Europop Identität gesucht

Tokio Hotel sind nicht die Söhne Mannheims. Und der kajaläugige Sänger Bill Kaulitz unterscheidet sich nicht nur optisch vom charismatischen Rhein-Neckar-Lokalpatrioten Xavier Naidoo. Während Xaidoo mit Nachdruck bei der Transformation seiner industriell geprägten Heimatstadt in einen Musik- und Medien-Standort mitwirkt, gehört anpackende Heimatverbundenheit nicht unbedingt zum Repertoire der Kaulitz-Band.

Der internationale Ruhm der Teenie-Stars färbt jedenfalls nicht auf Magdeburg ab. Niemand spricht wegen Tokio Hotel vom neuen Manchester (Take That, New Order, Happy Mondays) oder Seattle (Nirvana und das Label SubPop) an der Elbe. Und auch das offizielle Marketing der Stadt Magdeburg scheint die Strahlkraft von Pop nur wenig zu interessieren. Stattdessen setzt man auf "Die Grüne Zitadelle" von Friedensreich Hundertwasser oder feiert ein "ereignisreiches Otto-Wochenende". Zu diesem Anlass sollen sich vom 1. bis 3. Juli 2011 die bürgerlichen NachfolgerInnen von Kaiser Otto I. zum einfinden. Begrüßungscocktail und eine Themenführung sind in der speziellen Otto-Pauschale inbegriffen. Eine Stadt sucht nach ihrer Identität.

Jenseits dieser semi-pfiffigen Vermarktungsideen wird schon auf dem Magdeburger Bahnhofsvorplatz deutlich, dass die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt in einem schwierigen Umwandlungsprozess steckt. Wo jahrzehntelang Kriegswunden und Brachflächen ein deprimierendes Gefühl der großen Leere auslösten, steht jetzt funktionale Verwaltungsarchitektur in Reih und Glied. Zumindest wirkt der Stadtraum vor der zentralen Otto-von-Guericke-Straße nun einigermaßen geordnet. Ich besuchte Magdeburg, das ich aus DDR-Zeiten als extrem graumäusig und spröde in Erinnerung behalten habe, anlässlich einer Versicherungstagung im großformatigen Maritim-Hotel. In der benachbarten Sportsbar verlor gerade der örtliche Handballverein gegen den HSV. Und beim Karaoke nebenan amüsierte sich die örtliche Studenten- und Azubi-Jugend zu Mariah-Carey-Hits wie Bolle. Alltagsszenen eines Sonntags.

Über die Otto-Guericke-Straße gelangt man fußläufig zum frühgotischen Dom, der sich nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten ohne Einrüstung und Planen präsentiert. Das umliegende Viertel liegt wie eine Terrasse über der träge vorbei fließenden Elbe, die vom Fürstenwall mit dem spätmittelalterlichen Wehrturm "Kiek in de Köken" flankiert wird. Magdeburgs historische Schokoladenseite ist nicht sonderlich groß, aber per Sandstrahl gründlich befreit vom einstigen DDR-Muff.

"Magdeburg hat durchaus was, aber das ist Auswärtigen anscheinend nur schwer zu vermitteln. Das nähere Umland kommt ja in Scharen zum Shoppen und Ausgehen, doch ansonsten ist die Stadt wohl die große Unbekannte", sagt Marie-Charlott Schube. Die mittlerweile in Berlin studierende Bühnenbildnerin hat den Aufstieg des Schauspielhauses zur modernen und engagierten Regionalbühne erlebt. Auch auf die großen Ausstellungen im Kunsthistorischen Museum lässt die 24-Jährige mit der typischen Nachwende-Biografie nichts kommen. "Hier habe ich seit meiner Schulzeit immer wieder neue Aha-Erlebnisse gehabt", sagt sie. Am Magdeburg-Stand auf der ITB-Messe trommelt man derweilen für die große Ausstellung "Otto der Große und das Römische Reich" im zweiten Halbjahr 2012. Statt Tokio Hotel setzen die Strategen auf den legendären Kaiser, der im nächsten Jahr immerhin seinen 1100sten Geburtstag feiert. Magdeburg strebt mit Geschichte in die Moderne.

Doch auch die Club- und Barszene rund um den gründerzeitlichen Hasselbachplatz kann durchaus mit dem Angebot ähnlicher Provinzmetropolen mithalten. Im lauschigen Kellerclub Deep ("Drinks & Beats") in der Breite Straße etwa legen DJs im Seitenraum gepflegte elektronische Musik auf und am nahe gelegen Bahndamm soll sogar die örtliche Halbwelt ein wenig echtes Gangsterflair wie links und rechts der Reeperbahn verbreiten. Wer einmal in Magdeburg gelandet ist, findet durchaus kultivierte Zerstreuung. "Es gibt sogar eigenwillige Magdeburg-Phänomene", sagt Schube, "wie etwa der merkwürdige Sushi-Boom, der die örtliche Gastronomie bis heute prägt."

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Autor:
Ralf Niemczyk