Frankfurt IG-Farben-Haus

"Als wir nach Frankfurt kamen, war unser Ziel der Hauptsitz der IG-Farben; aus unseren Unterlagen ging hervor, dass es das größte Gebäude in der Stadt sei und das Hauptgeschäftsviertel überrage."

Robert Thompson Pell, von dem diese Zeilen stammen, erreichte Ende März 1945 mit einer Gruppe der amerikanischen Task-Force das gerade eroberte IG-Farben-Gebäude, um mit der Suche nach Dokumenten zu beginnen.

Das IG-Farben-Haus füllte sich unterdessen mit Flüchtlingen, Zwangsarbeitern unterschiedlichster Nationalität, die Zuflucht suchten und bei den amerikanischen Truppen fanden. Mehr als 2000 Menschen drängten sich Anfang April 1945 in den Gängen des Gebäudes, kampierten auf dem Gelände, wuschen sich in dem Bassin, das den Park zwischen Hauptgebäude und Casino schmückte. Es dauerte Wochen, bis in dem Haus die neue "Ordnung" hergestellt war, und es war damals und blieb bis heute: ein Haus, das Phantasien weckt und Mythen. Im Lauf der Jahre entstanden Geschichten über unterirdische Tunnel, überflutete Keller und geheime Labors.

Die Amerikaner hatten am 27. März 1945 einen großen Teil der Stadt besetzt und auch das IG-Farben-Gebäude gestürmt. Die Task-Force suchte im Keller nach Geheimverstecken, fand aber, wie Pell sich erinnerte, nur "noch einen verschreckten Deutschen; es stellte sich heraus, dass er der Wachmann der Firma war. Er hatte die Befehle des Herrn Direktor befolgt, durch dick und dünn auszuhalten, war in seinem Raum eingeschlossen worden und durfte so dort bleiben. (...) Er sagte, er böte jede Hilfe an, wenn er nur bleiben dürfe, denn er hätte Befehl von seinem Vorgesetzten zu bleiben, und es würde ihm schlecht ergehen, falls er wegginge. Wir sagten ihm, er solle sich sofort aufmachen und einige Direktoren der IGF herbeischaffen."

Die Direktoren, die Pell mit seinem Jeep aus den Vorstädten abholte, spielten Katz und Maus mit den Besatzern, holten seelenruhig ihre privaten Wertsachen aus den Safes und erklärten sich allesamt darüber hinaus für nicht zuständig.

Der Vorsitzende Georg von Schnitzler empfing die Task-Force auf seinem Herrensitz in Oberursel im gepflegten Golfanzug, im Stil eines englischen Landedelmannes. Details wusste auch er nicht, aber er bekundete seine Freude darüber, nun bald wieder mit seinen früheren Geschäftsfreunden in England und Amerika verbunden zu sein. Von Schnitzler war schon früh der nationalsozialistischen Bewegung beigetreten und schmückte sich seit 1930 mit dem Rang eines SA-Hauptsturmführers, während die Mehrheit der Direktoren, Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder, wie Carl Bosch, noch zu den demokratischen und konservativen Parteien hielten. In ihrer Stadtvilla im Westend unterhielt Frau von Schnitzler unterdessen einen Salon mit liberalen Gästen. Noch hielt man sich alle Optionen offen, bis 1933 von Schnitzlers besondere politische Verbindungen ihre Nützlichkeit bevor Gericht. Und während der Kalte Krieg begann, wurde er wie auch die meisten anderen zu vergleichsweise milden Strafen verurteilt, um bald wieder auf freien Fuß zu gelangen.

1995, 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde das Haus zum zweiten Mal von seinen Nutzern verlassen. Einmal mehr wurden die Safes geleert und das Mobiliar entfernt. Drei Jahre stand es leer, bevor die Arbeiten am Umbau für seinen neuen Gebrauch begannen, als Stätte der Wissenschaft und Forschung, als Domizil der Frankfurter Goethe-Universität. Drei Jahre Vakuum und Stille, drei Jahre, in denen an Wänden gekratzt und hinter abgehängte Decken geschaut wurde, an denen Einbauten demontiert und alle Räume neu vermessen, Wasserleitungen und Paternoster stillgelegt wurden. Drei Jahre, in denen Spurensucher durch das Haus streiften.

Es ist zu hoffen, dass es der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Zukunft gelingen wird, einen offenen Umgang mit der ambivalenten Geschichte des Ortes zu entwickeln. Und vielleicht auch die lang gepflegte Amnesie in eigener Sache zu überwinden. Noch heute, im Jahr 2001, sieht auch die Universität, wie weiland die Direktoren der IG-Farben, sich vor allem als Opfer des NS. Dass bedeutende Teile der akademischen Eliten die Beseitigung ihrer jüdischen Konkurrenz schon vor 1933 gefordert und nach der "Machtergreifung" unverzüglich und eifrig ins Werk gesetzt hatten, taugt bis heute nicht für Festreden.

Als Konzernzentrale der Interessengemeinschaft-Farbenindustrie von 1928 bis 1930 nach Plänen des Architekten Hans Poelzig erbaut, war das Haus viele Jahre das größte Bürogebäude in Deutschland. Das Areal, auf dem der 1925 gegründete Konzern seine versammelte Macht demonstrieren wollte, hatte eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Am Nordrand des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufstrebenden bürgerlichen Stadtteils Westend gelegen, hatten sich hier im 18. Jahrhundert noch Obstwiesen am Affensteiner Weg befunden, zum Teil im Besitz der Familie Goethe, die ihren Grund 1793 an die Bankiersfamilie Bethmann-Metzler veräußerte, die wenige Jahre zuvor schon das angrenzende Hofgut, die Grüneburg, erworben hatte. Die Grüneburg wurde zu einem Treffpunkt der Frankfurter Gesellschaft, und dies blieb auch so, als 1837 die Rothschilds den Besitz übernahmen und das Grüneburgschloss erbauten.

Struwwelpter-Autor gründet Irrenanstalt auf dem Gelände

Wenige Jahre später initiierte der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann, bekannter als Autor des Struwwelpeter, den Erwerb eines Teils des Geländes am Affenstein zur Gründung einer städtischen Irrenanstalt, die von 1859 bis 1864 errichtet wurde. Dr. Alzheimer entdeckte dort an seinen Patienten die Symptome pathologischer Vergesslichkeit, das Krankheitsbild, das schließlich seinen Namen erhielt. 1926 beschloss der neue Chemiekonzern, das größte industrielle Unternehmen Europas, einen großen Teil seiner Konzernverwaltungen in Frankfurt zusammenzulegen und einen Neubau zu errichten. So kam es zu jenem Wettbewerb, aus dem Hans Poelzig mit seinem Entwurf als Sieger hervorging. Direktoren und Mitarbeiter der IG hatten sich schon zuvor auf einer Reise in die USA kundig gemacht, was Standards modernen Bürobaus anging. Sie beschäftigten sich mit Vorstellungen über rationale Arbeitsorganisationen im Büro, den Abbau von demonstrativen Hierarchien und auch solchen Dingen wie Selbstbedienung in Kantinen und Sportanlagen für die Mitarbeiter.

Hans Poelzig gewann den Wettbewerb mit einem Entwurf, der auf triumphierend-festliche Gesten setzte. Das IG-Farben-Haus, wie Poelzig es entwarf, erst recht wie es sich nach einigen Modifikationen darbot, die das Gebäude hangaufwärts von der Wohnbebauung wegschoben, sollte die ganze Stadt wie ein Schloss dominieren, eine auftrumpfende Geste der Macht, mit der sich der Konzern als Ganzes, von der "kleinen" Angestellten bis zum Direktor, identifizieren konnte.

Poelzig hatte genug Erfahrung als Filmarchitekt und Theaterbaumeister gewonnen, um zu wissen, dass Traumkulisse und Panorama, Blickachse und Verschmelzungsphantasie wichtiger sein konnten als Verträge, Stechuhren und Dienstanweisungen. Illusionistisch war auch der Konferenzsaal im östlichen Außentrakt, der nur durch indirektes Licht beleuchtet wurde, das nach Bedarf durch Kunstlicht kompensierbar war, wenn die Entscheidungen zu lange auf sich warten ließen und der Tag zu Ende ging, ehe Carl Bosch seine Vorstandskollegen in den Feierabend entlassen wollte. So jedenfalls lautet eine der vielen Legenden aus dem Alltag der IG, zu schön, um schnöde an ihr zu zweifeln. Zu den Legenden der Nachkriegszeit hingegen gehören nicht nur die Entlastungsmärchen der IG-Farben-Manager vor dem Nürnberger Militärtribunal. Auch aus der umgekehrten Sicht taugt das Verhältnis zwischen der IG und den Nationalsozialisten zur Mythenbildung.

Die Verflechtung zwischen dem Konzern und Görings Vierjahresplanbehörde; die rasant gestiegenen Unternehmensgewinne in den dreißiger Jahren; das Engagement des Konzerns in Auschwitz, das zur Errichtung des ersten von einem Unternehmen gemeinsam mit der SS eingerichteten Konzentrationslagers (nämlich des Lagers Monowitz) führte, und schließlich zum Ausbau von Auschwitz-Birkenau beitrug, dem größten Konzentrations- und Vernichtungslager überhaupt; die Produktion von Zyklon B durch die IG-Farben und Degussa-Tochter Degesch; die Tausenden "verbrauchten" und ermordeten Zwangsarbeiter der IG-Farben, die 1945 das Bild einer ungetrübten Kooperation zwischen Konzern und Nationalsozialismus hinterließen.

1945 war es mit der Großartigkeit der Herrenmenschen vorbei, wenigstens zeitweise. Die gefangen gesetzten IG-Farben-Manager aber führten sich auch in der Haft in Landsberg am Lech noch immer auf wie Direktoren. Gemeinsam mit dem Gefängnisseelsorger bemühte man sich um einen komfortableren Aufenthaltsort. Man schlug den Luftkurort Kransberg im Taunus vor.

Das Gebäude aber diente fortan und 50 Jahre lang den Amerikanern als Headquarter, in verschiedenen Funktionen. Von Mai 1945 bis 1952 residierte hier der Oberbefehl über die alliierten Streitkräfte in Deutschland. General Dwight D. Eisenhower hinterließ als erster Spuren. Grundlegende Entscheidungen über die Zukunft Nachkriegsdeutschlands fielen hier, von der Proklamation Nr. 2, der Gründung der Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, bis zu den Verhandlungen zwischen den Alliierten und den deutschen Ministerpräsidenten über das Grundgesetz 1948.

1952 übernahm das V. Korps der amerikanischen Streitkräfte in Europa das Gebäude und kontrollierte von da an den potentiellen Schauplatz eines möglichen Krieges zwischen den Blöcken: das "Fulda Gap", einen 80 Kilometer langen Streifen der deutsch-deutschen Grenze, der als Einfallstor des potentiellen Angriffs galt.

1975 erhielt das "IG-Farben-Building", wie das Haus von seinen Nutzern längst mit einer Mischung aus Respekt, Ironie und Distanz genannt wurde, einen neuen Namen, der sich allerdings nie wirklich durchsetzte: Nach General Creighton W. Abrams. 1975, ein Jahr nach seinem Tod, wurde ihm das Haus und der gesamte Gebäudekomplex gewidmet. Zuvor, am Abend des 11. Mai 1972, hatten drei Bombenexplosionen die Situation mit einem Schlag verändert. Die "Rote Armee Fraktion" hatte,wie es so schön hieß, den "Krieg in die Metropolen" getragen.

Zwei Sprengkörper detonierten im Foyer des Hauptgebäudes, eine dritte vor dem "Terrace Club". Ein amerikanischer Soldat wurde getötet, 17 Menschen verletzt. Auch 1976 und 1982 detonierten Bomben, das Gebäude und das gesamte Areal wurde schrittweise abgeriegelt, mit Zäunen und Sicherheitskontrollen umgeben, zu einem Territorium außerhalb der Lebenswelt der Stadt.

Einmal mehr war das Schloss auf dem Affenstein, wo einst Vater Goethe seine Äpfel erntete, wo Heinrich Hoffmann an den Struwwelpeter dachte, wo Dr. Alzheimer das Geheimnis der Vergesslichkeit entdeckte, wo die Entscheidung über den Industriestandort Auschwitz fiel, wo das Grundgesetz eines demokratischen Nachkriegsdeutschlands abgesegnet und schließlich mit Terror gegen die amerikanische Besatzung gebombt wurde, zu einem Ort der Mythen geworden.

1995 wurden die Türen zu diesem Spukschloss geöffnet, und die Frankfurter strömten herbei. Wonach sie wohl suchten? Gefunden haben sie jedenfalls anderes.

Autor:
Hanno Loewy