Sachsen Handwerk mit Tradition

Figurendreher Wendt & Kühn: Mit Engelsgeduld

Hinter einer verschlossenen Bürotür lagert in Grünhainichen im Erzgebirge ein Schatz. Es sind Zeichnungen von Margarete Wendt, die im Jahr 1915 mit ihrer Freundin Margarete Kühn eine Firma gründete. Auf Pergamentpapier, manchmal nur auf einer Serviette hüpfen Weihnachtsmänner und fliegen Engel. Wendt & Kühn macht alle Art Figuren, die stets himmlisch ausschauen.

Heute begleitet Höllenlärm den ersten Schöpfungsakt der Engel. In der Dreherei werden aus Holzklötzen kleine Körper gefräst. Eine Mitarbeiterin schneidet an bleistiftdicken Holzteilen. Erst wenn der "Knieschnitt" gesetzt, ein weiteres Element mit diesem verleimt, unten ein Fuß gedreht und geschliffen sein wird, ist ein Engelbein komplett. Bis so eine Figur der Firma Wendt & Kühn fertig ist, haben 30 Handpaare von Holzarbeitern und Spielzeugmachern sie gedreht, verleimt, geschliffen, grundiert, bemalt. Filigran soll sie am Ende daherkommen, mit menschlicher Form und engelhaftem Antlitz. Darum kostet eine sechs Zentimeter hohe Figur aus der traditionsreichen Manufaktur mehr als zwanzig Euro, eine Spieldose mit sechs Engeln und einem Schweizer Spielwerk stolze 385 Euro. Vertragshändler vertreiben weltweit exklusiv das himmlische Sortiment.

Heute sorgt Tobias Wendt dafür, dass jeder neue Engel aus den Vorlagen seiner Großtante Grete erwächst. Ihr Vermächtnis lautet Anmut statt Kitsch. Handarbeit statt Massenware. Es gibt Sammler, die beklagen, dass sie eigentlich keinen Platz mehr für den neuen Musikantenengel haben, der jedes Jahr ein anderes Instrument trägt; die dennoch sehnsüchtig darauf warten, ihr Orchester aus Harfe, Gitarre, Flöte und Laute spielenden Engeln zu vergrößern.

In der Leimerei schneidet Sylvia Junghans kleine Locken von einem Span und klebt sie mit winzigen Leimpunkten an den Holzkopf. Engelsgeduld braucht die Spielzeugmacherin dafür und Präzision, die ihr in 13 Jahren zur Routine wurden. Etwa 200 sitzende Engel mit Panflöte wandern heute durch ihre Hände. Sie vollendet deren Formen, anschließend werden sie grundiert und mit dem Pinsel sorgsam ins Engelkostüm gehüllt. Am Ende hauchen wenige Auserwählte den Figuren ihr charakteristisches Wesen ein. Den spitzen Kussmund, die schmalen Augen und sanften Wangen, die sie von bedruckter Massenproduktion unterscheiden. "Freundlich sollen sie sein", sagt die Malerin und hält einen fertigen Engel in die Höhe. Die Wangen der blonden Frau leuchten wie von ihr selbst gemalt.

Uhren aus Glashütte

Uhrenmanufaktur Lange & Söhne: Die Reife der Zeit

Warum kosten Uhren aus der Manufaktur A. Lange & Söhne in Glashütte bis zu 385 000 Euro? Edelste Materialien wie Gold oder Platin erklären nur einen Teil der astronomischen Preise. Die Antwort lautet: Zeit. Seit Walter Lange im Jahr 1990 die Tradition des Familienunternehmens wieder belebt hat, wurden nur 35 verschiedene Uhrwerke kreiert. Für jedes haben Designer und Konstrukteure bis zu fünf Jahre an den Entwürfen gefeilt. Die meisten der winzigen Einzelteile werden in der Manufaktur selbst hergestellt, darunter weniger als haarfeine, exakt berechnete Spiralen. Ein ganzes Jahr lang bohren, fräsen, feilen, schrauben und testen Spezialisten an einer einzigen Uhr. Mit einem handgravierten Uhrkloben, einem von etlichen Details, die eine "Lange" adeln.

Viele Reibungen und Hemmnisse der sensiblen Mechanik können nur versierte Uhrmacher mit ihren Händen und einem über Jahre geschärften Blick durch die Lupe aufspüren. Besonders der Blick durchs Mikroskop legt den glitzernden Organismus bloß: drehende Zahnrädchen, rote Rubine, von aufwendig gebläuten Schrauben und Goldchatons gehalten. Die Krönung der Kunst: ein Tourbillon - eine schwingende Konstruktion, die sich einmal pro Minute um sich selbst dreht, um die störende Erdanziehungskraft auszutricksen. Winzige Abweichungen von der exakten Zeitangabe werden so korrigiert.

Marlies Heinz nimmt noch einmal die Rubine aus der Platine. "Da schlackert noch ein Rad", sagt sie. Mit einer Pinzette setzt sie die Rubine neu ein. Stundenlang korrigiert sie weit unterhalb von Millimeterarbeit. In einer dreijährigen Ausbildung hat sich die junge Uhrmacherin in diese Mikrowelt vorgetastet, bis sie ihr Gefühl auf Hebel und Zahnrädchen übertragen kann. Die meisten der etwa 450 Spezialisten des Unternehmens kommen aus der Region. Sie schaffen technische Wunderwerke, in denen sich das uhrmacherische Wissen von Jahrzehnten bündelt. Wer in eine Uhr von A. Lange & Söhne investiert, akzeptiert per Kreditkarte, dass Faszination einen Mehrwert hat. So wie ein Ferrari nicht bloß ein schnelles rotes Auto ist.

Klaviere aus Leipzig

Klavierbauer Blüthner: Vielsaitige Ideen

Alle wollten ein Klavier von Blüthner: Königin Viktoria und Zar Nikolaus II.; Franz Liszt, Sergej Rachmaninow und Johannes Brahms komponierten an einem Instrument aus Leipzig-Großpösna. Arthur Rubinstein ließ sich in seinen Memoiren zu einer Hommage hinreißen: "Das Blüthner hatte den schönsten Gesangston, den ich je gefunden habe."

1853 gründete Julius Blüthner, besessen von der Idee des perfekten Klavierklangs, in Leipzig seine Firma und perfektionierte den Bau des Pianofortes mit diversen Patenten. Heute sitzt sein Ur-Ur-Ur-Enkel, Geschäftsführer Christian Blüthner-Haessler, im modernen Firmenneubau bei Leipzig und sagt: "Das perfekte Instrument ist die menschliche Stimme. Ein Blüthner kommt der tonlichen Gestaltbarkeit der Stimme am nächsten." Sein Bruder Knut wacht als gelernter Klavierbaumeister über die Manufaktur. In der Tischlerei streicht er über rohe Bretter, hier wird Holz von Kiefer, Fichte, Erle und Ahorn für 4500 Einzelteile getrocknet und zugeschnitten. Ein halbes Jahr Präzisionsarbeit steckt in einem lackglänzenden Blüthner.

600 Instrumente verlassen jährlich die Manufaktur, Preis: zwischen 14.000 und 100.000 Euro. Der Chefbauer inspiziert einen Flügel im Rohbau: "Das ist das Herzstück: unser Resonanzboden." Er wölbt ein Blatt Papier, um die Besonderheit zu demonstrieren. "Die meisten Hersteller versuchen es mit einer kugelförmigen Wölbung, unser Patent ist tonnenförmig. Dadurch schwingt der Resonanzboden insgesamt auf und nieder. Das schafft ein viel dynamischeres Klangspektrum." Er tritt an einen Flügel heran und zeigt auf eine dünne Saite, die seinen Stolz erklären soll: das Aliquot-Patentsystem. Eine zusätzliche vierte Saite für hohe Töne. Sie liegt so, dass der Hammer sie gar nicht anschlagen kann, sondern wird indirekt zum Schwingen gebracht.

Als der Kaiser von Japan vor Jahren einen Flügel bestellte, schickte er einen Maler nach Sachsen, der das Instrument über Wochen mit filigranen japanischen Motiven verzierte. Und als der Pianist Géza Losó fragte, ob sie einen Flügel für Linkshänder bauen könnten, entwarfen die Klavierbauer eine Zeichnung, produzierten eine seitenverkehrte Gussplatte und verlegten die hohen Töne von rechts nach links, die tiefen von links nach rechts - der weltweit erste Flügel dieser Art. Sächsische Tüftelkunst im Jahr 2010.

Porzellan aus Meissen

Porzellan-Manufaktur Meissen: Augusts Gold

Seit der Alchimist Johann Friedrich Böttger und der Gelehrte Ehrenfried Walther Graf von Tschirnhaus August den Starken 1708 mit dem Rezept aus Kaolin, Quarz und Feldspat beglückten, trat das "Weiße Gold" seinen Siegeszug in Europa an. Heute pilgern jährlich bis zu 300 000 Besucher in die Manufaktur, die seit 1864 nicht mehr oben in der Albrechtsburg ist, sondern im Triebischtal steht. Vornehme japanische Damen stolzieren mit modischen Hüten durch die feudale Schauhalle und bestaunen majestätische Adler oder den dreieinhalb Meter hohen prächtigen Tafelaufsatz von 1749 für die Hoftafel des Kurfürsten Friedrich August II.

200.000 unterschiedliche Formen haben die Kunsthandwerker über die Jahrhunderte erschaffen, 3000 Exponate werden in Vitrinen ausgestellt. Vom Zwiebelmuster-Service bis zur berühmten "Affenkapelle", mit deren barock gewandeten Affenfiguren der Künstler Johann Joachim Kändler das höfische Leben des 18. Jahrhunderts karikierte.

Mit einem Spachtel vermischt Elke Dannenberg, 40, Pulver und Terpentin zu einer dunklen Farbe. Aus 10 000 Farbpulvern kann sie wählen, aber um den Ton "Rot 8" herzustellen muss sie Öl in der richtigen Konsistenz beimischen. Das Terpentinöl kriecht in der "Ölzucht" von Topf zu Topf. In den obersten mit dem flüssigen Öl tunkt sie den selbst geschnitzten Pinsel, wenn sie die Farbe zerlaufen lassen möchte. In den unteren, wo das Öl verharzt, um kräftige Farben und Flächen zu erzeugen. Mit funkelnden braunen Augen präsentiert die grazile Frau einen roten Drachen auf einer Porzellanvase: "So ein phantastisches Rot kann keine Maschine der Welt produzieren."

Seit über 20 Jahren ist sie Malerin in der Staatlichen Porzellan- Manufaktur Meissen und mittlerweile Chefin der Abteilung "Neue Dekore". Im ersten von vier Ausbildungsjahren hat sie nichts anderes gemacht, als Proportionen und Gesichter zu zeichnen. Bis eine Malerin der Perfektion nahe komme, brauche es zehn Jahre, heißt es. Elke Dannenberg ist eine der besten. Mit schnellen Schwüngen lässt sie eine orientalische Schönheit aus dem Pinsel fließen. Mit einer Feder kratzt sie scharfe Umrisse.

An den Szenen aus "1001 Nacht" wird sie zwei Wochen lang malen, Kenner würden bemerken, wenn verschiedene Maler ein Dekor erschaffen. Später werden diese Unikate luxuriöse Tafeln in Japan, Taiwan oder den USA schmücken. Es gibt Liebhaber, die sich nicht nur in die weißen Luxusgüter verliebt haben, sondern in die Handschrift von Elke Dannenberg. Die bestellen dann ein Service aus der Hand der Malerin mit der Nummer 2817 mit dem kräftigen, farbenfrohen Pinselschlag.

Wein von der Elbe

Weingut Schloss Proschwitz: Der Weinflüsterer

Auf der anderen Elbseite thronen erhaben die Albrechtsburg und der Meißener Dom. Begleitet von Glockengeläut, stapft Walter Beck, 53, Chef der Winzer vom Weingut Schloss Proschwitz, zu den Weinreben. Er nimmt eine Knospe zwischen die Finger. "Die wollen raus, aber es fehlt die Temperatur", sagt er, "durch den kalten Winter und das feuchte Frühjahr sind wir spät dran, aber die Rebe kann das aufholen. Erst nach der Blüte entscheidet sich, ob es ein guter Jahrgang wird."

Hinter ihm rattert einer seiner Winzer mit einem Traktor heran, um zwischen den Rebzeilen zu mulchen. Gras kühlt den Boden zu stark ab, darum wird es geschnitten und unter den Reben verteilt. "Als Futter für Regenwürmer", erklärt Beck. Mit einem Spaten sticht er in das saftige Erdreich und präsentiert einen Regenwurm beim Tunnelbau: "Wir brauchen die Poren, die er gräbt, so bleibt der Boden luftig und verschlammt nicht." Der Boden in dem kleinen Weinbaugebiet über der Elbe kann große Weine gebären. Tief unten sorgen die Mineralien des roten Granits für Substanz, der Lehmlöss darüber produziert die Fruchtaromen des Weins. Ohne die täglichen Eingriffe von Beck und seinem Team würde hier bestenfalls Durchschnittswein wachsen.

Die Idee vom edlen sächsischen Wein löste vor 20 Jahren eine Art Heimweh aus. Nach 1990 kaufte Georg Prinz zur Lippe nach und nach das Weingut seiner Familie zurück, die 1945 enteignet und später nach Westdeutschland ausgewiesen worden war. Auf dem schmucken Vierseit-Hof in Zadel über der Elbe erzählen seine Mitarbeiter voller Anerkennung dessen Gründergeschichten.Wie der Prinz in einer alten Obst-LPG bei Null begann, wie er die erste Ernte mit einem ausrangierten Militär-Laster zu einem Freund nach Franken schaffte, weil er noch keinen eigenen Weinkeller besaß. Heute wohnt er nicht im alten Familienschloss neben den Weinhängen, sondern im früheren Gärtnerhaus.

Der Prinz hat den Winzerfachmann Beck an seine Seite geholt. Mit jeder Entscheidung modelliert der den Geschmack der Weine. Lässt Blätter abzupfen, damit mehr Sonne auf die Trauben fällt. Wachsen die Trauben zu dicht beieinander, lässt er pflücken, um die einzelne Frucht zu optimieren. Und im September braucht er ein feines Gespür für den Startschuss zur Weinlese. Dann wird auf dem Hof rund um die Uhr geackert, die Kellermeister beeilen sich, die Tanks zu füllen. Später hegen sie Rotwein und ausgesuchte Weißweine in Barrique-Fässern, testen Schwefelgehalt und Geschmack, bis der Wein auf Flaschen mit dem Etikett vom Schloss Proschwitz gezogen wird. Man sagt, der Keller könne nur das Niveau erhalten, das in den Monaten auf dem Hang gewachsen ist. Darum guckt Walter Beck jeden Morgen um halb sechs aus dem Fenster. "Ich muss mit jedem Wetter arbeiten", sagt er, "es geht jeden Tag um die richtige Balance im Geschmack."

Auf dem Hof steht die Prinzessin im grauen Kostüm vor einem Halbkreis vornehmer englischer Touristen und erzählt, wie sie die Ruine in einen schmucken Hof mit Weinstube, Restaurant und Pension verwandelt haben. Liebevoll hört sie sich an, als schwärme sie vom eigenen Kind. Danach lässt sie im Restaurant den Wein für sich sprechen.

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Autor:
Michael Kraske