Rügen Halbinsel Mönchgut

Inseln sind Sonderwelten, aber Mönchgut ist noch einmal eine Sondersonderwelt. Die Zisterziensermönche des Klosters Eldena kauften 1252 das "Land Reddevitz" für 30 Mark und waren von der Gegend so entzückt, dass sie fast hundert Jahre später die "Halbinsel Zicker" dazu erwarben und aus beidem Mönchgut machten, um es nach ihrer Fasson zu gestalten. Sie holten deutsche Siedler, rodeten den Wald und kultivierten das Land.

Roter Backstein, dunkles Reet prägen das Gesicht der Ortschaften, Holzskulpturen von wetterfesten Fischern und Bauern, ab und zu auch eine wetterfeste Losung wie diese des Heimatforschers Fritz Worm: "Wer am Meer leben will, muss im Sturm bestehen." Dazu hat der Mönchguter an der in Buchten und Landhaken zerklüfteten Küste häufig Gelegenheit. In den manierlichen Seebädern Baabe und Göhren mit ihren feinen Sandstränden flanieren die Touristen auch bei steifer Brise, in Thiessow atmen sie die gesündeste Luft Rügens.

In seinem Sprechzimmer sitzt Ulrich Kliesow, Bürgermeister von Middelhagen, ein Mann mit eng anliegenden Haaren und schweren Augenlidern. Im Gespräch fällt der Begriff "das Mönchsgut", und Kliesow ist sofort auf der Palme.Weder hat der Artikel vor, noch das Fugen-s in dem Wort Mönchgut etwas zu suchen. Man sagt ja auch nicht "das Jasmund". "Das Mönchsgut" gilt ihm als Indiz für die selbstgefällige Ahnungslosigkeit, mit der die Mönchguter seit eh und je als halbe Irre beschrieben werden, die sich von der Umwelt abriegelten und ein Paralleluniversum voller Sonderbarkeiten schufen, wozu in der Folge auch Inzucht gehörte. Unfug. Die Mönchguter hielten ihre Türen weit offen und waren stets auf neue Arbeitsmethoden erpicht. Die ökonomischen Verhältnisse wurden im Sinne der Produzenten geregelt.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden freie Bauernhöfe und 96 Büdnerstellen. Nur Eigentümer, davon war Ernst Moritz Arndt, großer Sohn der Insel Rügen, überzeugt, verteidigen die Äcker gut. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zum Segen der Halbinsel viele Flüchtlinge aus Ostpreußen und dem Memelgebiet nach Mönchgut. Sie brachten hochseetaugliche Fischkutter mit und hatten wenig Mühe, auf Mönchgut heimisch zu werden. Der Bürgermeister meint, dass das an der Landschaft Mönchguts liegt, sie bringt die Kraft auf, Menschen zu prägen.

Zum Entsetzen aller Demokraten scheut Kliesow, der selbst Fischer war, sich nicht, die DDR-Jahre eine goldene Zeit des Fischfangs zu nennen. In der heutigen Zeit sind die Bestände überfischt, die Quoten infolge europäischer Kompensationsdeals niedrig. Aus stolzen Fischern werden wortkarge Vermieter. Viele Mönchguter haben nur während der Saison Arbeit, und da werden sie in Hotels und Ferieneinrichtungen schamlos ausgebeutet, sagt Kliesow, ärgerlich, weil er keinen Ausweg sieht. Auf dem Weg zu den Zicker Bergen liegt Lobbe mit dem reizvollen "Gasthof Zum Walfisch".

Bis zur Astgabelung zurückgeschnittene Bäume am Straßenrand wirken wuchtig wie Keulen und verleihen den Straßen ein wehrhaftes Image. An einem Haus ist über den Fenstern ein grüngestrichenes Fahrrad befestigt, als wolle es, ob nun mit oder ohne Fahrer, demnächst in den Himmel aufsteigen. Und dann Groß Zicker, das museale Dorf mit seinen Dreiseithöfen und der kleinen Backsteinkirche, nicht zu vergessen das aus Holz und Lehm gebaute Niederdeutsche Hallenhaus, in dem die Pfarrwitwen mit ihren Kindern wohnten.

Heute ist das Pfarrwitwenhaus Teil der reichen Mönchguter Museumslandschaft. Die sieben Museen verdanken ihre Existenz zuerst der Kapitänstochter und Lehrerin Ruth Bahls (1909 bis 1994), die immer nur Frollein Bahls genannt wurde und im Sammeln und Sichten historischen Sachguts ihre Lebensaufgabe entdeckte. Am Dorfausgang bündeln drei Männer Reet für das neue Dach der Pension "Taun Hövt". Es regnet mit dumpfer Inbrunst. Das Zickersche Höft breitet sich aus, mit einem tollen Schwung, der sich vom Bodden links fortsetzt über die ganze Breite des Ausblicks. Auf nackten Flächen ragen gelegentlich kleine Baum- und Buschinseln auf, mittig ein Nadelwäldchen, an das sich abermals kahle Flächen anschließen. Kleine Seen, struppige Büsche. Am Wegrand Findlinge aller Größenordnungen. Hinter einem zähen Baum, der sich schon unmittelbar über dem Erdboden verzweigt, spaltet sich auch der Weg in ein Delta von Pfaden auf, die zu den einzelnen Hügeln führen. Dieser Berg ist nackt, jener üppig bewachsen, du kannst nicht vergleichen. Auf allen Seiten das von Nehrungen und Landzungen gesäumte Boddenwasser.

An der Gegenseite des Hangs stürmt es ungebremst, Bäume sind umgestürzt, einer liegt quer über dem Weg. In geisterhafter Ferne ein bewegungsloses Boot, man sieht keine Menschenseele. Jede Sekunde hat hier Ewigkeitswert, Zeitsprünge über Jahrhunderte hinweg, ein naheliegendes Gedankenspiel. Hinter jedem Berg erhebt sich ein weiterer Berg, der sich gerade noch verborgen hat, und alles endet wieder mit dem Blick auf Wasser, Wieken und den Bodden. An dieser Stelle ist Rügen wirklich die schönste Insel Deutschlands.

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Autor:
Fritz-Jochen Kopka