Sachsen Klosterurlaub im tiefen Osten

Schwester Philippa trägt Sneaker. Und wenn sie einen großen Schritt tut, lugt der schwarze Adidas-Turnschuh unter ihrer Nonnenkleidung hervor. Gerade macht Schwester Philippa viele kleine Schritte. Sie hastet hin und her zwischen Klosterpforte und Telefon. Es klingelt. Es klingelt und klingelt.

Das Telefon steht im Klausurbereich, einem Flur, in den Neugierige allenfalls einen kurzen Blick werfen können, Zutritt untersagt. Plötzlich klingelt es nicht hinten im Flur, sondern aus dem schwarz-weißen Gewand der Nonne heraus. Flink zückt sie ihr Handy. Nonnen dürfen Mobiltelefone besitzen, Schwester Philippa nutzt ihres rein dienstlich.

Die 34-Jährige ist Pfortenschwester. In dieser Eigenschaft empfängt sie die Gäste des katholischen Klosters in Panschwitz-Kuckau, Oberlausitz. Seit einem halben Jahr versieht die Subpriorin diesen Dienst im sächsischen Sumpfland. Ein Schulterzucken erntet, wer die Zisterziensernonne fragt, ob ihr der Kontakt zu den Gästen aus der Außenwelt Freude bereitet. "Wir kriegen von denen ja kaum etwas mit", sagt sie. Die drei Gästehäuser mit ihren insgesamt 20 Zimmern liegen abgeschieden vom Konvent. Nach Konfessionen fragen die Nonnen ihre Gäste nicht. Sie nehmen nicht nur gläubige Besucher auf.

St. Marienstern sieht das Angebot "Klosterurlaub" als zusätzliche Einnahmequelle. Geschäftsleute, junge Familien, Pilger und Fastende sind unter den Gästen. Seit Beginn der Finanzkrise sei die Zahl der Besucher allerdings zurückgegangen, sagt Schwester Philippa. Dabei ist Klosterurlaub immer noch verhältnismäßig günstig: Der Tagessatz für eine einfache Übernachtung in St. Marienstern beginnt bei zwölf Euro.

Komfort ist für diesen Preis gleichwohl nicht zu haben. Die Zimmer sind spröde eingerichtet: Plastiktulpen in Vasen, Linoleumfußboden, fusseliges Stoffsofa und wackeliger Schreibtisch. Wer eine Nasszelle, wie das Bad im Kloster heißt, auf dem Zimmer wünscht, muss extra zahlen. Geistige Anstöße gibt es gratis: Über dem Bett hängt ein Kreuz, eine Bibel liegt zum Lesen bereit.

Den Fastenden unter den Gästen verschafft Schwester Paulina nach dem Nachmittagsgebet die nötigen geistigen Impulse. Das runde Gesicht der Seelsorgerin strahlt gutmütig, sie lächelt ständig. Mit ihren 27 Jahren ist Schwester Paulina eine der jüngsten in der Gemeinschaft - der Altersdurchschnitt der 20 Nonnen liegt bei 60 Jahren. "Barbara", wie ihre Eltern Schwester Paulina nannten, kann sich kein anderes Leben vorstellen. "Ich hatte schon als Kind den Wunsch ins Kloster zu gehen."

Schwester Paulina schaut auf ihre Armbanduhr. Nonnen müssen pünktlich zum Gebet erscheinen. Sieben sind es täglich, das erste Gebet findet um halb fünf morgens statt. Eine letzte Frage noch: Haben Sie schon mal einen Freund gehabt? "Nicht direkt", sagt die Nonne und schaut verschämt zur Seite. Sie hat das ewige Gelübde abgelegt. Jetzt müsse sie wirklich gehen. Nonnen haben es häufig eilig.

Seit 2001 bietet St. Marienstern Fastenkurse an, zehnmal im Jahr können Gäste hier unter fachmännischer Leitung auf feste Nahrung verzichten. "Die essen nur Zitronen", erklärt Pfortenschwester Philippa und verzieht das blasse Gesicht, als hätte sie in eine selbige gebissen. Seit knapp einer Woche gibt es für acht Frauen einer Fastengruppe nicht anderes als Saft, Tee, Wasser und eben Zitronen - nach der Methode des Marinearztes Otto Buchinger.

Versuchungen für die Fastenteilnehmerinnen lauern überall: der Duft der Klosterbäckerei, der früh morgens durch die Anlage wabert, der Kiosk an der Landstraße, der Süßigkeiten und Alkohol verkauft, das Restaurant "Klosterstübl", dessen Speisekarte am Infobrett im Gästehaus aushängt. Die Fastenden haben sich anderweitig zu beschäftigen. Sie lesen viel, schlafen, entspannen bei Nordic Walking und Yoga, machen Ausflüge. Nur eines tun sie eben nicht: essen.

Eine Waage findet sich am Ende der Treppe in der Kaplanei, wo die Fastenden wohnen. Ihr strahlendes Plastikweiß begrüßt die Klostergäste in dem dunklen Flur, wenn sie auf ihre tatsächlich "Zellen" genannten Zimmer gehen. Viele, die fasten, wollen mit Hilfe der Kur ein paar Kilogramm abspecken. Das verlorene Gewicht kehrt bei den meisten jedoch rasch wieder zurück, weil sie im Alltag ihre Ernährung nicht umstellen.

Bei den Teilnehmern an Fastenkuren in St. Marienstern ist Gewichtsreduktion in der Regel nicht das Hauptmotiv. Der Wunsch, mit sich ins Reine zu kommen, schlechte Gewohnheiten zu unterbinden, aus dem stressigen Alltag auszubrechen - das sind die Beweggründe der meisten Fastenden, zwei Drittel von ihnen sind Frauen. "Es ist Zufall, dass wir eine reine Frauengruppe sind, Männer sind durchaus erwünscht", sagt Fastenleiterin Gabriele Schneider. Einige aus dem Kurs sind keine Fasten-Anfänger mehr, sie haben versucht mit Hilfe der Kur psychischen Ballast abzuwerfen.

Heute Mittag steht "ein feierlicher Akt" an, wie Gabriele Schneider die Tatsache nennt, das jedes Mitglied der Fastengruppe einen ganzen Apfel essen darf. Einen Tag vor der Abreise beginnt das Fastenbrechen, der Körper soll sich langsam wieder ans Essen gewöhnen. "Macht euch hübsch", sagt Schneider zu den Frauen. Außenstehende dürfen nicht mitfeiern. Eindringlinge in ihre Gemeinschaft wünschen die Fastenkursteilnehmer nicht. "Wir sind wie eine Familie", erklärt eine aus der Gruppe eindeutig.

Nicht bei allen Gästen in St. Marienstern geht es streng, zurückgezogen und wortkarg zu. Andere haben einfach nur die Ruhe weg. "An diesem Ort kann ich zu mir selbst kommen", sagt ein Mann aus Leipzig und schwärmt von der Stille. Die rund 2,50 Meter hohe Klostermauer schluckt den Lärm der nahen Landstraße, über die Jugendliche in ihren getunten Autos mit lauter Technomusik jagen. Zwar sei seine Familie nicht begeistert gewesen, dass er allein verreise, sagt der pensionierte Hochschullehrer. Er tat es trotzdem, und seit einer Woche genießt er ein Programm, das so schlicht ist wie die Unterbringung: lesen, wandern, meditieren. Ab 8 Uhr steht für den Pensionär ein Frühstücksbuffet bereit. "Und danach habe ich hier reichlich Zeit zum Nachdenken", sagt der Mann. Er wirkt entspannt, von Eile nicht die Spur.

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Autor:
Philine Gebhardt