Nachgeschenkt Hüteklasse 1A

Es gibt nur wenige Männer, die man nie ohne Hut sieht: Die Musiker Udo Lindenberg und Roger Cicero gehören dazu. Und auch Lukas Krauß, ein junger Winzer aus Lambsheim in der Pfalz, von dem in den kommenden Jahren noch einiges zu hören sein wird. Die Gründe dafür Hut zu tragen, mögen unterschiedlich sein. Beim 23-jährigen Lukas Krauß steckt ein Spleen dahinter.

Er habe, so erzählt der Pfälzer, als Heranwachsender leidenschaftlich gerne Baseballcaps getragen. Was seine Mutter an besonderen Tagen des Jahres etwas unglücklich machte. Konnte der Bub die Mütze nicht mal an Weihnachten abnehmen? Doch, konnte er. Er besorgte sich im Landhandel einen Hut, den man gemeinhin zum Arbeiten aufsetzt und der ihm gut zu Gesicht stand. Bald trug er lieber Hut als Mütze, er ist zu seinem Markenzeichen geworden, zu einem Stilmerkmal.

Mit Hüten kennzeichnet Krauß auch die Qualitätsstufen seiner Weine: Ein Hut steht für gut, zwei Hüte stehen für noch besser. Irgendwann wird er ein Etikett mit drei Hüten dekorieren, es soll eine Weißwein-Cuvée sein. Aber überstürzen will Krauß da nichts: "Da muss alles zusammen passen, der Jahrgang, die richtigen Trauben." Einen vermeintlich großen Wein anzubieten, der dann schmecke wie eine "mittelmäßige Spätlese", das wolle er nicht, basta.

Lukas Krauß ist eigenwillig und manchmal auch ein wenig renitent. Charakterzüge, die seinen Weinen zugute kommen. Immer im Dienste des guten Geschmacks, hinterfragt er Moden und bricht auch mal Gesetze, die aus Routine und Bequemlichkeit entstanden sind. Seinen Riesling mit zwei Hüten beispielsweise hat er in gebrauchten Holzfässern ausgebaut und damit alle eindrucksvoll widerlegt, die schon beim Gedanken daran aufschreien. Krauß mag es, "wenn der Wein den Charakter des Fasses mitnimmt, ohne nach Holz zu schmecken".

Etwas provokant nennt er sich Weinbauer, in einer Welt, in der doch alle mit Titeln wuchern. "Bertold Brecht nannte sich Stückeschreiber unter Dichtern, ich bin Weinbauer unter Winzern", erklärt Krauß. Er verrichtet alle Arbeiten "sehr handwerklich", außerdem ist Lambsheim umgeben von Kohlköpfen und Kartoffeln, sie prägen die Landschaft mehr als Rebstöcke. Da sei es doch naheliegend, sich Bauer zu nennen.

Es ist üblich geworden, dass Winzer ihr Terroir verklären, meistens verstehen sie darunter ihre Böden und die natürlichen Bedingungen in den Weinbergen. Terroir ist zur inflationär gebrauchten Marketingformel in der Weinbranche geworden. Krauß singt das Hohelied vom Terroir nicht mit, weil ihm "das Gerede lästig geworden ist und weil es alle tun. Ich wollte runterkommen vom hochtrabenden Gerede." Das allzu Bedeutungsschwangere braucht er nicht. Die ewigen Floskeln, die im Kreislauf der Weinbereitung wuchern, langweilen ihn. Dass Winzer möglichst gesunde Trauben möglichst schonend verarbeiten, das sollte so selbstverständlich sein wie das Ziel einer Hebamme, gesunde Kinder ans Tageslicht zu befördern.

Am Ende zählt das, was ins Glas fließt. Und da kann Lukas Krauß viel bieten. Er will Weine erzeugen für "Laien und ambitionierte Trinker". Sie sollen Spaß und Anspruch verbinden wie die Weißweincuvée Chapeau Krauß, frisch und aromatisch. Sein Silvaner ist von ähnlicher Stilistik, er ist leicht, riecht nach Wiesenkräutern und vermittelt große Trinkfreude. Wie auch sein Rotwein Krauße Schwarzer aus Schwarzriesling und Portugieser, den der Winzer in gebrauchten Barriques ausgebaut hat. Ein Wein, bei der jede Gesprächsrunde die Zeit vergisst.

Auf den selbst gestalteten modern-minimalistischen Etiketten finden sich manchmal Textzeilen des Pfälzer Mundartmusikers Kurt Dehn, die irritieren: "Hoschd mol Kummer un en dicke Klotz im Hals, trink en Riesling vun de Pfalz", wird Dehn, der Mann mit der Quetschkommode zitiert. Für Krauß ist das eine ironische Anspielung auf die vielen Trink- und Speiseempfehlungen, die man inzwischen ungefragt zum Wein mitgeliefert bekommt und "die er auf die Schippe nehmen will". Was er ernst nimmt, sind die Konsumenten seiner Weine. Krauß gehört zur Generation der jungen Winzer, die über Facebook kommunizieren und Neuigkeiten mitteilen. "Ich will meine Kunden auf dem Laufenden halten", sagt er.

Ein bisschen Napa Valley in der Pfalz

Aber Lukas Krauß hat nicht nur Reben und Weintrinker im Blick und macht sich darüber seine Gedanken. "No Nazis", steht auf seinem T-Shirt, Krauß ist meinungsstark und "streitbar", er hat keine Scheu, Haltung zu zeigen. Als Autonomer sieht sich der zweifache Vater nicht, aber er wurde in einem politischen Klima sozialisiert, wo rechts als Richtung abgelehnt wird. Krauß ist so etwas wie der Spaßanarchist unter den jungen deutschen Winzern, sensibel und ernsthaft, wenn es angebracht ist. Aber auch mit einem subversiv wirkenden Humor ausgestattet und vor allem einem kleinen, überzeugenden Sortiment an Weinen.

Ein weiterer hell strahlender Komet am deutschen Weinfirmament ist Christian Bamberger aus Bad Sobernheim an der Nahe. Bamberger, Jahrgang 1969, sammelte Erfahrungen in der Finanzbranche, bevor er sich ganz dem Weinbau verschrieb. Er ging einen ganz eigenen und untypischen Weg für einen Winzer, der sich auch in seinen Weinen wieder findet. Bamberger wuchs auf dem Steinhardter Hof auf, seit 14 Generationen im Familienbesitz. Anfang der 1990er Jahre begann er in Kalifornien Weinbau zu studieren, einen Abschluss strebte er nicht an, "ich habe mir das angehört, was mich interessierte". Anschließend arbeitete er eine Saison im Napa Valley, für seine Rotweine war das stilprägend.

Aber es sollte noch lange dauern, bis er seine eigenen Weine erzeugte. Bamberger studierte zunächst BWL und arbeitete in Frankfurt als Finanzanalyst. "Ich habe die ganzen Exzesse mitgemacht", sagt Bamberger und meint damit die Überhitzung der Finanzmärkte und die Dotcom-Blase, die im Frühjahr 2000 platzte. Bamberger klingt nicht so, als wolle er das noch mal erleben. Als überraschend seine Mutter starb, war plötzlich seine Mithilfe auf dem Hof gefragt. Zunächst pendelte er drei Jahre lang zwischen der Frankfurter Skyline und den Weinbergen an der Nahe. Größer konnten die Gegensätze kaum sein, Bamberger war 35, als das Pendel deutlich in eine Richtung ausschlug. Da erkannte er, "dass Wein immer meine Leidenschaft geblieben ist, auch wenn ich es manchmal verdrängt hatte."

Jetzt besann sich Bamberger auch auf das, was er in Kalifornien gelernt hatte. Ausgerechnet an der Nahe, bekannt für ihre Rieslinge, machte er sich daran, üppige Rotweine nach kalifornischem Schnittmuster zu erzeugen, mit niedrigen Erträgen im Weinberg, langen Maischestandzeiten und dem Ausbau der Weine in Barriques. "Rocking Reds Made In Germany": An der Nahe solche Rotweine zu erzeugen, das erforderte Mut und eine gehörige Portion Können. Denn brauchbare Orientierungshilfen fand er nicht vor: "Das waren eher rote Weißweine als echte Rotweine", sagt er. Einen Dornfelder wie Bambergers aus dem Jahr 2007 findet man hierzulande wohl kaum, tiefschwarz, voluminös, mit kräftigen Tanninen und Aromen von dunklen Früchten. Der Spätburgunder 2006 ist noch zu stark vom Holz geprägt, wird er belüftet, offenbart auch er seine Qualitäten.

Was bei Lukas Krauß der Hut ist, ist bei Christian Bamberger die Zahl 7. Vor zwei Jahren startete er die Weinlinie 7byCB. Die 7, in einigen Kulturkreisen mit besonderer Bedeutung aufgeladen, steht oft für Erfüllung, Vollkommenheit und Ganzheit. Ohne es überstrapazieren zu wollen: Bei Bamberger soll sie für möglichst vollkommene Weine stehen, "so gut es die Natur zulässt".

Ein hehres Ziel, das Christian Bamberger auch auf seine Weißweine überträgt. Seinen Sauvignon Blanc liest der Winzer nicht zu spät, um eine übersteuerte Aromatik zu vermeiden. Er ist elegant und kräuterwürzig. Der Riesling ist schlank und mineralisch, er hält Kontakt zu den Spitzenrieslingen der Nahe. Und die Cuvée W + R, in der Bamberger Weißburgunder und Riesling zusammen führte, gefällt durch ihre Frische und Cremigkeit. Bamberger hat sogar einen Blanc de Noir vom Merlot im Angebot, eine von vielen überraschenden Ideen.

Christian Bamberger steht für eine enorme Entwicklung im Zeitraffer: Erst 2004 hat er das Gut übernommen, 2007 konnte er sechs Hektar erwerben in den Schlossböckelheimer Lagen Königsfels und Mühlberg. Die Weinbergsfläche beläuft sich auf inzwischen zwölf Hektar, 60 Prozent sind weiß bestockt, 40 rot. Die Qualität seiner Weine ist von Jahrgang zu Jahrgang angestiegen. 2011 brachte er eine Ernte ein, mit der er sich "sehr zufrieden" zeigt, wie auch Lukas Krauß in der Pfalz. In den Kellern gären jetzt die Moste mit blubbernden Geräuschen. Man darf gespannt sein auf die Weine aus Bad Sobernheim und Lambsheim.

 

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Autor:
Rainer Schäfer