Deutschland Landurlaub in der Eifel

Ein durchschnittliches Damenkränzchen hätte man über zehn Jahre bei guter Laune halten können mit den 260 Kilo Röstkaffee, die der Opel Super 6 an Bord hatte. So begann "Der Spiegel" im Oktober 1952 einen fünfseitigen Artikel über das aufwändigste Gerichtsverfahren in Deutschland seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. 90 Kaffeeschmuggler, alle aus Mützenich, damals ein 1300-Seelen-Ort nahe der belgischen Grenze, saßen im Knast. 45 von ihnen wurden angeklagt. Bis zu 30.000 Mark hatten einige in wenigen Jahren ergaunert und sich im armen und im Krieg arg gebeutelten Eifelstädtchen teils schmucke Häuser gebaut.

Solche Geschichten kann heute beim Abendbrot hören, wer auf dem Mützenicher Bauernhof bei Iris Victor Urlaub macht. Aus dem Wohnzimmerfenster zeigt sie an den Waldrand Richtung Grenze: "Da oben hat mein Großvater Schmiere gestanden." Sah er einen Zöllner, dann blies er "Ein Männlein steht im Walde" auf der Trompete, um seine Schmuggler-Komplizen zu warnen. 

Am nächsten Morgen, der erste Erkundungs-Spaziergang vom Victorhof in den Ortskern von Mützenich. Nanu, warum ist der Gekreuzigte an der Kirchenwand bräunlich? Zurück auf dem Hof lächelt Iris Victor: "Vielleicht weil's der Jesus von St. Mocca ist ..." Und dann erzählt sie, wie der junge Pfarrer Scheid von St. Batholomeus die Mützenicher Schieber im Knast vor Schlimmerem bewahrte. Nicht mit frommen Gebeten, sondern mit faulen Tricks. Bei seinen Besuchen hinter Gittern kungelte er mit den in Einzelhaft schmorenden Schmugglern die Aussagen ab – damit sie sich vor Gericht nicht gegenseitig belasten. Dafür haben viele Mützenicher hinterher reichlich in den Klingelbeutel gesteckt - "braunes Geld" aus dem Kaffeeschmuggel für "St. Mocca". Mehr solche Geschichten gibt’s 50 Kilometer südlich auf einer grenzüberschreitenden Schmugglertour mit den Gästeführerinnen "Wilma Rüber" und "Anna Grenze", die eigentlich Dorita Molter-Fensch und Sabine Petri heißen. Die beiden pilgern zu Originalschauplätzen der Kaffeeschieberei und erzählen davon, wie zumeist junge, kaum 18jährige Draufgänger die 30-Kilosäcke auf den Schultern durch den Wald und übers Hochmoor "Hohe Venn" nach Deutschland schleppten. 

Ideale Wanderwege durch scheinbar unberührtes Grünland

Und zwar noch ohne die stabilen und sicheren Holzstege, die heute durchs Venn rüber nach Belgien führen. Kilometerlange, ideale Wanderwege durch scheinbar unberührtes, meist feuchtes Grünland sind das. Trotz "Laufsteg" - feste und wasserdichte Stiefel sollte man tragen, denn fleischfressende Pflanzen wie Sonnentau oder Siebenstern locken die meisten Wanderer doch früher oder später runter von den Holzplanken auf den Moorboden. Mit Glück flattern Waldschnepfen oder Wiesenpieper vorm Fernglas vorbei. Die hier ebenfalls heimische Sumpfohreule zu sehen ist dann schon ein kleiner Lottogewinn im Eifel-Urlaub. Eine Wanderkarte gehört unbedingt ins Gepäck, denn das Wetter im 500 Meter hoch gelegenen Moor kann plötzlich umschlagen von sonnig nach neblig. Karl der Große hatte bei der Jagd vor gut 1200 Jahren offenbar so seine Orientierungsprobleme und musste – Erzählungen zufolge - eine Nacht im Hohen Venn zwischen zwei Felsbrocken schlafen.

Heute würde der Frankenkaiser sicherlich "NatUrlaub bei Freunden" buchen, die nun schon 12 Jahre erfolgreiche Eigenmarke des Eifel-Tourismus mit mehr als 60 teilnehmenden Bauernhöfen. Ähnlich wie der von Iris und Elmar Victor bieten sie großzügige, helle und moderne Ferienwohnungen inklusive Einbauküche, Mikrowelle und Spülmaschine. Und außerdem pfiffige Ideen für Extra-Service. Auf dem Victorhof etwa gibt es "Tischlein deck dich", eine Einkaufsliste, die man schon vor Ankunft ausfüllt, damit der erste Weg am Urlaubsort nicht zum Supermarkt führen muss. Kinder dürfen bei Bauer Elmar nicht nur mal "Mäggi" und "Lenny", die Schafe streicheln oder Ponyreiten, sondern haben ihren eigenen Spielstall namens "Matsche Pampe" mit Gehegen, in denen sie Meerschweinchen und Kaninchen versorgen und knuddeln können.  

Urpferd im Miniformat und Fossilien im Maarmuseum Manderscheid

Im Maarmuseum Manderscheid hingegen gilt: "Nur gucken, nicht anfassen!" Jedenfalls für die stein(zeit)alten Fossilien, die in der Eifel gefunden wurden: Das Urpferd, kaum größer als ein Schwein, dazu eine schätzungsweise 45 Millionen Jahre alte Honigbiene und dann noch der Beweis, dass selbst Dinos schon unter Plagegeistern litten: eine zu Stein geronnene Laus - Loriot hätte seine Freude. Die Ur-Eifel-Landschaft ist im Museum tropisch inszeniert, damit man sich besser vorstellen kann, wie es hier vor Millionen Jahren aussah. Beweise dafür finden sich heute noch "in freier Wildbahn", etwa bei Gerolstein. Die Felsen von Munterley sind als Korallenriffe entstanden im Meer, das hier vor mehr als 300 Millionen Jahren die Landschaft bedeckte. Quasi im Zeitraffer fühlt sich, wer hier mit Experten des Geoparks Vulkaneifel unterwegs ist: Die erklären nämlich, dass vor 700.000 Jahren die Eifel-Vulkane ausbrachen und Seen bildeten, die sogenannten Maare. Heißes Magma in Kombination mit kaltem Grundwasser erzeugte gewaltige Explosionen, das in die Höhe geschossene Lava legte sich später als Ringwall um die Krater. Seit 10.000 Jahren ist Ruhe, aber die Vulkane schlafen nur. 

Zwar hat Manuel Andrack in seinem Wanderbuch den Lieserpfad zur schönsten Wanderstrecke der Welt gekürt, aber man sollte die Eifel durchaus auch auf Rädern erkunden. Auf den ersten Blick sieht die Landschaft mit ihren Berg- und Talstrecken nicht gerade verlockend aus für Familien mit Kindern. Sie sind richtig auf dem Maare-Mosel-Radweg, einer 55 Kilometer langen Strecke fast ohne Steigungen zwischen Daun und Bernkastel-Kues. Auf dieser ehemaligen Bahntrasse abseits des Straßenverkehrs rollen Radler nicht nur über buckelfreien Asphalt, sondern auch in 28 Meter Höhe über ein römisches Viadukt und durchs "Große Schlitzohr", einen schummerig beleuchteten, etwas gruseligen ehemaligen Eisenbahntunnel, benannt nach der hier lebenden Fledermausart. Nicht gerade ein idealer Rastplatz, aber dafür gibt’s unterwegs zahlreiche große und kleine Seen. Und an dieser Strecke liegen reichlich Bauernhöfe oder Weingüter, auf denen Radwanderer gerne willkommen sind.

Mountainbiker mit 32 Gängen, Kilometerzähler und Pulsuhr können ihre Muskeln dort spielen lassen, wo Schumi früher gern mit PS protzte - am Nürburgring. Von hier bis zum Moselörtchen Bullay geht es 57 Kilometer lang auf der Vulkan-Rad-Route Eifel nur rauf und runter. Genießer unter den Radlern, die gern mal für eine Burgbesichtigung mit Panoramablick absteigen und nach der Tagestour einen guten Tropfen am Kamin wollen, sind richtig auf der Kylltal Radroute zwischen Kronenburg und Trier. Das beste an diesem Trip: Wenn’s aus Kübeln gießt, einfach rein in den Zug, denn eine Bahnlinie verläuft hier - wie ein zuverlässiger Begleiter - entlang dieser Strecke.

INFOS
Egal, ob man im belgischen Teil der Eifel, im rheinland-pfälzischen oder im nordrhein-westfälischen Landurlaub machen möchte, Infos gibt´s bei der Eifel Tourismus (ET) GmbH (06551/96560 oder unter www.eifel.info.) Alles über das Hohe Venn gibt’s unter www.naturpark-hohesvenn-eifel.de

Übernachten
Bauernhöfe, die dem Verbund "Naturlaub bei Freunden" angehören sind unter www.naturlaub-bei-freunden.de zu finden. Der Victorhof ist unter 02472/940682 und www.victorhof.de erreichbar. Ferienwohnungen für bis zu vier Personen kosten hier ab 497 Euro für sieben Übernachtungen. Alternative zum Bauernhof: Landhaus Müllenborn in Gerolstein, Übernachtung im Doppelzimmer ab 104 Euro. Infos unter 06551/96560 und www.landhaus-muellenborn.de

Essen
Eine regionale Spezialität, die man unbedingt probieren sollte: Das Restaurant "Schnabuleum", unweit von Mützenich, gehört zur historischen Senfmühle des Ortes Monschau, deren Produkte überall auf der Schnabuleum-Speisekarte zu finden sind - sei es als Johannisbeersenf  oder Senfcremesuppe. 02472/90 98 40, www.senfmuehle.de

Erleben
Die Wanderungen auf den Spuren der Kaffeeschmuggler mit Wilma Rüber und Anna Grenze dauern drei bis dreieinhalb Stunden, sind sieben Kilometer lang und kosten 11 Euro für Erwachsene und 7 Euro für Kinder. Infos und Anmeldungen unter 06551/505 oder www.pruem.de

Das Maarmuseum Manderscheid hat Dienstag bis Samstag von 10-12 und 14-17 Uhr geöffnet, sonn- und feiertags von 13-17 Uhr. Eintritt für Erwachsene 2 Euro, für Kinder 1,50 Euro. Infos unter 06572/920 310 und www.maarmuseum.de

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Autor:
Stephan Brünjes