Europop Jenseits von Stuttgart 21

Zum nächsten Fahrplanwechsel im Dezember wird die Deutsche Bahn ihre Preise im Fernverkehr nicht erhöhen. Das ist die gute Nachricht. Die Betreibergesellschaft Locomore plant mit dem Hamburg-Köln-Express zudem ein . Ansonsten wenig Neues für 2011. Mit der Endlosdebatte um Stuttgart 21 scheint jene Dynamik im deutschen Schienenverkehr verbraucht, die sich mit der "Renaissance der Bahnhöfe" und den neuen Schnellstrecken der Nullerjahre entwickelt hat.

Noch zur Fußballweltmeisterschaft lobten Gäste aus aller Welt den ICE-Reiseverkehr. Doch nach der endgültigen Inbetriebnahme der Trasse von München nach Nürnberg im Dezember 2006 schwächelte ein Großprojekt nach dem anderen. Die Streckenverlängerung durch den Thüringer Wald in Richtung Erfurt entwickelte sich zum Dauerdrama. Viel zu teuer, zu wenig effizient und immer wieder führen Investitionslücken zu Baustopps. Mit einer Fertigstellung dieser Magistrale, die einmal die Reisezeit von München nach Berlin halbieren soll, ist vor 2017 nicht zu rechnen.

Auch der vierspurige Ausbau der Rheintalstrecke von Basel von Karlsruhe steht vor einem Problemberg. In 172.000 Einsprüchen wird um Schallschutz und Trassenführung gerungen. Ein Kleinkrieg um "Baden21. Nicht nur im Raum Offenburg hagelt es massive Prosteste. Schließlich soll der internationale Güterverkehr nach Eröffnung des Gotthard-Basistunnels im Jahre 2017 massiv zunehmen. Bislang ist gerade mal ein Viertel der rund 190 Kilometer langen Strecke fertiggestellt. Da wirkt der Baubeginn des 8,5 Kilometer langen Teilstücks von Weil am Rhein zum Badischen Bahnhof in Basel wie eine Erfolgsmeldung. Und selbst ein mittelgroßes Projekt wie der Leipziger City-Tunnel, der mittlerweile zur Regionalverbindung geschrumpft worden ist, wird frühestens 2013 in Betrieb gehen. Es droht ein zähes Jahrzehnt für die Streckenplanung.

Nun rächt sich die Fixierung auf wenige Großprojekte, während für den Ausbau des bestehenden Netzes nicht genügend Mittel zur Verfügung stehen. Zumal die Nachbarländer im Zusammenspiel mit den deutschen Plänen auf eine stärkere Vernetzung setzen. Neben dem Schweizer Tunnel-Mammutprojekt, das im Rahmen der Masterplans "Bahn 2030" auch den Bahnknoten Zürich vielfältig erweitert, haben sich auch die Österreicher ein Zwei-Milliarden-Euro schweres Investitionsprogramm verordnet. Zum Abschluss ist nun der grenznahe Hauptbahnhof in Salzburg an der Reihe, bevor die komplette Neustrukturierung der Wiener Bahnhöfe ab 2013 die Verkehrsführung im mitteleuropäischen Raum beschleunigen werden. Die Stationen in Brüssel und Antwerpen haben diesen Modernisierungsschub bereits hinter sich gebracht, während in Amsterdam gerade die Central Station mit großem Aufwand für neue Verbindungen umgebaut wird. Da muss das hiesige Gezerre sehr befremdlich wirken .

Probleme drohen selbst bei der groß verkündeten Verbindung nach London. "Eurostar hat das Reisen zwischen London, Paris und Brüssel in den letzten 16 Jahren revolutioniert. Nun richten wir unseren Blick auf die Expansion auf dem europäischen Festland", sagt Eurostar-Vorstandschef Nicolas Petrovic. 2013 soll es soweit sein, dass man den Tunnelzug auch aus Deutschland wie eine länderübergreifende S-Bahn nutzen kann. Wie schön, dass der ICE gerade den Sicherheitstest unter dem Kanaltunnel bestanden hat und einer Direktverbindung nach Köln und Frankfurt eigentlich nichts mehr im Wege steht. Doch die französischen Anteilseigner sperren sich gegen die Expansionspläne der deutschen Bahn mit dem "Velaro"-Zugmodell von Siemens. Schließlich konnte man die Konkurrenz mit Verweis auf technische Standards bislang stets außen vor lassen. Weitere Rumpelstrecken sind nicht auszuschließen; zumal auch die Organisation der Sicherheits-Checks, bei denen Eurostar-Passagiere durchleuchtet werden wie auf einem Flughafen, weiterhin ungeklärt ist. Müssen dafür auf deutschen Eurostar-Bahnhöfen besondere Terminals eingerichtet werden oder gibt es dafür andere Lösungen? Die Bahnzukunft scheint zu einem mühsamen Geschäft zu werden.

Autor:
Ralf Niemczyk