Niedersachsen Höhenflüge im Heide Park Resort Soltau

Noch lebt der Krake nicht. Doch heute wird ihm die Seele eingehaucht. Oder besser: die Seelen. Furchterregend sollen sie sein und gern auch hässlich. Es ist ein Casting der etwas anderen Art, mit dem das Heide Park Resort in Soltau nach "Erschreckern" für das neue Horror-Kabinett sucht. Kurt Böcker will so einer werden, der den Leuten die Haare zu Berge stehen lässt.

Der 52-Jährige ist gelernter Konstrukteur, doch wichtiger ist sein weißer Rauschebart, den er sich in fünf Jahren wachsen ließ. Er steht auf der Bühne zwischen falschen Skeletten und trägt - mit bösem Blick und zu dramatischer Musik - einen kurzen Text vor. Die Jury ist zufrieden. Böcker tritt bei Mittelaltermärkten als Gaukler auf. Die Experten hingegen sehen in ihm etwas anderes. "Das ist der perfekte Pirat!", sagt einer. Wenige Wochen später. Das Ungeheuer lebt.

Jemand schreit - ein Erschrecker ist im Anmarsch

Ahnungslos stolpern die Besucher durch den Rumpf eines Schiffswracks, das sich in den Fängen der Krake befindet. Plötzlich öffnet sich im scheinbar ausweglosen Spiegel-Labyrinth eine Tür und eine schleichende Kreatur lockt die Gruppe weiter in den Mannschaftsraum. Jemand schreit - einer der Erschrecker hat sich von hinten angeschlichen und dem Opfer in den Nacken gepustet.

In der Kombüse verbreitet Thierry Angst und Schrecken. Der Pfälzer ist gelernter Erzieher und hat bisher als Clown gearbeitet. Nun wirkt er als Koch. "Meine Spezialität ist Menschenfleisch", sagt er grinsend. Immer wieder ist er erstaunt, wie unterschiedlich die Leute erschrecken. "Manche sind ganz in sich gekehrt und ruhig, wenn sie sich fürchten", erzählt der Pfälzer, "andere schreien und rennen panisch Richtung Ausgang." Nur dumm, dass der Weg in die absolute Dunkelheit führt - an dessen Ende natürlich ein neuer Schrecken lauert. Ganz selten, wenn jemand zu komisch guckt, umspielt ein Lächeln seine Lippen. Ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz - wo sonst herrschen Angst und Schrecken, wenn man seinen Job gut macht?

Natürlich stecken die Räume voller Effekte. Doch Licht, Ton und Technik sind hier vor allem Kulisse. Erst die Schauspieler machen "Krake lebt!" zu einer Attraktion. Auch sonst ist ein Freizeitpark nur so gut wie seine Mitarbeiter. Um die Besucher zu begeistern, arbeiten auf dem 850.000 Quadratmeter großen Gelände in der Hochsaison bis zu 700 Menschen - darunter Gärtner, Verkäufer, Elektriker, Schlosser, Maler, Kfz-Mechaniker, Klempner. Manche waren schon dabei, als der Vergnügungspark 1978 mit sechs Fahrgeschäften und einer Tiershow seine Türen öffnete.

Vom Vergnügungspark zur Erlebniswelt

Inzwischen ist er zu einer Erlebniswelt mit 50 Attraktionen und Shows angewachsen. Die Arbeit in diesem Betrieb, der im Winter geschlossen bleibt und im Sommer sieben Tage die Woche auf Hochbetrieb läuft, ist abwechslungsreich, aber auch anstrengend. "Es ist dunkel, es ist laut und es stinkt", sagt Lothar Berger mit einem Augenzwinkern über den Job eines Erschreckers.

Der ausgebildete Schauspieler stand früher auf Theaterbühnen, seit 2007 ist der Heide Park sein Arbeitgeber. In "Krake lebt!" taucht er auf einem Bildschirm als furchterregender, besessener Erzähler auf. Der 41-Jährige mit dem netten, breiten Gesicht liebt es, Bösewichte zu spielen. Beim Casting saß er lächelnd im Hintergrund und freute sich über die motivierten Laienschauspieler, die er nun als Teamleiter betreut. Während der Saison ist er fast jeden Tag im Park. Das sei nicht schlimm: "Ich bin hier angekommen und mache das aus Leidenschaft."

Das Horrorkabinett braucht viel Personal. Doch auch "Krake" gleich daneben, die 2011 mit zwölf Millionen Euro gebaute Achterbahn, läuft nicht von selbst. Wer sich in einen Wagen setzt, um mit bis zu 100 Stundenkilometern über die Schienen zu flitzen, will vor allem eins: Sicherheit. Dafür sorgen Menschen wie Stefan Tödter. Er kümmert sich mit anderen um die Fahrgeschäfte. In einem kleinen Raum mit Sicht auf die Einstiegszone der Bahn telefoniert er gerade wegen einer quietschenden Achse. Dann zeigt er auf die Lämpchen eines großen Schaltpults.

Sicher gerüstet für Notfälle

"Erst wenn alle grün leuchten, lässt sich die Bahn starten", erklärt er. "Dazu müssen alle drei Mitarbeiter dort unten gleichzeitig einen Schalter drücken." Neben diesem Schalter prangt jeweils ein großer roter Knopf für Notfälle. Bis kurz vor dem Fall lässt sich der Wagen damit anhalten. So könnte das "Höhenrettungsteam", wie Tödter es nennt, die Passagiere über einen Evakuierungslift aus ihren Sitzen holen. Gegen alle Eventualitäten ist die Bahn abgesichert: Ein aufziehendes Gewitter oder ein plötzlicher Sturm sind im norddeutschen Flachland nicht selten, aber "die Anlage ist mit einer Wetterstation verbunden, und die warnt frühzeitig", sagt Tödter stolz.

Das Fenster steht offen, Tödter lauscht. "Hören Sie?", fragt er begeistert. "Hören Sie, wie ruhig die Bahn fährt?" Tatsächlich gleitet der Wagen ganz sanft über die Schienen. Steil hinauf werden die Passagiere gezogen, sachte fahren sie über eine Plattform und genießen die Aussicht in 40 Metern Höhe. Dann stürzen sie senkrecht in die Tiefe.

Immer noch ist kaum ein Ruckeln zu spüren, dafür ein Rausch aus Fliehkraft und Geschwindigkeit. Knapp eine Minute dauert die Fahrt, und man spürt jede Sekunde. Dieser Nervenkitzel lockt Gäste aus ganz Deutschland nach Soltau. Viele machen gleich eine Kurzreise in diese Welt der Extreme und übernachten im riesigen Hotel oder in einem der rund achtzig Holzhäuser des Camps. Manche kommen auch wegen der ausgezeichneten Shows wie "Das Gold von Port Royal", die ihr eigenes Fanpublikum haben. Das Piraten-Stück vor üppiger Kulisse bietet ein Potpourri aus Slapstick, Akrobatik, Pyrotechnik und flotten Sprüchen.

Auch Obererschrecker Lothar Berger steht auf der Bühne. Gerade liefert er sich als Admiral Lafitte mit dem Piraten Henry Morgan eine elegante Zeitlupen-Schlägerei. Als arroganter Franzose lässt er sich genüsslich vom Publikum ausbuhen. Spielt er nicht den Admiral oder den Fledermausgott Camazotz, stakst er auch mal auf Stelzen übers Gelände - ein ungewöhnlicher Chef an einem ungewöhnlichen Arbeitsplatz.

INFOS: 

Das Heide Park Resort in Soltau ist vom 31. März bis 04. November 2012 täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, während der Sommermonate meist bis 18 Uhr. Kinder ab 12 Jahren und Erwachsene zahlen pro Ticket 39 Euro für ein Tagesticket, 4-11jährige 29 Euro. Tipp: Bucht man die Tickets online, sind sie weitaus günstiger.   

Für das MERIAN extra - Niedersachsen mit Kindern waren MERIAN-Reporter für Sie auf Landgütern im Kurzurlaub, übernachteten in Heuhotels, vergnügten sich im Freizeitpark in der Heide, erkundeten das Watt, studierten die Römer im Osnabrücker Land und staunten in der Autostadt in Wolfsburg und im Erlebnis-Zoo in Hannover. Viel Spaß beim Lesen!

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Autor:
Jonas Morgenthaler