Esslingen Industrielle Revolution in Württemberg

Weder Stuttgart noch Ulm - Esslingen! Nur ganz wenige außerhalb Schwabens wissen, dass die Stadt am Neckar die Antriebskraft der Industrie in Württemberg wurde.

Die Fenster im Büro des Wirtschaftsförderers sind aufgerissen, Sonnenstrahlen und ein warmer Wind fluten herein, das Flügelschlagen von Tauben dringt ans Ohr und das Geplapper der Touristen.Vielleicht war es ein solch beschaulicher Moment, in dem Stephan Reichstein die Idee von der "Ingenieurstadt" zuflog.

"Ingenieurstadt Esslingen" - mit diesem Wortpaar will Reichstein die Aufmerksamkeit potentieller Investoren und Arbeitskräfte auf seinen Standort lenken. Reichstein redet, wie Wirtschaftsförderer nun mal reden, er spricht vom "komparativen Konkurrenzvorteil" und von der "unique selling proposition", er erwähnt die fast konkurrenzlos niedrige Arbeitslosigkeit und den selten hohen Jahresausstoß von schätzungsweise 500 Esslinger Patenten. Und während er so erzählt, öffnen sich auf dem Bildschirm seines Computers, wie knospende Blüten im Zeitraffer, die Namen von Firmen mit Weltruf: Daimler und Eberspächer, Müller Weingarten und Wahler, Index- Werke und Citizen Machinery & Boley ? "Automobil- und Maschinenbau und die Elektrotechnik sind unsere Schlüsselbranchen. Und deren Ingenieure bilden das Rückgrat der Esslinger Wirtschaft", weiß der Wirtschaftsförderer.

Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ein Rheinländer wie Reichstein kommen musste, damit die Esslinger ihren Hang zum Feinmechanischen wieder entdecken. Den möchte er jetzt als neues Markenzeichen etablieren. Dabei liegt die Idee so nahe. Schon weil in Esslingen eine der bundesweit besten Technikhochschulen sitzt, deren Absolventen zum Diplom, Master oder Bachelor noch gratis den brancheninternen Ehrentitel "Esslinger Ingenieur" erhalten. Aber davon soll später noch die Rede sein.

Mögen Heimathistoriker protestantische Ethik und die grüblerische Art der Schwaben als Erklärung dafür bemühen, dass Esslingen zum Biotop für Tüftler wurde, tatsächlich ist Esslingen vor allem deshalb die Heimat so vieler Feinmechaniker geworden, weil hier seit Anfang des 19. Jahrhunderts besonders viele Wirtschaftspioniere auftauchten. Sie ersetzten die Einzelanfertigung durch industrielle Produktion. Dafür benötigten sie nicht nur viele Ungelernte für die Arbeit an den Maschinen, sondern auch Menschen, die diese Maschinen entwerfen, bauen, einrichten und reparieren konnten.

Es hat viele Gründe, warum sich diese Wirtschaftspioniere nicht Stuttgart oder Ulm aussuchten, sondern Esslingen, das dadurch zum ersten und stärksten Motor der industriellen Entwicklung im Königreich Württemberg wurde. Die Lage am Neckar, dessen Wasserkraft bis heute genutzt wird, Politik und Zufall spielen eine Rolle, aber auch freundschaftliche und familiäre Beziehungen. "Letztlich bleibt manches im Dunkeln", sagt Gert Kollmervon Oheimb-Loup, Direktor des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg.

Zum Beispiel, warum um 1810 ein gewisser Heinrich Rudy aus Neuwied seine Blechlackierfabrik in Esslingen gründete, die unter ihrem späteren Eigentümer Carl Deffner, seinerseits aus dem Hohenlohischen stammend, zu der internationalen Adresse in ihrer Branche avancierte, weil in ihr ab 1827 erstmals moderne Verfahren für die Oberflächenveredelung und Verformung von Metallen zum Einsatz kamen. Oder warum der Säcklermeister Caspar Bodmer aus Stäfa bei Zürich seine Handschuhfabrik ausgerechnet in Esslingen etablierte.

Die Auswärtigen brachten den Erfolg in die Stadt

Die Schubkraft für die industrielle Entwicklung Esslingens kam fast ausschließlich von außen. Anders als in anderen Städten war Esslingens alte Oberschicht nicht in der Lage, mit der Zeit und in die Industrialisierung hineinzugehen. In der Stadt entwickelte sich keine Bankenlandschaft. Ohne Ideen und ohne Zugang zu Kapital gelang dem Esslinger Patriziat aus Kaufleuten, Handwerkern und Gewerbetreibenden "so gut wie nichts", urteilt Kollmer, selbst Esslinger, streng.

Auswärtigen dafür umso mehr. So geht etwa der Heilbronner Georg Christian Kessler nicht nur als Gründer von Deutschlands erster Sektkellerei in die Geschichte ein. Tatsächlich war der in Frankreich geschulte Industriepionier in Esslingen als Textilunternehmer gestartet. Aus seiner hochmodernen Wollfabrik geht das Unternehmen Merkel & Kienlin (den Namen geben zwei Ravensburger) hervor, das bis zu seiner Liquidation 1971 die bekannte "Esslinger Wolle" produzierte.

Selbst die Initialzündung dafür, dass Esslingen zur ersten Fabrikstadt Württembergs wurde, fiel in Stuttgart. Die Herren der Ständeversammlung wollten ins beginnende Eisenbahnzeitalter nicht wie Preußen mit einer Privatbahn fahren, sondern mit einer Staatsbahn. Die notwendige Lokfabrik sollte an der ersten Eisenbahnlinie Württembergs zwischen Stuttgart und Ulm liegen. Die Streckenführung durchs Neckartal bot sich an wie Esslingen, das Grund, Boden und Wasserkraft kostenlos zur Verfügung stellte.

Es war ein großes Staunen im Esslinger Tal, als die Maschinenfabrik Esslingen, Württembergs größtes Industrieunternehmen des 19. Jahrhunderts, innerhalb eines Jahres aus dem Boden gestampft wurde und 1847 die erste Lok auslieferte. Von da an war die "ME" über Jahrzehnte das, was VW heute für Wolfsburg ist - ein alles beherrschender Konzern mit besten Verbindungen in die Politik. Er verwies die angestammte Textilindustrie bald auf den zweiten Platz.

Die ME benötigte Hunderte von Facharbeitern, die man aus Österreich und der Schweiz anwarb oder durch Qualifizierung von Handwerkern und Ungelernten aus der Stadt und dem Umland allmählich heranzog. Die ME wurde zur Kaderschmiede eines neuen Typus von Facharbeiter - und zwar für den gesamten mittleren Neckarraum. Schon Mitte der 1850er Jahre waren dank der Maschinenfabrik und der Textilfirmen mehr Esslinger in Fabriken beschäftigt als im Kleingewerbe und der Landwirtschaft zusammen.

Die Esslinger Loks fuhren in Italien, Frankreich, Ungarn und Dänemark. Selbst nach Chile, Brasilien und auf Sumatra wurde geliefert. Bald erweiterte die ME ihre Produktpalette um Wassermotoren und Wasserräder, sie baute Krane und Dampfkessel. Um diesen industriellen Kern entstanden Fabriken, in denen Besteck und andere Haushaltsartikel nicht mehr mechanisch plattiert, sondern galvanisch versilbert wurden; der Uhrmacher Gustav Boley stellte als Erster in Deutschland Uhrmacherwerkzeug und die dazugehörigen Maschinen industriell her. Der Unternehmer Friedrich Dick, dessen Name heute noch auf einem Industrieschornstein weithin zu lesen ist, entwickelte eine Feilenhaumaschine, die feine Feilen und Raspeln herstellte; und der Schlosser Fritz Müller spezialisierte sich auf hydraulische Verfahren in Maschinen und Pressen und wurde dafür bald in ganz Europa gerühmt.

Es fehlte der boomenden Stadt nur noch eine Schule für Maschinentechniker, die für Nachwuchs sorgte. Im Oktober 1914 wurde die Fachschule für Maschinentechniker aus der Stuttgarter Baugewerkeschule ausgegliedert und in Esslingen als "Königlich-Württembergische Höhere Maschinenbauschule" etabliert. Die Stadt hatte, wie schon bei der ME, Geld und Bauplatz bereitgestellt, die Fabrikanten spendeten reichlich. Nach mehreren Namensänderungen heißt sie heute Hochschule Esslingen und führt den modischen Zusatz "University of Applied Sciences". Aber bis heute hält sich hartnäckig der Name: Ingenieurschule.

Wie der Name, so hat sich auch ein alter Brauch ins digitale Zeitalter gerettet. Bevor die neuen Ingenieure zu Porsche und Daimler, Bosch und MAN gehen, wackeln sie im Kandelmarsch - ein Fuß auf dem Bürgersteig, ein Fuß auf der Straße - mit Frack, Zylinder und Bierkrug in der Hand zum Abschied durch die Stadt. Die Bürger klatschen, die Absolventen johlen, und der Rektor entlässt sie mit einer Ansprache in die Zukunft.

Die sieht rosig aus, denn an Ingenieuren herrscht Mangel. Die Textilindustrie ist zwar verschwunden, und die letzte Lok hat 1966 die Maschinenfabrik gen Indonesien verlassen. Aber auf dem Gelände sitzt heute Daimler und produziert in einer der weltgrößten Aluminiumgießereien Kurbelgehäuse und Zylinderköpfe. Das Werk ist einer der größten Arbeitgeber und konkurriert um die besten Abgänger der Ingenieurschule. Ein anderer großer Arbeitgeber Esslingens verfiel auf eine ungewöhnliche Idee, um junge Ingenieure zu holen. Festo, Spezialist für Automatisierungstechnik, hat den ersten firmeneigenen Bildungsfonds Deutschlands aufgelegt. Dabei fließen an 130 ausgesuchte Studenten fünf Millionen Euro als Darlehen. Kontakte zum Festo-Management und Chancen auf Praktika sind bei dieser Finanzspritze inklusive. Keine schlechten Argumente für einen Berufsstart in der Ingenieurstadt Esslingen.

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Autor:
Stefan Scheytt