Volksmusik in aller Welt Jodeln mit oder ohne Diplom

"Hollera da didel." - Nein, es muss heißen: "Holleri". - "Holleri di dudel du." - Der Lehrer verbessert noch einmal: "Du dödel di". - "Holleri du Dödel du." - Mit seinem "Jodeldiplom"-Sketch karikiert Vicco von Bülow alias Loriot den "Erzherzog-Johann-Jodler". Dank Loriot ist zumindest der Titel dieser heimlichen Nationalhymne der Steiermark, dem österreichischen Bundesland am Ostrand der Alpen, den meisten ARD-Zuschauern ein Begriff. Doch viel besser kennen die Fans der 2010 verstorbenen Dirndlkleid-Trägerin Maria Hellwig dieses gejodelte Loblied auf jenen Erzherzog Johann, der 1848 in der Frankfurter Paulskirche zum ersten von einem Parlament gewählten deutschen Staatsoberhaupt gekürt wurde. - Holleri!

Der "Erzherzog-Johann-Jodler" gehört auch zum Repertoire des österreichischen Volkslied-Experten Prof. Hermann Härtel, wenn er für gestresste Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik und Kultur seine Jodel-Workshops abhält. "Meine Workshop-Teilnehmer kommen nicht, weil sie von mir zu perfekten Bravour-Jodlern ausgebildet werden wollen. Sie wollen einfach nur unbeschwert juchzen und jauchzen und jodeln - und zwar ohne Diplom."

Wodurch unterscheidet sich aber eine alpenländische Jodlerin von der World-Music-Starsängerin Mari Boine, die mit ihrem samischen Joiken weltweit die Aufmerksamkeit für die lappländischen Ureinwohner weckte? Ist die Arbeit von Jodel-Virtuosen weniger hoch einzuschätzen als die Kehlkopfakrobatik aus der südsibirischen Tuwa-Hochebene oder die Ritualgesänge tibetischer Mönche? - Die Antwort kommt schnell über die Lippen: Na ja, das Jodeln ist doch nur Volksmusik.

Gerlinde Haid leitet das Institut für Volksmusik-Forschung und Ethno-Musikologie an der Musikuniversität Wien. Zwischen Donau und Riviera hat sie Volksmusik erforscht und dokumentiert - nicht nur die Melodien und Rhythmen, sondern auch die dazugehörigen Bräuche, Kochrezepte und andere regionale Besonderheiten. In einer ORF-Talkshow, an der auch Musikantenstadl-Entertainer Karl Moik teilnahm, sollte die Frage endlich einmal geklärt werden: Was ist eigentlich Volksmusik?

Der allzeit vergnügte Karl Moik wusste sofort die Antwort: Seine "Volkstümliche Hitparade" und der von ihm einst moderierte "Grand Prix der Volksmusik" - dös is a Gaudi, das ist Volksmusik; und die Volkstümlichkeit eines Songs lasse sich an den Tonträger-Verkaufszahlen ablesen. Gerlinde Haid, die weltweit anerkannte Ethnologie-Dozentin und Institutsleiterin, trällerte ein unscheinbares Liedchen und endete diesen gesungenen Kurzvortrag mit "Sehen Sie - das ist Volksmusik." Die übrigen Talker konnten ihr nicht widersprechen - und erst recht nicht widersingen.

Das Hiking ist des Müllers Lust

Peter Reitmeir ist Obmann vom Tiroler Volksmusikverein. Als wesentliches Merkmal der Volksmusik gilt für ihn, dass sie "geprägt ist durch die Menschen einer bestimmten Landschaft. Ursprünglich war sie meist eng verbunden ist mit dem Brauchtum im Jahres- und Lebenskreis." Als Beispiele aus seiner Region nennt Peter Reitmeir das "Anklöpfeln", bei dem die Sternsinger am Dreikönigstag von Haus zu Haus ziehen und ihre Lieder singen, die nur bei dieser Gelegenheit in Tirol zu hören sind.

Der Harmonika-Dozent Anton Gmachl und seine Brauchtumspfleger-Kollegen mussten in den 1990er Jahren noch gegen zahlreiche Missverständnisse ankämpfen, als sie am Salzburger Mozarteum einen Volksmusik-Studiengang einrichteten. "Vor allem viele Deutsche hielten unsere Ankündigung für einen Gag, für eine Art von Jodel-Diplom. Andere verwechselten es mit einem Schnellkurs für Musikantenstadl-Hitschreiber." Heute schätzen zumindest österreichische Studenten die beruflichen Chancen eines Diplom-Volksmusikanten richtig ein. Anton Gmachl: "Die Absolventen meiner Harmonika-Kurse arbeiten später in Musikschulen oder bei Volksmusik-Vereinen."

Das aktuelle Wander-Renaissance trottet schweigend vor sich hin. Ein Liederbuch mit zeitgemäßen Hiking-Songs muss erst noch geschrieben werden. Sogar die CD "The World of Wanderlieder" (zyx) - diesen Titel muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: The World of … - benutzt das altbekannte lagerfeuerromantische Repertoire: "Wenn die bunten Fahnen wehen", "Im Wald und auf der Heide", "Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus" und so weiter und so weiter im Wanderschritt. Traditionelles Liedgut von deutschen Tonsetzern gibt also immer noch das Wanderschritt-Tempo vor.

Klingende Schlaftabletten aus hiesiger Produktion sind dagegen auf dem Weltmarkt nicht gefragt. Die CD "The Rough Guide To World Lullabies" (harmonia mundi) präsentiert 15 Wiegenliedchen, keines davon kommt aus dem deutschsprachigen Raum. Das klingende Standardwerk "Putumayo Presents Dreamland: World Lullabies & Soothing Songs" (Exil/Indigo) verzichtet ebenfalls auf Einlullendes made in Germany - kein "Guten Abend, gute Nacht", kein "Der Mond ist aufgegangen", kein "Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein".

Das Elend der Volksmusik in Deutschland offenbart sich aber noch gravierender, wenn sie für Live-Events - also als lebendiges Kulturgut - Verwendung finden soll. Schlimmer als Heino und andere Musikantenstadlheimer sind Aktionen wie diese: Ein junger deutscher Winzer, der mit seinen Weinen genau den richtigen Geschmacksnerv trifft bei einem weltoffenen wie gleichzeitig auch erdverbundenen Publikum, lädt ein zu einem Genuss-Wochenende auf seinem Weinbauernhof. Für die musikalische Untermalung sorgt am Samstag eine Blues-Band, am Sonntag geht es ein wenig gemütlicher zu mit Irish-Folk.

 

Nicht nur ein Freund von ausgewogenem Genuss für alle fünf Sinne wertet das als kulturellen Offenbarungseid. Der Marketing-Stratege fragt sich ebenfalls: Welche Werbewirkung erwartet dieser rheinische Winzer von einem Blues-Shouter, der in seinen Songs "One Scotch, one Bourbon, one Beer" bestellt? Und irische Folk-Barden verherrlichen in ihren Songs nur zu gerne den Whiskey - und vor allem jenes Schwarzbier, von dem nicht einmal die Queen bei ihrem Staatsbesuch in der Guinness-Brauerei ein Glas trinken wollte.

Deutsche Winzer könnten sich ein Beispiel nehmen an ihren österreichischen Kollegen. Die Weinbauern entlang der Donau unterstützen das Revival der Heurigen-Musik - spröde schluchzende Geigen, Knopf-Akkordeon und Schrammel-Bassgitarre - und haben erkannt, dass "Schrammelmusik" keineswegs ein Schimpfwort ist. Diese Neuorientierung - weg von Sex and Drugs and Rock 'n' Roll hin zu den tradierten Werten: Wein, Weib und Gesang - erfährt in Österreich allerhöchste akademische Weihen. Der Wiener Musikwissenschaftler Walter Deutsch hatte seinen Studenten immer schon eingetrichtert: "Das Wirtshaus ist die Universität der Volksmusik."

Ab und zu dürfen auch die ansonsten stumm geschalteten Deutschen ihre Stimme erheben und ungeniert drauflos singen. Zahlreiche Destinationen haben sich darauf spezialisiert, die unterdrückte Sangeslust zu wecken und zu kanalisieren. Der Ballermann soll zwar trockengelegt werden, das nächtliche Rumgrölen in den maurischen Gässchen von Mallorca ist zunehmend unerwünscht. Doch andere mediterrane und kanarische Inseln springen in diese Marktlücke und laden ein zum Tanz auf allen Tischen.

Als eine Alternative mit richtig hohem Statuswert empfiehlt sich Irland. Ein Geheimtipp ist das Städtchen Killarney im County Kerry, wo der Folk-Music-Fan die freie Auswahl hat - vom Pub, in dem an den Tischen einfach mal munter drauflos gesungen wird, bis hin zu irish-folkigen Show-Acts. Wer zum volkmusikalischen Weekend rüberfliegen möchte nach Dublin, der kann seinen Lieben daheim anschließend mitteilen, dass die Stadt inzwischen von der Unesco zur "City of Literature" befördert worden ist. Nach einer Stadt-Erkundung auf den Spuren von Oscar Wilde, George Bernard Shaw oder James Joyce kann der Kulturliebhaber hier mit gutem Gewissen sein schwarzbraunes Obergäriges trinken und montagmorgens den Kollegen erzählen: "Die heisere Stimme habe ich vom Singen - 'Whisky In The Jar' und andere irische Freiheitslieder. Das befreit ungemein."

Stilvoller geht es zu bei der Night Of The Proms in London. Wer kein Ticket für die Royal Albert Hall ergattern kann, singt im Hyde Park mit bei "Land Of Hope And Glory". Und natürlich "Rule Britannia, Britannia rule the waves", eine unverhohlene Aufforderung an die Royal Navy, die Weltmeere zu beherrschen. Wenn die Proms-Mitsänger dann aus London zurückgekehrt sind, verstummen sie wieder für ein ganzes Jahr. So wichtig sind die Ozeane wohl doch nicht.

Autor:
Winfried Dulisch