Kassel Junge Kunst und die Documenta

Es ist schon ein Elend! Vier Jahre lang leistet der Kasseler Kunstverein ausgezeichnete Arbeit, lädt starke Künstler in seine Räume im Fridericianum und ermöglicht ihnen große und innovative Projekte. Aber dann, im fünften Jahr, kommt die Documenta und braucht Platz. Mit tätiger Hilfe von regionaler Wirtschaft und Stadtverwaltung und unter Hinweis auf die vielen Gäste, die sie wieder in die nordhessische Provinz locken werde, erobert die Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst leer stehende Hallen, widmet Museen um, nimmt auch das Fridericianum in Besitz - und der Kunstverein kann wieder mal einpacken und sich für ein paar Monate ein Ausweichquartier suchen. Ein halber Jahresetat geht dann für Umzug, Miete und Umbau drauf, aber so ist es vereinbart seit 1993, kurz nach dem Ende der neunten Documenta. Es ist ein Elend.

"Es ist ein Glück für uns", korrigiert Bernhard Balkenhol und lacht. Der Leiter des Kunstvereins sitzt an einem großen und wackeligen Tisch voller Kataloge, Kaffeepötte und Konzepte im dritten Stock der Kunsthochschule Kassel, wo er Methoden der Vermittlung von Kunst lehrt. Das ist sein Beruf. Der Vorsitz im Vorstand des Kunstvereins ist seit 1996 sein Ehrenamt. Unten vor dem Haus haben Studenten ein Hüttendorf gebaut und Gras auf den Dächern wuchern lassen; von oben geht der Blick über die Karlsaue, diesen kunstvoll angelegten Landschaftspark. Jeder Ort erzählt seine Geschichte. Wie kann es da ein Glück sein, aus einem Haus vertrieben zu werden?

"Wir sind immer wieder gezwungen, uns neu zu erfinden", erläutert der grau melierte Kunstvermittler. Beim letzten Kehraus, Ende 2006, lud er den Österrreicher Hans Schabus ein, den erzwungenen Aufbruch als Kunstwerk zu inszenieren: Von der Sprudelflasche über die Schreibtischunterlage bis zur Dämmwolle aus den Zwischenwänden stapelte der Installationskünstler alles säuberlich in der Mitte der nun kahlen Räume - kubikmeterweise nichts als Ballast. Aber sichtbar wurde auch die Chance, die darin steck: Wenn alles vorbei ist, wenn wieder vier Documentalose Jahre beginnen, dann steht im alten Quartier des Kunstvereins nichts mehr da, wo es vorher gestanden hat. "Alles auf Neustart", kommentiert Balkenhol. "Neue Perspektiven, neu aufgeteilte Räume: Das hält Kunst am Leben."

Vom Großereignis der internatinoalen Kunstszene an die Wand gedrückt?

Milen Krastev muss erst einen Augenblick darüber nachdenken, was die Documenta für ihn bedeutet. Kein spontanes Glänzen tritt in die Augen des in Bulgarien geborenen Künstlers, kein Zorn darüber, vom Großereignis der internatinoalen Kunstszene an die Wand gedrückt zu werden. Die Galerie "Coucou", die er mit ein paar ehemaligen Kommilitonen von der Kunsthochschule betreibt, liegt in einem Hinterhof schräg gegenüber den Schaufenstern in der Werner-Hilpert-Straße, hinter die sich der Kunstverein zur Documenta 13 zurückgezogen hat. Für Uneingeweihte kaum zu finden, aber wenn ein Kollege wie der Bildhauer Günter Stangelmayer hier seine exakt ausbalancierten Stahlskulpturen ausstellt, dann brummt der Laden.

Wie das funktioniert? Die Grenzen sind fließend, die Schwellen leichter zu überwinden als in anderen Städten - auch wenn es in der Friedrich-Ebert-Straße 149 zwei Etagen hinauf geht. Oben hat Nora von der Decken die riesige Wohnung ihrer Wohngemeinschaft für die Kunst geöffnet, jeden Freitag und Samstag von 15 bis 18 Uhr. Vier- oder fünfmal im Jahr lädt die Malerin und Fotografin zur Vernissage eines neuen Kollegen aus ihrem weit gespannten Netzwerk; dann wird es voll in dem 50 Quadratmeter großen Flur.

Zwischendurch besucht sie Museen und Galerien in aller Welt, um heimlich und unauffällig ihre acht mal acht Zentimeter kleinen, "Mannaputs" genannten Gemälde an ein Fenster oder neben ein ausgestelltes Kunstwerk an die Wand zu kleben. Mitnehmen ist ausdrücklich erwünscht. Rund tausend dieser freundlichen Attacken gegen den etablierten Kunstbetrieb sind mittlerweile unterwegs; Sammler, so teilt die Künstlerin stolz mit, habe sie bislang in 47 Ländern gefunden.

Elfi und Pitze Eckart warten derweil auf Gäste, um ihnen die Geschichte der Kunst in Kassel zu erzählen. Ganz unten in der Erzbergerstraße hatten die frühere Sonderschullehrerin und der Fotograf schon zur Documenta von 2007 eine alte Antennenfabrik ersteigert und zum Übernachtungs-Kunstwerk "Fenster zum Hof" mit Wohnwagen im Garten ausgebaut. Später kam das einstige Bordell in der Wolfhager Straße hinzu, gleich um die Ecke. Und das Künstlerpaar nahm in das neue "Foto-Model" auf, was der Ort zu berichten hatte: Möbel vom Sperrmüll und Stoffherzen aus den Liebeszimmern. Zitate aus Grimms Märchen von den zertanzten Schuhen und Stilettos aus Plexiglas, in denen sich die Straßenmädchen die Beine in den Bauch gestanden hatten. Ein Gemälde des Iren Sean Scully aus der Neuen Galerie als Tapetenmuster und die berühmte Menagerie von Johann Melchior Roos, nachgestellt mit Kuscheltieren.

Regelmäßige Konfrontation mit den Positionen der zeitgenössischen Kunst

Kassel hat seine eigene Szene. Sie existiert nicht wegen der Documenta und nicht trotzdem. Sie ist einfach da. Die Kunsthochschule, von deren Absolventen viele in der Stadt bleiben, ist ihr wichtigstes Reservoir; Kunstverein und Kunsthalle im Fridericianum sorgen für regelmäßige Konfrontation mit den Positionen der zeitgenössischen Kunst. Künstler-Kooperativen wie das "Coucou" am Kulturbahnhof und die "Warte für Kunst" in der Frankfurter Straße oder junge Galeristen wie Tobias Rasch und Ulrike Petschelt nehmen den Faden auf oder halten mit eigenen Aussagen dagegen - mit bisweilen rührendem Engagement und oft verblüffenden Resultaten. Und die Documenta? Krastev zögert. "Na schön", meint der dann, "viele hier haben bei der d12 als Techniker ausgeholfen. Da kann man auch bei den berühmten Kollegen mal einen Blick in die Küche werfen."

Die eigenen Foren sind wichtig für die Stadt, vielleicht wichtiger, als es die populäre Version der Kasseler Kunstgeschichte berichtet. Die geht etwa so: Da war eine Stadt mitten in Deutschland, die war bei null angekommen. Im Krieg fast völlig zerstört, in hektischer Eile wieder aufgebaut und durch den Eisernen Vorhang unversehens an den Rand gerückt, geografisch, ökonomisch und kulturell. Stattdessen definierte Bonn als Hauptstadt eine neue, rheinisch-katholische Mitte. Zum Ausgleich durfte die zerstörte Stadt 1955 eine Bundesgartenschau ausrichten; deren Rahmenprogramm war eine Dokumentation zeitgenössischer, also damals vorwiegend abstrakter Kunst.

Diese Ausstellung aber gelang ihrem Erfinder Arnold Bode (1900 bis 1977) so gut, dass sie heute eine Institution ist, ein weltweit beachteter Seismograf, der auch feinste und fernste Regungen in der Kunst registriert. Zur Nummer 12 im Jahr 2007 kamen 750.000 Besucher, fast viermal so viele, wie die Stadt Einwohner hat. Dank der Documenta wurde Kassel zur Kunst-Hauptstadt.

Der Kunstverein - eine echte Bürgerinitiative

Nun ja, meint Bernhard Balkenhol, das sehe er ein bisschen anders. Der Kunstverein war ja längst da, 1835 gegründet, eine echte Bürgerinitiative, hervorgegangen aus der Kunstakademie und dem Bedürfnis der Bürger, nicht nur am Genuss von Kunst teilzuhaben, sondern auch an den Ideen und Kontroversen, aus denen sie entsteht.

Der Himmelstürmer vor dem Kulturbahnhof.
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Der Himmelstürmer vor dem Kulturbahnhof.
Der Maler und Akademieprofessor Ludwig Emil Grimm gehörte damals zu den Gründern. Seine Brüder Jacob und Wilhelm hatten nicht nur als Sprachforscher und Märchensammler von sich reden gemacht, sondern auch als wackere Demokraten. Zwei Jahre später, 1837, sollte der König von Hannover sie als republikanische Aufrührer aus seinem Land jagen und in ihre Heimatstadt Kassel zurückschicken. Balkenhol erzählt die Geschichte gern, um die demokratische Tradition seiner Einrichtung zu belegen. "Wir laden Künstler ein, sich selbst zur Diskussion zu stellen", sagt er und nennt ein paar Namen. Manche sind Stars wie Marlene Dumas oder Ilya Kabakov, manche treten erstmals an die Öffentlichkeit. Worauf es bei der Auswahl ankommt? "Es sind nicht unbedingt Künstler, die wir verstehen", fasst er zusammen, "aber immer solche, die wir verstehen wollen." Und so bleibt die Kirche im Dorf: Kassel wurde nicht durch die Documenta zu einer Stadt der Kunst. Sondern umgekehrt: Die Documenta ist aus den Traditionen dieser Stadt hervorgegangen: fragen, zweifeln, debattieren. Nicht nur, weil Arnold Bode als junger Ausstellungsmacher im Kunstverein gelernt hat, wie man den Diskurs zur Gegenwart mit Kunst ankurbelt.

Kassel vorneweg, die Weltkunst hinterher

Im alten Hauptbahnhof, der nach dem Bau des neuen ICE-Bahnhofs in Kassel-Wilhelmshöhe 1991 viel zu groß war für den verbliebenen Regionalverkehr, fand die junge Kunst Platz - offiziell sanktioniert als "Kulturbahnhof" mit Ausstellungsräumen, offenem Kanal, Programmkinos, der "Caricatura" und seiner komischen Kunst sowie der "Nachrichtenmeisterei". Dort liefen früher die Leitungen der Bundesbahn zusammen, doch seit der Bühnenbildner und Elektrotüftler Sebastian Fleiter die rumpeligen Schuppen hinter dem Bahnhofsgebäude als Werkstätten und Studios entdeckt hat, sind ihm Künstler und Designer gefolgt, Musiker, Softwareentwickler, Filmemacher und ein Ingenieursteam, das solarbetriebene Anlagen zur Trinkwsseraufbereitung entwickelt.

Ein Kreativzentrum mit breit gestreuten Kompetenzen! Carolyn Christov-Bakargiev jubelte, als sie erstmals hinter die Gleise schaute. Genau das richtige Umfeld für das große Festival der Gegenwartskunst, fand die Leiterin der Documenta 13 und nahm das Terrain mit in ihre Planung auf. Kassel vorneweg, die Weltkunst hinterher. Der Beweis.

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Autor:
Martin Tschechne