Rügen Insel voller Geheimnisse

Inseln sind Sonderwelten, aber Mönchgut ist noch einmal eine Sondersonderwelt. Die Zisterziensermönche des Klosters Eldena kauften 1252 das "Land Reddevitz" für 30 Mark und waren von der Gegend so entzückt, dass sie fast hundert Jahre später die "Halbinsel Zicker" dazu erwarben. Sie holten deutsche Siedler, rodeten den Wald und kultivierten das Land. Roter Backstein, dunkles Reet prägen das Gesicht der Ortschaften, Holzskulpturen von wetterfesten Fischern und Bauern. Dazu hat der Mönchguter an der in Buchten und Landhaken zerklüfteten Küste häufig Gelegenheit. In den manierlichen Seebädern Baabe und Göhren mit ihren feinen Sandstränden flanieren die Touristen auch bei steifer Brise, in Thiessow atmen sie die gesündeste Luft der Insel Rügen.

Auf dem Weg zu den Zicker Bergen liegt Lobbe mit dem reizvollen "Gasthof Zum Walfisch". Bis zur Astgabelung zurückgeschnittene Bäume am Straßenrand wirken wuchtig wie Keulen und verleihen den Straßen ein wehrhaftes Image. Und dann Groß Zicker, das museale Dorf mit seinen Dreiseithöfen und der kleinen Backsteinkirche, nicht zu vergessen das aus Holz und Lehm gebaute Niederdeutsche Hallenhaus, in dem die Pfarrwitwen mit ihren Kindern wohnten. Heute ist das Pfarrwitwenhaus Teil der reichen Mönchguter Museumslandschaft. Die sieben Museen verdanken ihre Existenz zuerst der Kapitänstochter und Lehrerin Ruth Bahls (1909-1994), die immer nur "Frollein Bahls" genannt wurde und im Sammeln und Sichten historischen Sachguts ihre Lebensaufgabe entdeckte.

Auf nackten Flächen ragen gelegentlich kleine Baum- und Buschinseln auf, mittig ein Nadelwäldchen, an das sich abermals kahle Flächen anschließen. Kleine Seen, struppige Büsche. Am Wegrand Findlinge aller Größen. Hinter einem zähen Baum, der sich schon unmittelbar über dem Erdboden verzweigt, spaltet sich auch der Weg in ein Delta von Pfaden auf, die zu den einzelnen Hügeln führen. Dieser Berg ist nackt, jener üppig bewachsen, du kannst nicht vergleichen. Auf allen Seiten das von Nehrungen und Landzungen gesäumte Boddenwasser. An der Gegenseite des Hangs stürmt es ungebremst, Bäume sind umgestürzt, einer liegt quer über dem Weg, keine Menschenseele.

Jede Sekunde hat hier Ewigkeitswert, Zeitsprünge über Jahrhunderte hinweg, ein naheliegendes Gedankenspiel. Hinter jedem Berg erhebt sich ein weiterer Berg, der sich gerade noch verborgen hat, und alles endet wieder mit dem Blick auf Wasser, Wieken und den Bodden. An dieser Stelle ist Rügen wirklich die schönste Insel Deutschlands.

Wittow: Der Pastor und die Heringe

Seltsame Fahrt von Jasmund nach Wittow. Dazwischen die Schaabe genannte Nehrung, sie bietet Kiefernwald und den schönsten Sandstrand der Insel mit den Ostseebädern Breege und Juliusruh. Dann fängt Wittow, das Windland, an.

Die Landschaft wird einsilbiger. Nicht nur der Abstand von Gehöft zu Gehöft vergrößert sich, auch jener von Baum zu Baum, die Horizonte werden offener. Der Gemeindepfarrer, Gotthard Ludwig Theobul Kosegarten, war einst der erste, der seiner Hingabe für die wilde Insel literarischen Ausdruck verlieh, wohl, weil sie seine chaotische Seele beruhigte. Kosegarten war ein Mann dieser Landschaft, ihr hemmungslos verfallen. Eine Landschaft der Gegensätze, wie sie sich am Kap Arkona erst recht offenbaren, die eleganten Linienführungen der Hügel, der schroffe Abgrund zum Meer hin, die Felder mit ihren schweren Böden. Die Bebauung einer solchen Landschaft wirkt frevelhaft. Gerade mal die Leuchttürme harmonieren mit dem Nordkap, der quadratische, von Schinkel entworfene, 1827 fertig gestellte, und der ihn überragende Neue Leuchtturm von 1902, der seine Signale weiter in die heiklen Strandungsgewässer aussenden konnte, auch noch der ehemalige Marinepeilturm neben der 1168 von den Dänen geschleiften Jaromarsburg.

Die alte Königstreppe führt 42 Meter hinunter bis zur Brandung, die zischt und schäumt, Wellen prallen auf Betonblöcke und Holzpfähle, vom Salzwasser erbarmungswürdig ausgehöhlt. Südlich liegt Vitt, ein altes Fischerdorf, auf einer Anhöhe über dem Dorf ließ Kosegarten eine Kapelle mit vielen Fenstern errichten, von da konnte man erkennen, wenn die Heringszüge aufkreuzten.Wurden die Fische während der Predigt gesichtet, war es mit der Andacht vorbei.

Kosegartens Kapelle, weiß gekalkt, achteckig, hat einen erstaunlich großen Innenraum, der sakrale Festlichkeit ausstrahlt. An der Wand ein Gemälde des Italieners Gabriele Mucchi, es zeigt Fischer am Strand, alle sehen mit erstarrten Gesichtern zu, wie der heilige Christophorus das Jesuskind durch den Sturm trägt. So geschehen Wunder: Einer muss es tun.

Ummanz: Die Weite und der Schnaps

West-Rügen ist das Rügen der Rüganer. Hier findet der Einheimische die unberührten Weiten, die er braucht. Und Landzungen, Sandhaken und Boddenbuchten. Zwischen kleinen Weilern, die Rattelvitz, Klucksevitz oder Pansevitz heißen, liegt das Zentrum West-Rügens: Gingst. Auch nur ein Dorf, aber auf dem Marktplatz fühlt sich der Besucher wie in einer Kleinstadt. Hinter einer langen Brücke beginnt Ummanz, die Insel, auf der man Weltenden finden kann. Ein Schwan hockt dort reglos auf dem Wasser. Was geht in solchen Tieren vor?

Die Insel Ummanz muss den Spott ertragen, dass ihr höchster Berg 2,20 Meter hoch ist. Aber auf jedem der abgelegenen Gehöfte kann hier ein Wunder warten. Rainer Hessenius' Destillerie auf einem Hof in Lieschow etwa war so eine wunderbare Schnapsidee. Als sein Kumpel die Apfelbäume auf der Wiese sah, wollte er Most herstellen. Dann mach ich Schnaps, sagte Hessenius, so fing es an. Der Nase des versierten Küchenmeisters blieben die besonderen Aromen des traditionsreichen Rügener Obstes nicht verborgen. Aus der Schnapsidee wurde Leidenschaft. Hessenius' Brände aus der "Ersten Edeldestillerie Rügen" müssen keine Konkurrenz fürchten.

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