Berlin Kurfürstendamm - Ramschmeile war gestern

Der Zarenhof hat merkwürdige Nachbarn bekommen. Den Times Square oder die Fifth Avenue zum Beispiel. Auch Regent, Oxford und Bond Street liegen nur wenige Meter entfernt. Wo sonst Breakdancer kunstvoll ihre Knochen verbiegen, setzt die "Vereinigung der weltweit bekannten Einkaufsstraßen" auf gehobenes Shopping-Flair. Angetreten sind Moskau, Peking und ein Viertel aus Wien. Champagner und Meeresfrüchte statt gröhlender Fußballfans. Der Breitscheidplatz im Schatten der Berliner Gedächtniskirche ist ein lustiger Ort, um mit feinen Gästen den 125. Geburtstag des Kurfürstendamm zu feiern. Ein Kulissendorf mit Anspruch in der Herzkammer des Massentourismus. Rucksackmädchen treffen auf Prada. Rentner mit Plastiktüten schauen im "Eventbereich Paris" vorbei.

Der zweiwöchige Budenzauber leitet die heiße Phase der umfangreichen Ku'damm-Feierlichkeiten ein. Neben der Beschwörung der großen Vergangenheit, die noch bis Mitte Oktober mit "125 Geschichten" als Straßen-Dauerausstellung in den berühmten Vitrinenkästen stattfindet, soll vor allem eines erreicht werden: Die oft verkündete Renaissance des 3,5 Kilometer langen Boulevards endgültig festzuhämmern. Ramschmeile war gestern. Hallo Friedrichstraße, hallo Mitte - der lange vernachlässigte Berliner Westen ist wieder wer!

Als Landmarke für dieses neue Selbstbewusstsein steht das 32-stöckige Hochhaus am benachbarten Bahnhof Zoo, das ab Ende des Jahres die neue Dependance des Waldorf Astoria beherbergen wird. Zwar kein echtes Ku'damm-Gewächs, doch die alte West-Berliner City versteht sich schon länger als Gesamtgebilde. Und dazu gehören auch weithin sichtbare Zeichen. "Mehr Westen geht nicht" schreibt sich etwa das "Europa-Center" auf die Fahnen. Mit seinen Mythen und zwischenzeitlichen Abstürzen passt der Kurfürstendamm durchaus ins Bild. Die rundum erneuerte Diva will es noch einmal wissen.

Dabei hat sich ein innerstädtischer Rhythmus eingespielt, der die unterschiedlichsten Milleus bedient. Vom trubeligen Breitscheidtplatz bis hinter das Hotel Kempinski mit seiner viel frequentierten Terrasse bestimmen große Kaufhäuser und die üblichen Filialisten die Szene. Kinopaläste und Discos mussten schließen, von einstigen Literatentreffs künden nur noch Legenden. Selbst das "Cafe Kranzler" mit seiner rot-weißen Markise aus Wirtschaftswunder-Zeiten teilt sich den Eingang mit einer Jeans-Kette. Rendite-Erwartungen erlauben eben keine Konservierung romantischer Metropolengefühle. Ein endloser Shopping-Strom wie überall, der auf 53 Meter Breite von Doppeldecker-Bussen und tiefer gelegten Daimlern umtost wird.

Weitaus interessanter wird es im mittleren Abschnitt an der Kreuzung zur Schlüterstraße, wo sich mittlerweile ein Nobelshop an den anderen reiht. Der großzügig verbreiterte Bürgersteig des Kurfürstendamm bildet hier den Georg Grosz-Platz. Direkt gegenüber bietet Chopard in seinen Auslagen mal eben Uhren für 46.000 Euros feil. Traditions-Schneider Hellmann versorgt die internationale Kundschaft mit maßgeschneidertem Hi-End-Zwirn. In der "Einstein"-Filiale drängeln sich russische Models und Anzugträger mit gegeelten Spielervermittler-Frisuren. Ausgerechnet in der unverblümten Zurschaustellung protziger Statussymbole findet die ewig aufgeregte Meile ein wenig Ruhe. In seiner Künstlichkeit erinnert dieser Charlottenburger Look zuweilen an Lady Gaga. Aufbrezeln als Lebenseinstellung. Eine Hauptstadt muss so etwas verkraften können. Der Kurfürstendamm jedenfalls strahlt in diesem Schaulaufen eine unverschämt lässige Grandezza aus.

Das Denkmal geschützte "Haus Cumberland" mit seinen fünf Innenhöfen, das gerade als noble Anlage für Eigentumswohnungen wieder ersteht, wird diese Tendenz zum City-Chic weiter verstärken. Im Vorderhaus kündigen die Entwickler gar eine gehobene Gastronomie an, welche sich am Pariser "Coupole" orientieren sollte. Statt Steakhäuser und Bierhimmel wieder ein gesellschaftlicher Salon. Gleich nebenan am Ku'damm 195 bildet künftig ein kristalliner Glaspalast den futuristischen Gegenpol zur mächtigen Werksteinfassade des Cumberland. Zumindest zwischen Knesebeckstraße und Olivaer Platz scheint sich das Upgrading mit Nachdruck zu volllziehen. Bleibt die Frage, ob in diesem Tanz der Eitelkeiten noch soziale und kulturelle Nischen entstehen können, wo das Leben auch nach Geschäftsschluss stattfindet. Das Gezerre um das "Theater am Kurfürstendamm" hat gezeigt, dass sich das viel beschworene Flair für die meisten Strategen nicht rechnet. Erst nach langem Kampf wurde für die Boulevardbühne eine Lösung gefunden auch weiterhin vor Ort vertreten zu sein. Im ersten Stock über einer Boutique.

Autor:
Ralf Niemczyk