Allgäu Hochseilgarten und Waldseilpark

Kaum war er aus den USA zurück im Allgäu, da stellte er die Frage, die sein Leben verändern sollte. Bereits im Flugzeug über dem Atlantik hatte er mit ersten Skizzen begonnen. Und dann sprach er zu Hause seine Mutter an: "Mama, kann ich die Wiese in Bolsterlang haben?" - "Na, was habt ihr denn diesmal vor?" Frau Vetter überraschten die sportlichen Eskapaden und der Unternehmungsgeist ihres Sohnes Werner und dessen Freundes Charly Siegl schon längst nicht mehr.

"In den USA bin ich zum ersten Mal in einem Hochseilgarten herumgeklettert und war fasziniert von den vielen Möglichkeiten, die sich dabei boten", erzählt Werner Vetter. "In einem Hochseilgarten kann sich jeder ausprobieren, und es gibt überhaupt keine festen Regeln, wie die verschiedenen Wege bewältigt werden - das einzige Dogma ist die Sicherung."

Und die könnte ihm durchgebrannt sein, dachten sich einige im Gemeinderat von Bolsterlang, als Vetter dort 1996 seine Idee präsentierte. Aber was sprach gegen eine neue Attraktion hier in den Hörnerdörfern, die ja doch den einen oder anderen Gast interessieren könnte? Genau dafür brauchte Werner Vetter die Wiese in Bolsterlang. Er bekam grünes Licht, bestellte in den USA die passenden Pfähle aus harzendem Lärchenholz, das sich selbst imprägniert, und buddelte auf der Familienwiese 30 passende Löcher.

Die Zeichen sich wandelnder Freizeitinteressen hatten Vetter und Siegl bereits viele Jahre früher erkannt. Charly war es, der 1983 in Neuseeland "etwas ganz Irres" probierte, was damals in Europa noch kaum jemand kannte: Rafting. Daraus wurde schnell die erste Geschäftsidee des Duos, das heute in Immenstadt im Oberallgäu die Firma "Faszinatour" betreibt. Die noch studierenden Jungunternehmer besorgten sich von der U.S. Army ein gebrauchtes Gummiboot und dann machten sie sich auf die Suche nach den weißen Wassern der Alpen.

"Wildwasser-Reviere gibt es ja einige, doch die nutzten traditionell die Kajakfahrer - die Leute machten große Augen, als wir im Schlauchboot durch die Gischt schossen", erzählt Werner Vetter. In Tirol, wo die eisige Ötz in den ebenso eisigen Inn fließt, wagten die zwei buchstäblich den Sprung ins kalte Wasser, schlugen ihre Zelte auf dem Campingplatz in Haiming auf, verteilten Flugblätter an irritierte Wanderurlauber und amüsierte Einheimische und zählten in der ersten Saison 800 Mutige, die den Ritt durch die Wellen riskierten. "Bald kletterten die Gästezahlen so rasant, dass die Boote an den Stromschnellen fast schon Schlange standen!"

Auf den Stützpunkten Haiming und Pfunds in Tirol bietet Faszinatour alle Trendsportarten an, deren Namen heute zwingend auf "ing" enden müssen, um ernstgenommen zu werden: Rafting, Canyoning und Mountain-Biking. Jährlich kommen rund 20.000 Ausflügler und lassen dafür rund zwei Millionen Euro springen. Damit alle Abenteurer wohlbehalten nach Hause fahren, kümmerten sich Siegl und Vetter von Anfang an um die Ausbildung einer guten Crew, allein 400 Rafting-Guides lernten bei Faszinatour das Gummibootfahren. Passend dazu verwandelte sich Wandern in Trekking oder Hiking, Klettern wurde zu Climbing und alles mündete in der Outdoor-Bewegung, die nach der massenkompatiblen Bespaßung im Freien langsam auf Sinnsuche ging.

Der Bau des Hochseilgartens in Bolsterlang begann 1997, einige Jahre, nachdem Bundeskanzler Helmut Kohl die Republik als "kollektiven Freizeitpark" tituliert hatte, und die Mannschaft von Faszinatour half nach Kräften mit, das Land weiter in einen solchen zu verwandeln: Die Firma entwickelte sich zum Profi im Pfahlbau und konstruierte in Deutschland mehr als 80 Anlagen auf der grünen Wiese.

Drum prüfe, wer sich ans Seil bindet

Auf der grünen Wiese von Bolsterlang machen sich einige Familienausflügler fertig für den Einstieg in das himmlische Vergnügen, ausgerüstet mit Helm und Klettergurt. Werner Vetter zieht bei jedem die Schlaufen fest, schickt die ungeduldige Meute in die Seile und achtet darauf, dass auch jeder mit seinen zwei Karabinern an zwei fixen Strippen hängt. Denn ohne doppelte Sicherung geht nichts in einer Höhe von acht Metern über dem Boden, selbst wenn die Bretter unter den Füßen genug Sicherheit suggerieren. Sichern sei Pflicht, aus Prinzip, und gehöre zum pädagogischen Konzept, da müsse nicht erst ein Orkan lostoben oder eine Stampede des Allgäuer Braunviehs.

Das Herumspazieren in einem Hochseilgarten ist eine Mischung aus Abenteuer und Gesundheitssport, Sekt und Selters, immer prickelnd, Selbsterfahrung und Naturerlebnis. "Die einstige Spaßgesellschaft hat sich völlig verändert, nach den Adrenalin-Kicks standen zunächst extreme Ausdauerleistungen hoch im Kurs, jeder meinte, er müsse unbedingt einen Marathon rennen, und heute entdecken immer mehr Menschen, dass ihnen viele verschiedene Sportarten in der Natur am meisten Spaß machen", sagt Charly Siegl, bevor er den "Fliegenden Fuchs" macht: Er springt ins Leere und gleitet am Seil zum nächsten Baum. In sogenannten Abenteuer-Rennen werden die unterschiedlichen Sportarten zu einer Art alpinem Zehnkampf gegen die Uhr und gegnerische Teams vereint. Die Sportartikel-Industrie liebt diese Wettbewerbe, weil sie so schön bunt und materialintensiv sind, irgendetwas immer kaputt geht, die neuen Naturliebhaber treue Kunden sind und der Jugendwahn keine Rolle spielt.

"Inzwischen haben wir 20 Hochseilgärten für europäische Nachbarn und zwei sogar auf Island konstruiert", sagt Siegl und hangelt sich mit seiner Frau Beatrix davon - Hand an Hand, Auge in Auge, Vertrauen gegen Vertrauen. Jeder Hochseilgarten bietet an die 30 verschiedene Übungen und lässt sich auch überdacht und ganz aus Stahl bauen - dann heißt er Sky Trail, und das Patent darauf liegt bei den Allgäuern. "Die Variante ist schon etwas teurer und kostet zwischen 200.000 und 500.000 Euro, abhängig vom Stahlpreis", sagt Vetter und ruft zum Revierwechsel. Die jüngste Erfindung für die Freizeit-Kletterer sei der Waldseilpark, die Idee stamme aus Frankreich.

Allerdings purzelten bei den Nachbarn anfangs etwas viele Besucher aus den Bäumen, weil es an der Sicherheit haperte, und so tüftelten die patenten Abenteurer aus dem Allgäu so lange, bis sie endlich ein selbstsicherndes System entwickelt hatten: Ist ein Karabiner offen, schließt der zweite für immer. Momentan wird das Modell bis zur Marktreife weiter getestet, natürlich auch in Bolsterlang, im Wäldchen gleich neben dem Hochseilgarten.

In 14 Metern über Reh-Höhe sausen die Rollen mit den Touri-Tarzans im Schlepp auf Stahlseilen von Baumstamm zu Baumstamm, und die großen Jungs bekommen leuchtende Augen. Mit dem Bau der verschiedenen Typen und der Beratung der Betreiber erwirtschaftet die Immenstädter Faszinatour jährlich rund weitere zwei Millionen Euro.

In England, Amerika und Frankreich gehören Waldseilpark-Wettbewerbe längst zum Alltag, Tausende von Amateuren amüsieren sich in der Wildnis und Hunderte von Profis kämpfen um ansehnliche Siegprämien.

Nur nicht in Deutschland. Was wohl auf ewig so bleiben würde, wären da nicht die Macher von Faszinatour, die mit ihrem Partner Robert Pollhammer stur die Szene anschieben. Dabei entstand die kleine Rennserie, die den Namen "Adventure-Trophy" trägt und wahrscheinlich auch wieder im Allgäu für einen Tag das Zelt am Alpsee bei Immenstadt aufschlagen wird. In der Zentrale von Faszinatour organisieren 30 feste Mitarbeiter den Abenteuer-Alltag für Firmen, Schulen oder Reisegruppen und bei Bedarf auch weltweit: "Ein Pharmakonzern lud uns in die USA ein, damit wir aus einer heterogenen Gruppe ein richtiges Team machen - einer für alle und alle für einen", erzählt Vetter.

Dann kann es passieren, dass ein Vorstandsvorsitzender auf den Pamper Pole, den einsamen Pfahl, klettern darf und in zehn Meter Höhe die Hosen ganz schön voll hat, halten die lieben Kollegen doch sein Leben in den Händen, das an einem kunstseidenen Seil hängt. "Der Pfahl schwankt, die Fläche, auf der man steht, wirkt so klein wie ein Bierdeckel und die Füße wollen sich von allein partout nicht bewegen", berichtet Vetter von seinem ersten Erlebnis in der eigentlich gar nicht so schwindelerregenden Höhe. "Das ist hoch genug, damit sich jeder versuchen kann und mit diesem guten Gefühl unten wieder ankommt: Ich hab's geschafft!"

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Stefan Becker