Wolfsburg Kunst im Bau: die Architektur der Autostadt

Hier werden Träume erfüllt. Aber es sind handfeste, konkrete Träume, in deren Verlauf Vernunft und Planung eine zentrale Rolle spielen. Es sind Träume, in denen Berechnung und Vergleich sich die Waage halten mit Sehnsucht und Gefühl, mit Ästhetik, Illusion und Inszenierung. Mag sein, dass sie beim Wahrwerden den Herzschlag ein wenig stolpern lassen, mag sein, dass ein paar Glückstränen fließen, wenn das Tor sich öffnet und der Besitzer seinem neuen Auto begegnet. Tatsache bleibt: Im nächsten Moment wird er sich hineinsetzen und das Objekt seiner Träume in den Alltag überführen. Wird glücklich sein, auch weiterhin, aber dabei die Verkehrsregeln beachten.

Wie kann Architektur diesen Übergang begleiten? Durch Glanz und Größe - und zugleich Zurückhaltung. Durch Effekt und Eleganz - und zugleich Respekt, Sachlichkeit und Klarheit. "Die Architektur hat die Aufgabe, eine Marke erinnerbar zu machen, indem sie positive Gefühle weckt", sagt der Architekt Gunter Henn, der seit dreißig Jahren Industriebau-Projekte in aller Welt entwickelt und zwischen seinen Büros in München, Berlin, Dubai und Schanghai pendelt.

Mitte der neunziger Jahre erging an ihn und die weiteren Mitglieder des Projektteams der Auftrag zum Bau der Autostadt in Wolfsburg. Auf dem ehemaligen Werkshafengelände am Mittellandkanal, so die Vision, sollte ein Auslieferungszentrum für Neuwagen entstehen. Masterplaner Gunter Henn und sein Team sowie Autostadt Geschäftsführer Otto Ferdinand Wachs und Kreativdirektorin Maria Schneider entwickelten die Idee weiter.

Am 1. Juni 2000 wurde das Ensemble eröffnet, zeitgleich mit der Weltausstellung Expo im nahen Hannover - eine Autoübergabestelle, die weit mehr ist: Plattform für den Konzern und seine Marken, Kulturzentrum und belebter Stadtteil, in dem 1500 Menschen arbeiten und jährlich etwa zwei Millionen Besucher lernen und genießen, sich informieren, amüsieren und manchmal auch Träume erfüllen. Ein Erlebnispark? Nein! Oder besser: auf seine sehr spezielle Weise, sinnlich und sachlich zugleich.

"Der Disney-Stil ist bewährt, passt jedoch nicht zu Volkswagen", stellt Gunter Henn klar. Man habe sich zwar einiges abgeschaut, was Besucherstromführung, Anzahl und Anordnung der Toiletten und Restaurants betreffe, aber dann Neues geschaffen: Volkswagen steht für Stil, Qualität, Seriosität. Also überwiegen Glas, Stahl, Aluminium, Naturstein und Beton. Grautöne und Weiß dominieren, Fassaden legen sich anmutig in Kurven. Linien und Flächen, die aufeinandertreffen, halten sich an die Regel: Harmonie ist Trumpf. Entsteht dabei Spannung, bleibt sie zart wie in einem guten Familienfilm. Doch war Selbstbewusstsein gefordert.

"Wir haben einen Hit komponiert", grenzt Henn sich ab, "kein intellektuelles Stück nach Art von Arnold Schönberg." Extravagante Baukörper wie beim dekonstruktivistischen Technikmuseum Phaeno, einem futuristischen Betonkristall, den die in London lebende Star-Architektin Zaha Hadid am gegenüberliegenden Ufer des Mittellandkanals spitzwinklig aus dem Boden wachsen ließ, sind in der Autostadt nicht zu sehen.

Gunter Henn und das Projektteam setzen auf elegante Architektur - und auf die Kraft mutiger Kunst: Unter der 20 Meter hohen Decke des lang gestreckten Eingangsgebäudes, KonzernForum genannt, kleben drei gigantische Gehäuse in den Primärfarben Gelb, Rot und Blau - eine Hommage des Konzeptkünstlers Gerhard Merz an die Altmeister des Konstruktivismus Piet Mondrian und Barnett Newman ("Who's Afraid of Red, Yellow and Blue?"). Neben der Raumskulptur schwebt ein Erdball aus gebogenem Aluminiumgestänge mit zwölf Metern Durchmesser über einem Feld aus mehr als 70 Schreibtisch-Globen. Für die Arbeit "Exosphere " des deutschen Künstlers Ingo Günther wurden sie in den Fußboden eingelassen und mit einer begehbaren Glasplatte abgedeckt: Die Kunst verschmilzt mit der Architektur. "Kunst im Bau" ist ein gestalterisches Grundelement.

In der KonzernWelt, dem Volkswagen Technik-Erlebnismuseum, hat der Architekt Jürgen Mayer H. ein 1000 Quadratmeter großes Labyrinth für die Ausstellung "Die Idee der Nachhaltigkeit" gebaut: Level Green. Grüne Bänder schlingen sich von der Decke zum Boden, bilden Nischen, Tische, Sitzgelegenheiten. Der Raum mutet an wie ein Urwald, ein System aus Grotten und Durchbrüchen - aber die Kunst ist begehbar, macht sich dienstbar, darf benutzt werden: Das alles ist hier Programm.

Im benachbarten ZeitHaus, dem Automuseum, verknüpft der Österreicher Peter Kogler die Etagen durch eine wandfüllende Optik in noblem Grau, die an schimmerndes, gleißendes, sich wellendes Blech erinnert. Dazwischen stehen Riesenobjekte mit stromlinienweichen Rundungen im Dialog mit den glänzend polierten, nostalgisch geschwungenen Prachtstücken aus der Geschichte des Automobilbaus - sinnfällig, aber nicht platt, verführerisch schön und doch auch mutig.

Manchmal brüllt der Stier

Anspruchsvoll ist diese Kunst, selbstbewusst, manchmal sperrig, stets intellektuell - doch jeder versteht sofort ihren freundlichen Ton. Im Fünf-Sterne-Hotel "The Ritz-Carlton, Wolfsburg " etwa empfangen Andrée Putman, Grande Dame des französischen Interieur-Designs, und Gunter Henn die Gäste mit einer architektonischen Umarmung im Zweidrittelkreis. Und das KundenCenter, in dem die Neuwagen übergeben werden, wagt einen Hochseilakt: Die Dachlast wird über Seile in einen 50 Meter hohen, schräg stehenden Stahlmast geleitet und weiter, über eine dicke Metallkugel, in die Fundamente. Hightech als Highlight der Architektur, sichtbare Statik, ein atemraubender Anblick.

Die Marken des Konzerns präsentieren sich in sieben eigenen Pavillons, eingestreut in eine Parklandschaft. Verschlungene Pfade über Brücken, vorbei an hochgewachsenen Kiefern, Birken, Platanen, Ahorn, Weiden, führen zu den Häusern - und jedes erzählt seine Geschichte. Für die Edelmarken Bentley und Bugatti hat der Brite Ray Hole ein grün schimmerndes Juwel aus poliertem Granit entworfen, kunstvoll eingefasst in einen Rasenhügel: das Premium Clubhouse.

Im Innern begegnet der Besucher sich selbst, vielfach reflektiert in verspiegelten Wänden und der von dem Künstler Olaf Nicolai ebenfalls verspiegelten Oberfläche eines 1001 PS starken Bugatti Veyron 16.4. Der Super- Sportwagen sieht aus, als könnte er senkrecht abheben und Lichtgeschwindigkeit erreichen. Autonarren verehren den Boliden. Kinder spielen mit optischen Täuschungen. Teenies ordnen ihre Frisuren, und Kunstkenner studieren den Raum als begehbare Installation, in der Arbeiten der deutschen Künstler Peter Zimmermann und Anselm Reyle mit der Innenarchitektur des Briten Stephen Williams zusammenwirken und das Leitmotiv der Autostadt Architektur variieren: Bewegung.

"Kunst und Architektur der Autostadt lassen sich auf verschiedenen Ebenen wahrnehmen", erläutert Gunter Henn. "So erklärt sich der breite Erfolg. Jeder findet einen Aspekt, der ihn interessiert. " Nein, er würde nichts ändern, wenn er die Chance hätte, alles noch einmal zu bauen. "Unsere Besucher, ob alt, ob jung, haben ein Lächeln im Gesicht. Genau das wollten wir erreichen."

Manchmal aber brüllt auch der Stier. Vor dem schwarzen Betonquader von Lamborghini steht ein Türsteher und rät Schwangeren und Ängstlichen davon ab, sich ins Reich des gelben Murciélago zu begeben - das Röhren des 640 PS starken, nach einem legendären Kampfstier benannten und zur Steigerung des Effekts hinter Gitterstäbe verbannten Sportwagens erreicht bis zu 110 Dezibel, Disco- Lautstärke. Ein Höllen-Spaß, mancher kommt heraus mit leuchtenden Augen.

Die anderen Marken haben ihre früher eher poetischen und theatralischen Interieurs umbauen lassen, um ganz sachlich ihre Modelle und Technologien vorzustellen. Information statt Entertainment lautet das Motto. Dennoch bleiben Geschichten zu erzählen, in jedem Gebäude auf eigene Weise. Der Seat Pavillon von Alfredo Arribas etwa liegt auf einer Halbinsel - wie Spanien, das Herkunftsland von Architekt und Marke. Und die Schritte auf der Holzbrücke hinüber klappern wie Kastagnetten, die weißen Kacheln der temperamentvoll geschwungenen Fassade funkeln, als spiegele sich darin die Sonne über dem Meer.

Skoda hat seine Botschaft aus böhmischem Sandstein und böhmischem Glas errichtet. Der tschechische Architekt, Designer und Glaskünstler Borek S ípek hat ihr die Form eines Windrads gegeben: heiter, unkompliziert, familienfreundlich.

Die Nutzfahrzeuge stehen in einer stilisierten Garage; Audi formt sein Markenzeichen, die vier Ringe, aus Glas und Metall, und Volkswagen gelingt die Quadratur des Kreises: In einem transparenten Würfel - wie die Pavillons von Audi und den Nutzfahrzeugen entworfen von Gunter Henns Büro - scheint eine Aluminiumkugel zu schweben. Im Innern birgt sie ein 360-Grad-Kino; die Zuschauer lehnen sich in blauen Plüschsesseln zurück, blicken auf zum künstlichen Himmel; Lichtgestalten erscheinen, sie feiern Freundschaft, Perfektion und Zuverlässigkeit. Die Markenwerte, hier werden sie vermittelt als anrührende Kurzfilme. Und doch ist es ein sehr entspannter Spaziergang, der die gebauten Botschaften miteinander verbindet.

Die 25 Hektar große künstliche Teich-, Lagunen- und Hügellandschaft hat der Hamburger Landschaftsgestalter Hinnerk Wehberg aus der Perspektive eines Kurators entworfen. "Die Gebäude sind wie Skulpturen einer Freilichtausstellung inszeniert", sagt er. "Sie kommen prominent zur Geltung, ohne einander zu stören." Singvögel trällern, eine Möwe kreischt, Blätter rascheln. Die runden Blumenrabatten tragen lustige Drahtgittermützen, die sie vor Kaninchen schützen. In Wolfsburg seien die Tiere gefräßiger als anderswo, erzählt Wehberg und schmunzelt. Nein, in seinem Park gehe es nicht um Produkte, um Leistung oder Technik.

Aufatmen solle der Besucher im Grün des Gartens, sich entspannen, die Gedanken fliegen lassen auf die bis zu acht Meter hohen Hügel. Wer mag, kann ihnen sogar hinterher klettern, sich oben auf den Boden legen und für ein paar Minuten allein sein in der Natur. Und manchmal, sagt der Gartengestalter, stelle sich dabei ein Gefühl von entspannter Ausgeglichenheit ein, von Harmonie und einer fast meditativen Ruhe. Das sei nun mal die Aura des Ortes. Richtig, es ging um Autos. Um Technik, um Fortschritt. Zwei gläserne Zylinder, je 20 Etagen hoch, scheinen in einem Bassin zu schwimmen: gigantische Schaufenster, in denen Träume ausgestellt sind - bis zu 800 bestellte Neuwagen.

Die Türme sind ein weithin sichtbares Wahrzeichen, eindrucksvoll, doch leicht, schwebend, elegant. Nachts funkeln sie rot, golden, blau, wie die ganze Autostadt: Fassaden changieren in der Farbe, Wasserfontänen irisieren,Wege, Beete und Bäume verwandeln sich in Lichtinstallationen. "Können Sie sich ausmalen, wie stolz die Besitzer sind", fragt Gunter Henn und strahlt, "wenn sie aus dem Zug steigen und gleich sehen, wie ihr neues Auto präsentiert wird? Es ist ein unvergesslicher Moment."

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Autor:
Petra Mikutta