Wolfsburg "Kunst bringt mehr als sie kostet"

MERIAN: Frau Dr. Schneider, Sie sind verantwortlich für Auftritt und Seele der Autostadt. Für die Einheit von Landschaft und Architektur, für Stil und Atmosphäre. Über die Jahre haben Sie eine Art Gesamtkunstwerk geschaffen. Ist der Entwicklungsprozess inzwischen abgeschlossen oder feiern Sie nur ein Zwischenhoch?

Dr. Schneider: Alles was wir tun, stellen wir immer wieder infrage.Wir müssen uns weiterentwickeln können. Das ist unsere Strategie.

MERIAN: Vorn dran zu bleiben, ist gar nicht so einfach.Wie müssen wir uns Ihre Arbeit konkret vorstellen?

Schneider: Wenn ich das aus dem Blickwinkel sehe, zehn Jahre zurück oder womöglich zehn Jahre nach vorn, dann pendeln wir eigentlich zwischen zwei Aspekten, zwei Themen oder auch zwei Phasen. In den vergangenen Jahren haben wir uns eher im Westen orientiert, an der Kultur Nordamerikas beispielsweise, an deren Inszenierungsformen und Themen und wollen jetzt - wir nennen das "understanding Asia" - mehr nach Osten blicken. Wir sind davon überzeugt, dass da nicht nur für das Unternehmen, dessen Dienstleister wir sind, ein wichtiger Zukunftsaspekt liegt, sondern dass dort insgesamt für die Kultur und das Leben der Menschen ein wesentlicher Aspekt sein wird oder sogar schon ist.

MERIAN: Kultur hatte von Anfang an einen hohen Stellenwert bei der Entwicklung der Autostadt. Sie wollten kein reines Auslieferungszentrum mit einem Fast-Food-Imbiss neben der Rampe schaffen.Was haben Sie sich vom Nebeneinander von Auto und Kultur versprochen?

Schneider: Erstmal haben wir unseren Kulturbegriff sehr weit definiert. Die Gastronomie, die Form, wie wir ein Hotel interpretieren, das Design - sowohl inner- als auch außerhalb der Pavillons - galten für uns als wichtiger Bestandteil der Kultur. Schon in der Bauphase haben wir Kunst integriert. Denken Sie nur an die großen Werke auf der Piazza von Ingo Günther oder Gerhard Merz, oder an die ganz aktuellen Arbeiten im ZeitHaus von Peter Kogler oder im Park von Olafur Eliasson. Das sind aufregende Bekenntnisse zur zeitgenössischen Kunst. Unser Kulturbegriff ist aber längst nicht nur an solche Formen gebunden. Er dokumentiert sich auch über die Veranstaltungen der Autostadt, nicht nur bei Movimentos, das ja sehr leicht erkennbar ist als Tanzfestival, sondern auch in Lesungen, Konzerten oder Ausstellungen.

MERIAN: Die Autostadt ist zum Ort und Hort der Hochkultur geworden. War es ein schwieriger Prozess, die Kultur mit dem Kommerz zu verknüpfen, so dass beide voneinander profitieren?

Schneider: Persönlich habe ich es als Bereicherung empfunden und auch als große Herausforderung. Als eine Art von Reibung, die etwas ganz Neues entstehen lässt. Die Künstler haben das auch so gesehen, allen voran Gerhard Merz, der ja einer der ersten war, mit dem wir wichtige Arbeiten realisieren konnten. Im Premium Pavillon arbeiten Künstler ganz intensiv mit unseren Produkten. Sie haben diese Auftragsarbeiten immer als gute Möglichkeit gesehen, ihre Werkgruppen zu erweitern.

MERIAN: Und wie sieht es sich durch die Brille des Autoproduzenten?

Schneider: Gerade für das Vermarkten von Fahrzeugen ist die Kunst ein interessantes und spannendes Feld. Dem Käufer, in unserem Fall dem Besucher der Autostadt, eröffnet sie die Möglichkeit, sich damit auseinander zu setzen und die eigene Perspektive, Erfahrung, die eigene Biografie mit einzubringen. Das ist natürlich unkalkulierbarer, unkontrollierbarer, aber dadurch auch unendlich reizvoll. Vergleichen Sie mal einen relativ eindimensionalen werblichen Auftritt mit einer künstlerischen Arbeit, dann werden Sie im künstlerischen Werk unendlich mehr Facetten entdecken.

MERIAN: Wer hat denn mehr von der Zusammenarbeit, die Künstler oder der Konzern?

Schneider: Ich bin fest überzeugt, dass am Ende des Tages Volkswagen profitiert, weil die große Offenheit von Kunst und deren Mehrdimensionalität positiv auf ein so großes Unternehmen abstrahlt. Das erfahren wir auch, wenn wir unsere Gäste befragen, insbesondere solche, die Volkswagen nicht ganz so nahe stehen und die dann überrascht registrieren, wie souverän dieses Unternehmen mit sich selbst, mit den eigenen Themen, aber auch mit den eigenen Produkten umgeht.

MERIAN: Lange Jahre galt es für Künstler als unfein, mit der Industrie zu kooperieren. Sie haben mit der Autostadt eine Vorreiterrolle gespielt und die Fronten aufgebrochen. Inzwischen ist eine solche Zusammenarbeit ganz normal ...

Schneider: ... die Künstler haben von Anfang an positiv reagiert, obwohl ihr Umfeld ihnen schon kritische Fragen gestellt hat. Da schwang gelegentlich der Verdacht mit, dass man einem Konzern auch die Seele verkaufen muss. Es war eines der Vorurteile, mit denen wir zu kämpfen hatten. Die Künstler aber, die mit uns kooperierten, ob es nun Maler waren, Komponisten oder Tänzer bei den Movimentos, die haben schnell gemerkt, dass wir natürlich an ihrer Seele interessiert sind und an dem, was ihre Seele zum Ausdruck bringen kann, aber dass wir sie ganz und gar sie selbst sein lassen, ja, dass dies geradezu Voraussetzung gemeinsamer, erfolgreicher Arbeit ist. So war es nie Ausverkauf, sondern immer Partnerschaft.

MERIAN: Im Prinzip ist der enorme Erfolg der Autostadt der Kultur zu verdanken oder andersrum gefragt, wäre er auch ohne Kultur möglich gewesen?

Schneider: Unser erweiterter Kunst- und Kulturbegriff hat in jedem Fall einen sehr großen Anteil.

MERIAN: Als Sie im Jahr 2000 starteten, hatten Sie da so eine Art Kodex, der festschrieb, was geht und was nicht?

Schneider: Wir wollten für unsere Gäste in jedem Element, das wir ihnen angeboten haben, überzeugend sein. Dafür braucht es Regeln.Wir haben sie "Manifest der Inszenierung" genannt. Die Regeln waren und sind streng; an erster Stelle stand Glaubwürdigkeit. Uns war deutlich, dass alles, was wir tun, für ein Industrieunternehmen stand, und da ist Glaubwürdigkeit ein doppelt wichtiges Thema. Unsere zweite Regel war die Polyvalenz, also die Mehrwertigkeit. Die Zielgruppe der Autostadt ist sehr breit. Kunst ist das auch.

MERIAN: Der Kodex war die strikte Grundlage Ihres Handelns?

Schneider: Wir haben für die Mitarbeiter kleine Büchlein gedruckt, in denen die Regeln, die wir uns für die Inszenierung gegeben haben, festgehalten wurden. Dazu gehörte auch die zweite wichtige Säule der Autostadt, der Service. Die Mitarbeiter müssen dem Gast auf besondere Weise begegnen.

Nachts rücken die Gärtner aus

MERIAN: Der Besucher soll ...

Schneider:... das Miteinander spüren. Es ist Teil unserer Kultur. Ich habe großen Respekt vor all denen, die tagtäglich im Park stehen und Führungen machen oder einfach nur Informationen weitergeben. Es ist eine herausfordernde Aufgabe, die wir in Schulungen immer wieder aktiv vertiefen.

MERIAN: Uns hat fasziniert, dass die Gärtner nur nachts arbeiten, um tagsüber nur ja keinen Besucher mit ihrem Rasenmäherlärm zu stören ...

Schneider:... ja, auch das gehört zu unserem Respekt vor dem Besucher.Wir wollen unsere Gäste nicht unterschätzen. Viel zu häufig wird geglaubt, man dürfe den Menschen nur ganz einfachen Stoff anbieten und dann sind sie glücklich. Das stimmt aber nicht. Unsere Gäste sind anspruchsvoll und sehr empfindlich, wenn sie spüren, dass wir sie unterfordern.

MERIAN: Woher wissen Sie das?

Schneider: Seit zehn Jahren organisieren wir regelmäßig alle zwei Monate Umfragen, um heraus zu finden, ob unsere Besucher zufrieden sind und wie sie die Autostadt wahrnehmen. Es sind drei Aspekte, die sich dabei über die Jahre herauskristallisiert haben. Wichtig ist der Ort, also die Architektur, die Ausstattung, die Kunst, das Design. Zum anderen sind es die Inhalte und deren Vermittlung, worin ja auch ein wichtiges Stück Kultur steckt, wenn sie sehen, dass wir das Thema Nachhaltigkeit mit einem Architekten wie Jürgen Mayer H. vermitteln. Und der dritte wesentliche Aspekt ist die Freundlichkeit der Mitarbeiter.

MERIAN: Und wie steht's ums Auto?

Schneider: Das ist für sehr viele der Mittelpunkt. Dazu ein wenig Statistik: Wir liefern rund 200 000 Fahrzeuge pro Jahr aus, wir haben aber mehr als zwei Millionen Besucher. Klar, ein Auto wird im Schnitt von zweieinhalb Menschen abgeholt. Das heißt, es sind ungefähr 500 000, die nur wegen ihres Fahrzeugs kommen. Aber selbst in dieser Gruppe gibt es viele, die sehr gut vorbereitet sind. Vom Händler, aus dem Internet oder aus unseren Programmvorschauen.

MERIAN: Also lässt sich über die Autostadt auch das Marken-Image von Volkswagen positiv aufladen?

Schneider: Ja, insbesondere beim Design und dem Aspekt Nachhaltigkeit.Wir fragen unsere Gäste darüber hinaus, wie sie die Innovationskraft des Unternehmens einschätzen, und stellen fest, dass unsere Besucher sie positiver bewerten, wenn sie in der Autostadt erstmals damit konfrontiert sind.

MERIAN: Die Autostadt erweist sich ungewöhnlich offen gegenüber Produkten von Wettbewerbern. Wollen Sie ein besonderes Zeichen der Liberalität setzen? Oder ist es nur Zufall?

Schneider: Nein, das ist Konzept. Unser sogenanntes "Meilensteinkonzept" ist von Anfang an gewollt und hat natürlich auch damit zu tun, dass es am selben Ort damals ein reines Volkswagen Museum gegeben hat und in Zukunft auch wieder geben soll.Wir wollten von Anfang an die gesamte Geschichte der Automobilität dokumentieren. Ein so großes Unternehmen wie Volkswagen setzt damit auch ein sehr großes Zeichen.

MERIAN: Die Autostadt dominiert mit ihrem Kulturprogramm die ganze Region, auch ein bisschen Niedersachsen. Das Land hat sonst nichts Vergleichbares zu bieten.Wollen Sie neben der automobilen Führungsrolle auch eine kulturelle wahrnehmen?

Schneider: Wir haben diesen Auftrag bekommen. Dr. Piëch hat immer von der Weltklasse gesprochen, die er nach Wolfsburg bringen wollte. Über die Autostadt sollte eine große Ausstrahlung entstehen. Bei den Movimentos ist das vorbildlich gelungen. In ganz anderer Weise auch mit unserer pädagogischen Arbeit. Wir waren der erste außerschulische Lernort eines Unternehmens. Inzwischen gibt es viele Nachahmer. Es hat einen beispielhaften Charakter bekommen, so zum Thema Mobilität zu arbeiten. Doch noch mal zurück zu den Movimentos. Wir hätten überlegen können, ein großes Musikfestival oder ein Theaterfestival zu gründen. Aber wir haben die schönste Form der körperlichen Bewegung gewählt, eben den Tanz. Er ist zudem international verständlich, weil ohne Sprache, und das richtige Medium, um in der Autostadt einen fantastischen Meilenstein für die Kultur zu setzen.

MERIAN: Wenn Sie solche Meilensteine planen, realisieren Sie es dann mit Ihren eigenen Leuten oder holen Sie sich Veranstalter, die gerade State of the Art sind?

Schneider: Wir machen es etwas anders als viele andere große Unternehmen.Wir lassen uns nichts von einer Agentur schlüsselfertig anliefern, sondern wir bleiben im Geschehen und behalten die Deutungshoheit. Ganz zu Anfang schon haben wir die Konzernwerte in den Mittelpunkt gerückt. Also aus dem Wertekanon des Konzerns Themen herausgelöst, die uns inspirierten. Die Stichworte für den Umgang damit waren Verantwortung, Vertrauen, Respekt.

MERIAN: Ihre jüngste Entwicklung ist Level Green, eine Ausstellung zu Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit. Ging die Initiative vom Konzern oder der Autostadt aus?

Schneider: Von Beginn an war für die Autostadt Umweltbewusstsein eine der vier entscheidenden Säulen. Die anderen drei waren Qualität, Sicherheit, soziale Verantwortung.

MERIAN: Umwelt und Nachhaltigkeit sind die Themen dieses Jahrhunderts. Sehen Ihre Besucher das ebenso?

Schneider: Ja. Level Green wird auf eine Weise positiv angenommen, die uns selbst überrascht hat. Denn es ist ja eine sehr komplexe Attraktion, in der man sich ganz wesentlich auch mit sich selbst beschäftigen muss. Wir haben es bewusst nicht nur technisch orientiert, sondern Bereiche der persönlichen Lebenswelt ins Zentrum gestellt.Wir wollten zeigen, dass jeder mit seinem Lebensstil dazu beitragen kann, den CO2-Ausstoß zu verringern. Dies scheint gelungen. Die Menschen fühlen sich nicht bevormundet.

MERIAN: Ist die Autostadt auch deshalb so erfolgreich, weil sie ein autonomer Ort ist? Sie bieten so gut wie alles: besten Service, Spitzenrestaurants, die Besucher können Kunst erleben, ins Konzert gehen und danach mit ihrem "liebsten Freund" - dem Auto - wieder abreisen ...

Schneider: ... für mich ist die Autostadt kein Selbstzweck, sie steht im unmittelbaren Zusammenhang mit den Themen des Unternehmens. Nehmen Sie nur Level Green. Für das Zustandekommen dieser qualitätsvollen Inszenierung ist es ganz wesentlich, dass vorher eine tiefe Auseinandersetzung mit den Spezialisten des Konzerns stattgefunden hat.

MERIAN: Wenn Sie zurückschauen, was war und wie alles anfing und überdenken, was heute ist - wie viel von der Autostadt durften, konnten, mussten Sie inzwischen erneuern?

Schneider: Es gibt praktisch keine Elemente aus der Startphase mehr, was damit zu tun hat, dass wir schon im Herbst 2000 vom damaligen Vorstand den Auftrag bekamen, die Autostadt kontinuierlich weiterzuentwickeln. Insofern haben wir die Themen des Konzerns, der sich auch weiterentwickelt und verändert hat, immer wieder aufgenommen.

MERIAN: Und wie wird es in den nächsten zehn Jahren weitergehen?

Schneider: Wir hoffen, uns weiter verändern zu dürfen und zu sollen.Wir sehen uns für den Konzern in dienender Funktion, wir wollen seine Werte vermitteln und den Absatz seiner Produkte fördern.

Dr. Maria Schneider begann ihre Arbeit für die Autostadt in Wolfsburg 1998 als Gründungsmitglied des Inszenierungsteams. Seit 2002 ist sie als Kreativdirektorin verantwortlich für den kulturellen Auftrag der Autostadt. Das Interview führte Manfred Bissinger

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Manfred Bissinger