Hiddensee Insel der Ruhe

Mein letzter Hiddenseebesuch fand mitten im milden Winter statt. Ich stellte das Auto auf den Parkplatz von Schaprode, der immer noch eine unebene Wiese und immer noch keine glatte Betonfläche ist, und wartete, noch nicht angekommen, aber schon dreimal abkassiert, auf die Fähre. An Bord der "Gellen" vertiefte ich mich in den Anblick der kreuzenden Möwen über der bleigrauen Wasserfläche, aus der Nähe ziemlich plumpe Vögel, die es sicher auch nicht leicht haben im Leben.

Im Hafen von Kloster endet die Überfahrt nach 45 Minuten, die einem aber viel länger vorkommen. Es ist die halbe Ewigkeit zwischen Entrückung und Erwerbsstreben, Zivilisation und Natur. Einmal habe ich geträumt, dass ich gewahr wurde, wie die Insel sich vom Meeresgrund losriss und langsam durch die Meere schwebte, keiner wusste, wohin, keiner, wie das enden soll, niemand regte sich auf. Wie sich am Morgen herausstellte, war an der Sache nichts dran. Man wusste nicht, ob man aufatmen sollte. Der Traum stand wohl für die Ambivalenz eines auf immer losgelösten Lebens. Er war kurz, und er kam nicht wieder.

Im Hafen stehen Karren, mit denen der Hotelgast sein Gepäck transportieren kann. Hiddensee ist frei von Privatautos, Leuchtreklame ist verboten, Campen ebenso. Ich beziehe mein geblümtes Quartier im Hotel, das Ideal eines Einzelzimmers, Konzentration aufs Wesentliche, Bett, Schreibtischchen, Nachttischchen, Kofferfernseherchen, Einbauschrank, Dusche. Das Ganze in bräunlichem Korbmöbeldesign. Man kann getrost davon ausgehen, dass der Gast sein Zimmer nur zum Schlafen nutzt, ansonsten amüsiert er sich gefälligst in der freien Natur.

Vor 25 Jahren war ich zum letzten Mal auf der Insel. Die Sensation beim Wiedersehen ist, dass sich nichts Wesentliches geändert hat. Neu sind die robusten Kinderspielplätze aus blankem Holz. Neu die Jugendlichen an Outdoorschachspielen und die Straßen und Hafenanlagen, aber das war's dann auch. Hiddensee ist keine mondäne Insel geworden. Wie konnte es geschehen, dass nichts geschehen ist? In der Zeit der großen Veränderungen? Warum sind hier keine noblen Ferienanlagen entstanden? Wo ist die Luxuswelt? Das Exklusive?

Der Grund: Es gab eine Beschlussfassung, dass alles so bleibt, wie es ist. Hiddensee wurde dem Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft zugeordnet. Bebauungen sind nur in der Ortslage möglich, Landschaft bleibt Landschaft. Entscheidend ist die Trinkwasserfrage. Das Hiddenseer Trinkwasser entstammt einer Wasserblase im Hochland. Wenn zu viel entnommen wird, drückt von unten Salzwasser nach und verdirbt den Geschmack.

Stabile Insulaner

Das führte zu einem Baustopp, der 1995 aufgehoben wurde, ab 2001 aber wieder galt. Am Tag dürfen nicht mehr als 850 Kubikmeter Trinkwasser entnommen werden; das Limit der Urlauberbetten liegt bei 3500 und ist nicht erweiterbar. Unter dieser Prämisse wollen Alteigentümer, Erbengemeinschaften und alte DDR-Betriebe desolate Immobilien abstoßen, treiben Interessenten aber mit exorbitanten Preisen zum Wahnsinn oder in die Flucht.

Demnächst wird man auch das Thema Künstlerinsel Hiddensee wieder beleben, da hat sich die Kurverwaltung auf altem Lorbeer ausgeruht, sie wird Raumangebote machen, und Künstler werden kommen. Der Hiddenseer selbst wird sich allerdings nicht um Titel wie "Nettestes Seebad Deutschlands" bemühen. Der Insulaner ist charakterlich stabil. Ab November ist er nach der anstrengenden Saison erschöpft, dann packt ihn das Winterphlegma, es gilt, Weihnachten und den Jahreswechsel zu überstehen, im März ist er bereit, einen Farbtopf zu ergreifen, um alsbald unruhig zu werden, wenn sich nicht gleich die ersten Urlauber einstellen. Hofläden, Biobauern, Keramiker wie auf Rügen kommen nicht vor. So dynamisch sind sie hier nicht. Einen Hiddenseer, der töpfert, sagt Alfred Langemeyer, den möchte ich sehen.

Für Langemeyer ist Hiddensee die Antithese zu Sylt. Nach Sylt geht man, um gesehen zu werden. Auf Hiddensee will man seine Ruhe haben. Wer zudem halbwegs prominent ist, hüllt sich in seinen Anorak und wird nicht erkannt. Langemeyers Lieblingsjahreszeit ist der Winter, anbrechende Tage auf dem Hochland oder in der Heide, wiederholbare Momente, die gleichwohl unwiederbringlich scheinen.

Die Heide beginnt nicht weit hinter Vitte. Da stehen einsame Häuser in der Landschaft und Schilder mit der Aufschrift "Keine Vermietung". Leben im Rhythmus der Natur. Die Heide im Sommer: ein Rausch in gedeckten Farben. Besenheide, Kriechweide und Krähenbeere wachsen auf den Dünen, Wacholder, Ginsterbüsche und Vogelbeerbäume. Sandkuhlen, in denen sich der Urlauber separieren und der Musik des Meeres zuhören kann. Ein Birkenwäldchen, ein Teich, Schilf wuchert in seiner Mitte und spiegelt sich von allen Seiten. In Neuendorf taucht der orangefarbene Inselbus hinter mir auf, ächzend, wankend, kein schöner Lebensabend für so ein Fahrzeug. Die einzige befestigte Straße windet sich durch das Fischerdorf, weiße Häuser stehen wie ausgestreut auf der grünen Wiese, die sich in der Mitte als freie Fläche darbietet, in den Senken staut sich Regenwasser, Brandgänse stochern im Gras, um unerwartet in geschlossener Formation davonzuflattern.

Kalter Wind und dramatischer Himmel

Hinter dem Dorf beginnt der Gellen, die lang gestreckte Südspitze der Insel. Schwemmland, das Jahr für Jahr bis zu fünf Meter wächst. Der Weg versinkt im Morast, der Wald ist von Sturm und Meer verwüstet, Bäume mit unterspültem Wurzelwerk, undurchdringliches Gestrüpp, eine Orgie wuchernden, zersplitterten, verbogenen Holzes. Eine aufregende Geschichte, und eine ganz anders aufregende, als der Dornbusch im Norden der Insel sie erzählt. Der Gellen ist die flache, moorige, labyrinthische Geschichte, der Dornbusch auf der anderen Seite die bergige, offene, durch den Leuchtturm auf dem Bakenberg gekrönte. Unnachahmlich der sanfte Schwung der grünen Hügel Hiddensees.

Auf dem Weg zum Leuchtturm werde ich, während ich noch die Empfindlichkeit des Magerrasens bewundere, von einer dieser herben Joggerinnen überholt. Es sind nur hundert steile Stufen einer Wendeltreppe, die im Inneren des Leuchtturms auf die Plattform führen, aber ich habe das Gefühl, hier oben alles zu sehen, was es nur irgend zu sehen gibt, die Landzungen des Bessin zu meiner Linken, die Dörfer, die Boddengewässer, Rügen, Stralsund und in weiter, weiter Ferne vielleicht auch die Kreidefelsen von Møn. Der Wind zerrt an meinen Kleidern, ich muss mich festhalten, keine Hand frei für den Fotoapparat. Es sind dieser Weg, dieser Blick und das vom Sturm vermittelte heikle Hochgefühl, die dafür sorgen, dass du anders von der Insel heruntergehst, als du hinaufgegangen bist.

Mit dem Abschmelzen des Eises entstand die Ostsee, erzählt ein Schild beim Abstieg ans raue Gestade. Der Dornbusch wurde zur Insel, die nun den Wellen des Meeres ausgesetzt war. Jedes Jahr wird die Küste um durchschnittlich 30 Zentimeter zurückgeschnitten. Die bis zu 72 Meter hohe Moränenscholle des Dornbuschs dürfte vor 5000 Jahren noch doppelt so groß wie heute gewesen sein. Die Brandung greift besonders bei erhöhtem Wasserstand den Klifffuß an und trägt das Gestein ab. Das Lagern vor steilen Wänden, das Betreten von Brandungshöhlen und das Klettern an der Steilküste verbieten sich von selbst. Das gibt einem die Gewissheit, elementare Naturvorgänge mitzuerleben. Wo hat man das sonst?

Es gibt irrationale Momente auf Hiddensee. Bei Düsternis und Sturm radle ich zum Enddorn nach Grieben. Es herrscht eine Atmosphäre wie in Goethes Erlkönig. Ich ahne dunkel, dass ich auf dem Holzweg bin, kann aber nichts tun, bis ich am "Inselblick" auftauche, im Westen statt im Norden, ich muss durch ein Loch in der Landschaft gefallen sein, finde endlich den Plattenweg nach Grieben.

Im Enddorn erwartet mich die, laut Eigenwerbung, "Gemütlichkeit einer traditionsreichen Fischerkneipe". Am Tresen hat sich um den stämmigen Wirt, der wie alle Sachsen am Meer gern Matrosenhemden trägt, bei Kümmelschnaps und Bier eine redselige Gesellschaft versammelt. Die Frauen verraten, welche Speisen ihre Männer verschmähen, die Männer versuchen sich zu rechtfertigen, die Frauen kichern. Logisch erklären lässt es sich nicht, was Frauen an Männern so komisch finden. Am Ende gibt es einen gutmütigen Streit, weil keiner die letzten Kümmel trinken kann und jeder die Rechnung übernehmen will. Jeder hält jedem vor, wie viel der schon für ihn getan hat, und alle sind gerührt. Eines langen Tages Reise in die Nacht.

Auf dem Rückweg weht mich der Nordwest die Hauptstraße entlang, an der Kirche von Kloster mit ihrem blauen Rosenhimmel, der Traditionsgaststätte "Wieseneck" und dem Gerhart-Hauptmann-Haus vorbei, durch den Durchgang im Deich ans Meer. Den weißen Sandstrand schützt ein Wall scharfkantiger Felsbrocken. Im Norden erhebt sich düster das Hochufer. Kalter Wind, dramatischer Himmel. Selbst die Möwen bibbern. Freiheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie nie gemütlich ist.

MERIAN besuchte Hiddensee im Februar 2006, als niemand mehr mit einem echten Winter rechnete. Im Winter 2010 war die Insel mehrere Wochen lang per Schiff nicht erreichbar, Besucher wurden ausgeflogen.