Bayerisch-Schwaben Heimat des Nonnenfürzles

Selbst Goethe muss ein Faible für die schwäbische Küche gehabt haben. In seinem Versepos "Reineke Fuchs" empfiehlt er: "Lasst uns nach Schwaben entfliehen! Hilf Himmel! Es findet sich süße Speise da und alles Gute in Fülle."

In dieselbe Kerbe, wenngleich in anderem Satzrhythmus und in Mundart, schlägt der Ottobeurer Kochbuchautor Aegidius Kolb: "It z'mager, it z'fett, wie eiser Ländle, grad nett." Es lohnt sich also, einen genaueren Blick zu werfen in die Küchenstuben, in denen es Spätzle oder Buabaspitzle als Beilage und Nonnenfürzle oder versoffene Jungfern zum Nachtisch gibt.

Dabei gilt es zunächst zu klaren, wo dieses gelobte Landle überhaupt liegt: Die administrative Landkarte weist Bayern den Regierungsbezirk Schwaben zu, der in Abgrenzung zum Schwobaländle Baden-Württemberg auch Bayerisch-Schwaben genannt wird. Er beginnt im Norden mit dem Landkreis Ries. Dort liegt - an der Romantischen Straße - die Stadt Nördlingen, umgeben von Deutschlands einziger vollständig erhaltener Stadtmauer. Wer auf den liebevoll Daniel genannten Glockenturm der spätgotischen St.-Georgs-Kirche steigt, hat einen wunderbaren Rundblick über die Stadt und das Ries.

Diese einzigartige Landschaft entstand vor etwa 15 Millionen Jahren durch den Einschlag eines Meteoriten. Dabei wurde ein neues Gestein geformt, der Schwabenstein (Suevit). Und die nahezu perfekte Kreisform des Ries inspirierte die Nördlinger zu dem originellen Werbeslogan: "Die schönsten Ecken sind rund!"

Vom Ries erstreckt sich Bayerisch-Schwaben über Dillingen, Aichach-Friedberg, Günzburg und Neu-Ulm hinab ins Allgäu - dem in diesem Buch, politisch unkorrekt, ein eigenes Kapitel "Die schönsten Ecken sind rund!" Mit diesem Slogan bewirbt Nördlingen sein kulturelles Erbe - zum Beispiel die Stadtmauer gewidmet ist - und umfasst zudem die vier kreisfreien Städte Augsburg, Kaufbeuren, Kempten und Memmingen.

Irritierend ist das schon, ist der Schwabe doch im Großraum Stuttgart beheimatet. Den Begriff "bayerischer Schwabe" empfinden Württemberger daher zumindest als widersprüchlich, wenn nicht despektierlich. Bis sie nach längerem Überlegen - was übrigens als typische Eigenschaft der Schwoba gilt - doch zum Schluss kommen, dass die Bezeichnung nicht ganz falsch sein kann: So werden etwa die Augsburger wegen ihrer Verbindung mit dem dort seit 1367 ansässigen Adelsgeschlecht der Fugger ("die sähr fleisige, gscheite ond erfolgreiche Leit waret, die viel Geld gschpart ond en dr Fuggerei sogar viele Häusle für d'arme Leit baut händ") geradezu als Musterschwaben verehrt.

Dass der Regierungsbezirk zwischen Nördlinger Ries und Oberstdorf heute Schwaben im Namen tragt, geht auf die Chuzpe von Ludwig I. (1786 - 1868) zurück, der sich ab 1837 König von Bayern, Herzog von Franken, Herzog in Schwaben und Pfalzgraf bei Rhein" nennen lies. Nun war Ludwig I. zwar seit 1825 tatsächlich bayerischer König; mit den restlichen Würden erhob er dagegen Anspruch auf Titel, die damals schon jeder rechtlichen Grundlage entbehrten. Doch Schwaben gehörte fortan zu Bayern - und Bayerisch-Schwaben tut es bis heute.

Designverliebte Silberschmiede

Was verbindet Schwedens Königin Silvia und den deutschen Botschafter in Washington? Beide essen mit Besteck von der Silbermanufaktur Reiner im schwäbischen Krumbach. Wahrend Königin Silvia Messer, Gabeln und Löffel der Linie "Dresdner Barock" ihr eigen nennt, entschied sich das Auswärtige Amt 1995 für das Besteck "Atelier" mit seiner schlichten Form. Eine gute Wahl, fanden wohl auch rund 16.000 Leser der Zeitschriften "Schöner Wohnen", "Healthy Living "und "Essen & Trinken": Sie zeichneten Atelier im Herbst 2009 mit dem White Star Award aus, einem begehrten Designpreis.

Zeitlos-elegant - so konnte man die 24 Bestecke der Silbermanufaktur Reiner beschreiben. Zeitlos in doppelter Bedeutung: Essgeschirr aus Krumbach ist quasi nicht kaputt zu kriegen. Und die verschiedenen Muster sind nicht dem Modegeschmack geschuldet: "Senator" und "Chippendale", das verspielte "Rokoko", das strenge "Empire" oder der berühmte "Augsburger Faden" und die prämierten Designmodelle der "Neuen Sachlichkeit" - all diese Bestecke werden auch Jahrzehnte nach ihrem Entwurf noch produziert. Und Kunden können jederzeit nachbestellen.

Die bereits 1874 gegründete Bayerische Silberwaren-Fabrik residiert am Krumbacher Marktplatz. Hier fuhrt Rainer Liebenberg das Unternehmen in vierter Generation. Das von Efeu bewachsene Gründerzeithaus beherbergt die Ausstellungsräume des Unternehmens, die Produktionshallen sind gleich nebenan. Dort wird das Besteck mit Stanzmaschinen und Pressen bis heute im Manufakturprinzip produziert. "Das bedeutet, dass jedes Teil bei der Fertigung durch 20 Hände geht, aber nur durch wenige Maschinen läuft", erklärt Rainer Liebenberg.

Das handgefertigte, mit eingeprägten Initialen oder Familienwappen einzigartig gemachte Silberbesteck ist nicht nur hochwertiger als Edelstahlbesteck, es hat auch keinen Nachteil: Es ist pflegeleicht und spülmaschinenfest. Falls Klinge oder Stiel abbrechen, können Messer, Gabel und Löffel von den Reiner-Experten repariert werden. In die Jahre gekommenes Familiensilber wird von ihnen wieder auf Hochglanz gebracht. Natürlich, sagt Liebenberg, gehört Silberbesteck heute nicht mehr zur Aussteuer der Bürgertochter. Dennoch kann sich sein elitäres Produkt auf einem umkämpften Markt behaupten, und darüber freut sich Rainer Liebenberg. Zum Glück gibt es noch genügend Menschen, die nicht bloß den Preis der Dinge kennen, sondern auch ihren Wert.

Der König aller Instrumente

Dunkle Bässe rollen in den hintersten Winkel des Kirchenschiffs. Dann tänzeln die hellen Töne der Flötenpfeifen durch den Raum, begleitet von zarten Geigentönen, gefolgt von weich klingenden Nachthornpfeifen und schmetternd einsetzenden Trompeten und Posaunen. Was klingt wie ein Orchester, stammt aus dem Inneren einer einzigen Orgel. Wolfgang Amadeus Mozart sagte 1777 dem Augsburger Klavier- und Orgelbauer Stein: "Die Orgl ist in meinen Augen und Ohren der König aller Instrumenten."

So denkt und fühlt auch Norbert Bender. Der Orgelbaumeister, Orgelrestaurator und Organist führt - zusammen mit Hubert Sandtner - die Geschäfte der Firma Sandtner Orgelbau in Dillingen. "Nur eine Orgel", sagt er, "schafft es, sämtliche Tonlagen unseres Hörbereichs zu erreichen. Die Orgel erreicht sogar Frequenzen, die so hoch sind, dass sie vom menschlichen Ohr nicht mehr wahrgenommen werden. Für das gesamte Klangempfinden jedoch sind sie sehr wichtig. Ebenso die tiefsten Frequenzen, in denen der Unterschied zwischen Geräusch und Ton verwischt. Kein anderes Instrument hat den Tonumfang und die Tonstärke einer Orgel. Tausende von Pfeifen sind dafür verantwortlich - sie bilden das Orchester."

Benders Firma zählt zu den renommiertesten der Branche. Sein Partner Hubert Sandtner, einst Kammer-, Landes- und Bundessieger im Orgelhandwerk, wurde 1991 für seine Erfolge in der Ausbildung mit der Silbernen Ehrennadel der Handwerkskammer geehrt. Seit 1969 hat die Firma 320 Orgeln gebaut oder bedeutende restauriert. Sandtner-Orgeln erklingen zum Beispiel im Dom zu Eichstätt oder in der Augsburger Basilika St. Ulrich und Afra - mit 68 Registern und vier Manualen, sprich Tastaturen. Jede Orgel ist ein Unikat. Sie wird eigens für den Kirchenraum konstruiert, in dem sie ertönen soll. Entsprechend einzigartig ist ihre Architektur und ihr Klangbild.

Letzteres ist von enormer Bedeutung. Experten können anhand des Klanges bestimmen, wann und wo eine Orgel gebaut wurde. So hat jede Pfeife ihren eigenen Charakter, der bestimmt wird durch Länge, Querschnitt und Zungenblatt. Denn nur ausgewogene Register und überlegt gearbeitete Mensuren - so bezeichnet man das Verhältnis von Weite zu Länge der Orgelpfeifen - können jene Fülle, Kraft, Wärme und klangliche Brillanz schaffen, mit denen eine Orgel die Menschen in ihrem Innersten zu berühren vermag.

Weihnachten en miniature

Sigmund Wieser ist der Mann für die Feinarbeit. Vor 25 Jahren hätte das niemand für möglich gehalten - damals arbeitete er noch als Planierraupenfahrer auf dem Bau. Heute gilt der Krumbacher als einer der renommiertesten Filigranschnitzer unter den Krippenbauern Bayerisch-Schwabens.

Filigranschnitzer stellen Krippenfiguren her, die maximal zehn Zentimeter hoch sind. In Wiesers Krippen erreichen Josef, Maria, die Heiligen Drei Könige und andere Figuren meistens nur zwei Zentimeter Höhe. Und ein Schäfchen ist sogar nur halb so groß - und trotzdem ist jede Faser seines Fells herausgearbeitet.

Im Krumbacher Heimatmuseum zeigen Wieser und seine Kollegen während der alljährlichen Krippenschau, wie die biblischen Szenerien en miniature entstehen. Mit einer seiner Krippen hat Wieser den Lukaspreis gewonnen, der alle zwei Jahre vom Schwäbischen Krippenmuseum in Mindelheim, dem Landkreis Unterallgäu und der St.-Lukas-Sammlung in Bad Wörishofen an Künstler vergeben wird, die die Weihnachtsgeschichte auf besonders beeindruckende Weise darstellen.

Wiesers preisgekröntes Werk ist in Mindelheim zu sehen. In einem 70 x 40 x 40 Zentimeter großen Glaskasten bilden 90 Figuren biblische Szenen nach: die Herbergssuche, die Hirten auf dem Feld, den Stern zu Bethlehem, die Heiligen Drei Könige, die Flucht nach Ägypten. Maria, die das Jesuskind auf dem Schoß hält, wird vom im Stroh liegenden Ochsen gewärmt. "Das war so eine Idee von mir", sagt Wieser.

Zu kaufen sind seine Krippen nicht. "In jeder meiner Krippen stehen 40 bis 100 handgeschnitzte Figuren, jede ist ein Unikat. Ich verwende Naturmaterialien wie Späne, Moos, Knochenleim, kaschiertes Tuch sowie Linden- oder Zirbenholz. Es dauert etwa ein halbes Jahr, bis so eine Krippe fertig ist. Das ist halt kaum bezahlbar ", sagt Wieser. Und dann fügt er hinzu: "Das Krippenschnitzen ist mein Hobby. Dafür nehme ich mir die Zeit, die ich brauche."

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Autor:
Gaby Funk