Oberbayern Kultur und Landschaft um Ingolstadt

Sie ist die vergessene Schönheit unter den oberbayerischen Landschaften. Eine Gegend außergewöhnlicher Vielfalt. Ganz anders als das offensichtliche Idyll des mattengrünen Alpenvorlands.

Und doch ist Bayern hier bayerischer als irgendwo sonst: In Scheyern im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm stand einst die Stammburg der Wittelsbacher, die als "Grafen von Scheyern" zum bayerischen Uradel zählen. Und weiter im Norden, im Altmühltal, haben Archäologen das Grab des "ersten Bajuwaren" gefunden, dessen Gebeine man heute im "Römer und Bajuwaren Museum" auf der Burg Kipfenberg im Landkreis Eichstätt betrachten kann.

Der Kriegerfürst aus dem 5. Jahrhundert war mit der für die frühen Bayern typischen Mischausstattung aus germanischen und römischen Grabbeigaben bestattet worden. Etwa drei Jahrhunderte später begann der heilige Willibald (700-787) mit der Missionierung Eichstätts, das sich schnell zu einer Keimzelle christlichen Glaubens entwickelte. Bis heute dominieren der Dom mit seinen mächtigen Glockentürmen und die Klosterkirche St. Walburg die Stadt.

Im Dreißigjährigen Krieg brandschatzten schwedische Soldaten Eichstätt. Ein Umstand, dem die Stadt ihr barockes Flair verdankt: Italienische Baumeister wie Maurizio Pedetti widmeten sich dem Wiederaufbau und schufen Prachtbauten wie etwa das Ensemble des Residenzplatzes. Eines der Prunkstücke aus der Eichstätter Barockzeit ist die hoch über der Stadt gelegene Willibaldsburg mit dem Bastionsgarten "Hortus Eystettensis".

Das Herz der Region schlägt heute in der alten Herzog- und Universitätsstadt Ingolstadt. Die jüngste Großstadt Bayerns entwickelte sich mit der Audi AG und vielen anderen Industrieunternehmen zu einem auch international bedeutenden Zentrum der wirtschaftlich aktivsten Region Deutschlands.

Die Autobahn A9 - die der Trasse der uralten Bernsteinstraße zwischen Hof und Passau folgt - und die Donau vierteln den Regierungsbezirk, in dem nicht nur Weiß und Blau regieren. Das südwestliche Bauerngäu um die altbayerische Landstadt Schrobenhausen mit dem sandhellen Braun der Spargeläcker geht über in die schwarze Erde des Donaumooses, das sich bis vor die Tore der ehemaligen pfalzgräflichen Residenzstadt Neuburg an der Donau erstreckt.

Im Südosten dagegen, rund um Pfaffenofen an der Ilm, dominiert das schattierte Tiefgrün der Hopfengärten. Hier, in der Hallertau, verstecken sich Städte, Märkte und Dörfer zwischen tertiären Hügeln. Im Nordwesten, rund um den barocken Reichtum der Bischofsstadt Eichstätt, überwiegt das helle Gelb der Trockenrasen und Jurasteine, die den herben Reiz des Altmühltals bestimmen. Im Nordosten schließlich, im Beilngrieser Land, strebt die grüne Altmühl der behäbigen Donau zu - Kreuzfahrtschiffe, Frachter und Sportboote nutzen den Main-Donau- Kanal als Wasserstraße.

Man muss sich genug Zeit nehmen und genau hinsehen, um die Nuancen und Schattierungen dieses touristisch noch kaum entdeckten Landstrichs wahrzunehmen. In der Tat, die Liebe zum Norden Oberbayerns entsteht zumeist erst auf den zweiten Blick. Wer diesen aber wagt, wird reich und nachhaltig belohnt werden.

Köschinger Waldhaus: Eine herzogliche Mahlzeit

Wohl kaum ein Koch ist so in der Umgebung seines Gasthauses verwurzelt wie Uwe Rühl: Der Küchenchef ist Pächter des "Köschinger Waldhauses". Dieses liegt mitten in einem der größten zusammenhängenden Waldgebiete Bayerns. Dessen Löwenanteil gehört dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds, kurz gesagt: dem ehemaligen bayerischen Königshaus. Und das "Waldhaus" mittendrin ist Zentrum des wittelsbachischen Hauptjagdreviers.

Kein Wunder also, dass auf der Speisekarte des Restaurants hauptsächlich Wildgerichte zu finden sind. Natürlich gibt es im Köschinger Forst Nieder-, Dam- und Muffelwild; bekannt ist der Wald jedoch für seine Wildschweine, die hier genau die richtige Eichelmast finden. Bis zu hundert Sauen pro Tag fallen an den wittelsbachischen Jagdtagen an, zu denen sich Angehörige des bayerischen und europäischen Hochadels im "Waldhaus" treffen.

Auch außerhalb der Jagdsaison verarbeitet die hauseigene Metzgerei wöchentlich bis zu zweihundert Kilo Wildbret. Daraus entstehen Wurstwaren für die Verkaufstheke ebenso wie die Speisen für das Abendessen. Rühls Erfolgsrezept: seine Naturverbundenheit. Er weiß, wie die einzelnen Tiere aufgewachsen sind. Und ob sie sich von Eicheln, im Kartoffelacker oder im Maisfeld ernährt haben. Entsprechend verarbeitet er das Fleisch - "in Manufakturqualität", wie er selbstbewusst sagt.

Dass Rühl aber nicht nur Wildschweine zubereiten kann, beweist er mit einem Nachtisch. Auf Vorbestellung zaubert er eine Palatschinke nach wittelsbachischem Originalrezept - den Dessertfavoriten der herzoglichen Familie im "Köschinger Waldhaus".

Feinsaure Delikatessen: Des Landes ganzer Stolz

Wer "Ingolstadt" sagt, der denkt fast immer "Automobilindustrie". Doch Bayerns jüngste Großstadt ist - jenseits aller Klischees - die Landstadt geblieben, die sie immer war. Bis heute schmücken kleine und große Bauernhöfe das Zentrum und den Stadtrand.

Auch die 1921 gegründete Sauerkrautfabrik von Sohn Simon und Vater Roland Landes befindet sich in einem ehemaligen Bauernhof. Von jeher wurde dort Kraut verarbeitet, zunächst zum Eigenbedarf. Weil aber auf den gehaltvollen Schwemmböden im Ingolstädter Donaubecken die "Häupl", wie die Krautköpfe in Altbayern heißen, so besonders gut wachsen, erweiterte die Familie Landes bald ihre Krautproduktion.

Heute kommen sieben Prozent des deutschen Krauts aus Ingolstadt. Das Unternehmen Landes produziert aber schon längst viel mehr: Gewürzgurken, Senfgurken, Selleriesalat, Bohnensalat - eben alles, was "feinsauer" ist und sich in Gläser oder Büchsen abfüllen lässt.

Kabarettist Günter Grünwald: Der Mundwerker

"Glauben Sie ja nicht, wen Sie da vor sich haben", steht auf dem Plakat in der Ingolstädter Fußgängerzone. Und tatsächlich ist der Betrachter zunächst verwirrt: Spaziert doch der Kabarettist Günter Grünwald höchstpersönlich an seinem eigenen Veranstaltungsplakat vorbei. "Man kann halt nicht immer nur in Los Angeles, Honolulu oder München spielen. Auch Ingolstadt ist ab und zu dran", kommentiert Grünwald selbstironisch.

Tatsächlich bekommt man den begnadeten Sprachjongleur in seiner Heimatstadt immer wieder zu Gesicht. Anders als den amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten, der ebenfalls aus Ingolstadt stammt. "Ich muss halt auch einmal zum Brezenkaufen gehen", sagt Grünwald. "Zum Beispiel zum Heiglbeck. Oder um den extrem guten Leberkäs zum Metzger Listl in die Kanalstraße - halt, den gibt's ja nimmer, den Metzger Listl, das ist bitter."

Und man merkt, dass Grünwald dies ehrlich bedauert. Weil er das Aufgebrezelte und das Angezuckerte eben nicht mag. So etwas wie die "Fleischboutique Haltmeier". Die hat er erfunden, der Grünwald, für seine Freitagscomedy im Bayerischen Fernsehen. Grünwald erlebt Ingolstadt nicht als die Autostadt, die sie auch ist. "Ich kenne hier jedes Eck, und wenn ich, zum Beispiel nach einer Tournee, durch das Kreuztor in die Stadt fahre und das Münster sehe, dann geht mirs Herz auf."

Seine Spaziergänge führen ihn dorthin, wo schon die berühmte Ingolstädter Autorin Marieluise Fleißer ihre Sonntagnachmittage verbrachte: ins Glacis der ehemaligen Landesfestung und an den Künettegraben, wo es einen altehrwürdigen Biergarten gibt. Für "eine unglaublich unterschätzte Gegend" hält Günter Grünwald seine Heimatstadt und die brettflache Donauebene drum herum.

Freilich, der Charme der Auwälder, das Geheimnisvolle der Donau-Altarme und der fast toskanische Charakter der nördlich davon beginnenden Jurahügel erschließen sich nicht sofort. "Das ist aber viel besser als dieses selbstbewusste Hinaustrompeten der eigenen Schönheit, wie man es sonst in Oberbayern gewöhnt ist."

Ausgrabungsstätte Manching: Das Erbe der Kelten

Im zweiten Jahrhundert vor Christus galt das Oppidum von Manching als respektable Großstadt. Immerhin lebten in der keltischen Siedlung im Süden des Ingolstädter Beckens circa 10 000 Menschen.

Heute ist das Areal die am besten erforschte Keltenstadt Deutschlands. Das ist unter anderem Claus-Michael Hüssen zu verdanken, der seit 1990 der Römisch-Germanischen Kommission vorsteht; diese Forschungsstelle des Deutschen Archäologischen Instituts wurde eigens für die Erforschung der Manchinger Geschichte gegründet.

Im Laufe der Jahre hat Hüssen das flache Donauschwemmland kennen- und lieben gelernt. Ganz besonders genießt er den frühmorgendlichen Weg zu seiner Arbeitsstätte: wenn der Nebel noch zwischen Bäumen und Sträuchern wabert, Tau an Blättern und Gräsern glitzert, allein die Vögel zwitschern. Dann würde es ihn kaum wundern, wenn ganz plötzlich ein keltischer Krieger vor ihm stünde.

Die Siedler der prärömischen Eisenzeit hatten sich in dem von den Nebenarmen der Donau durchfluteten Gebiet niedergelassen, weil der große Fluss ihnen Schutz bot. Und weil sie so an der uralten Verkehrsachse von Nord- und Ostsee über die Alpen nach Süden lagen.

Kann schon sein, dass heute ganz andere Städte für sich reklamieren, die "nördlichste Stadt Italiens" zu sein. Claus-Michael Hüssen weiß, dass Manching schon seit Urzeiten beste Beziehungen zum Mittelmeerraum hat.

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Der Text von Gerald Huber stammt aus dem Buch "MERIAN Bayerns beste Seiten - 100 meisterliche Entdeckungsreisen". Das Buch ist eine Gebrauchsanweisung für Urlauber und Ausflügler. Es hilft, Bayern authentisch zu erleben, und hält Traditionen und Werte hoch, indem es sie in ihrer ganzen Lebendigkeit zeigt. In 100 unterschiedlich langen Porträts wird die einheimische Bevölkerung zu Reiseleitern. Einzelne Protagonisten stehen und sprechen für "ihre Region".
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Gerald Huber