja nur noch Batteriewechsler. Oder Leute, die Quarzwerke austauschen und mechanische Werke an den Hersteller schicken." Freilich erleben mechanische Uhren derzeit einen Boom. Daher werden auch wieder Uhrmacher gebraucht - für Armbanduhren.

Wer aber kennt sich mit Wanduhren, Standuhren, Regulatoren, Pendulen und Kirchturmuhren aus? "Dafür bekomme ich oft nicht mal mehr Ersatzteile", klagt Nowack. Deshalb muss er fast alles, was er braucht, selbst herstellen: Zahnräder, Federn, Wellen. Ein Nachteil ist das aber nicht unbedingt. Denn wenn jemand ein altes Erbstück zu reparieren hat, kommt er auch vom anderen Ende Europas nach Stephansposching. Es geht ja um die Liebe.

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Der Text von Gerald Huber stammt aus dem Buch "MERIAN Bayerns beste Seiten - 100 meisterliche Entdeckungsreisen". Das Buch ist eine Gebrauchsanweisung für Urlauber und Ausflügler. Es hilft, Bayern authentisch zu erleben, und hält Traditionen und Werte hoch, indem es sie in ihrer ganzen Lebendigkeit zeigt. In 100 unterschiedlich langen Porträts wird die einheimische Bevölkerung zu Reiseleitern. Einzelne Protagonisten stehen und sprechen für "ihre Region".
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Gerald Huber