Frankfurt Goethe Haus: Zwischen Dichtung und Wahrheit

Ich bin in dem von Bomben und wüsten Achsen der Wiederaufbauer zusammengehauenen Frankfurt aufgewachsen. In meinen Kinderjahren gab es überall noch Ruinen der einst schönen alten Häuser. Zwischen diesen toten Gemäuern, die eine märchenhafte Wildnis in die Stadt brachten, standen wiederum Neubauten - pastellfarbene mit flachen Dächern, mit Blumenfenstern für das Wohnzimmer und Luken für Küche und Bad. Ich erinnere mich, wie provisorisch die Räume bewohnt wurden; oft waren die Wände mit Bastmatten verkleidet, zerbrechliche Möbelchen mit gespreizten Beinen und an kleinen Eisenleitern eingehakte Birkenholzregale erzeugten den Eindruck des Luftigen, Flüchtigen.

Dass Menschen einmal vollständig anders gelebt hatten, habe ich mit Bewusstsein zum ersten Mal an einem Puppenhaus gesehen. Das Frankfurter Historische Museum hatte ein prachtvolles Puppenhaus aus dem Besitz der Familie Gontard gerettet, ein Spielzeug, mit dem wahrscheinlich niemals ein Kind hatte spielen dürfen. Hier waren die Zimmer düster, die winzigen Ölbilder an den dunkelblau tapezierten Wänden prunkvoll gerahmt und die Möbel erschienen trotz ihrer Miniaturgestalt dunkel und schwer. Im wiederaufgebauten Frankfurt hatte sich die Stadt in Gestalt des Goethe-Hauses aber auch ein lebensgroßes Puppenhaus zurechtgemacht.

Vor dem Krieg gab es in alten Städten viele Häuser, die wie das Goethe-Haus aussahen. Im unzerstörten Hirschgraben war es eines von vielen, und die Verwendung des blauroten Mainsandsteins, ähnliche Proportionen, blaue steile Schieferdächer, die kleinen Scheiben der bleigefassten Fenster, die allen Häusern gemeinsam waren, schufen ein Gesamtbild der engen Straße, in dem das Goethe-Haus nur ein sich nahtlos einfügendes Element war.

Der erst im 19. Jahrhundert entstehende Brauch, Geburts- oder Wohnhäuser großer Männer museal zu konservieren, zu dessen Entstehung Goethe selbst Entscheidendes beigetragen hat, führte dazu, dass dieses schöne, doch keineswegs besonders charakteristische oder architekturgeschichtlich wichtige Haus als einziges von Tausenden Gleichartigen aus dem 18. ins 21. Jahrhundert gelangen durfte. Da steht es nun, ein wenig putzig, unvermittelt und gibt Zeugnis von der unserer Zeit eigentümlichen Geisteshaltung, die das, was sie an allen anderen Orten restlos vernichtete, hier akribisch pflegt und verehrt.

In meiner Erinnerung ist das Goethe-Haus das erste alte Haus, das ich betreten habe - von den Westend-Häusern des späten 19. Jahrhunderts abgesehen, die aber nicht als alt, sondern als veraltet galten und also kurz vor dem Abriss standen. In die Blaue Stube, die nur wenige Stufen über dem Straßenniveau lag, fiel nur wenig Licht. Die handgemachten Scheiben der Fenster verzerrten den Blick nach draußen. Der Dielenboden knarrte; die Bretter waren mit großen Nägeln, deren handgeschmiedete quadratische Köpfe blanke Punkte auf dem abgetretenen Holz bildeten, fixiert. In der Küche schimmerten die großen Kupfertöpfe im grünlichen Dämmer - vor dem Fenster zum Hof hingen Ranken wilden Weins. Nach alter Manier standen alle Möbel streng an den Wänden entlang - das neuzeitliche Gemütlichkeitsideal der Sitzecken und Sofagruppen war noch unbekannt, auch lagen noch keine Teppiche auf den Dielen.

Ich erinnere mich, dass ein angenehmer Geruch im Haus herrschte, nach Bienenwachs und feinen Polituren - die Zimmer schienen von geheimen Leben erfüllt zu sein. Jeder Raum hatte etwas Eigentümliches: Es gab ein Bücherzimmer mit juristischen Folianten hinter Drahtgittern, eine Bildersammlung in schwarzen hollandisierten Rahmen, ein Musikzimmer mit einem kurios geformten Hammerklavier, eine astronomische Standuhr, eine wie ein Druckstock aussehende Wäschepresse. Aber keine Betten.

Vielleicht trug das Fehlen von Schlafzimmern zu meinem Eindruck bei, das Haus bewohne sich gleichsam selbst. Was für mich als Kind so fremdartig uralt aussah, war in Wahrheit nagelneu. Denn das alte Goethe-Haus war in den Feuerstürmen der Alliierten 1944 beinah restlos untergegangen. Zur Haustür führten noch einige ausgetretene Buntsandsteinstufen, die ersten vier Stufen des Treppenhauses stammten noch aus dem abgebrannten Gebäude; das schmiedeeiserne Treppengeländer mit den Monogrammen der Goethe-Eltern hatte man verbogen aus dem Schutt gezogen. Und in der Küche gab es einen verkohlten Balken, an dem der Pumpschwengel angebracht war - das war alles.

Als Ernst Beutler, bis 1960 Direktor des Freien Deutschen Hochstifts, des Eigentümers des Goethe-Hauses, die Rekonstruktion der Ruine betrieb, kam es zu einer erbitterten öffentlichen Diskussion, die alle Argumente enthielt, mit denen heute um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gestritten wird. Als das Goethe-Haus 1951 dann wieder stand, war es, als sei es nie zerstört worden, als sei es als einziges Zeugnis bürgerlichen Lebensstils aus den Flammen unversehrt hervorgegangen. Schnell sorgten die Hunderttausenden Touristen, die sich nun durch die engen Stuben schoben, die doch als Lebensrahmen einer kleinen Familie geschaffen waren, für eine täuschend echte Patina. Was man da aufgebaut hatte, war jedoch selbst schon das Ergebnis einer ehrfurchtsvollen Rekonstruktion.

Es war nicht die Umgebung Goethes

Nach dem Tod von Johann Caspar Goethe - sein berühmter Sohn lebte längst in Weimar und kehrte nur selten nach Frankfurt zurück - war etwas Merkwürdiges eingetreten. Catharina Elisabeth Goethe, die von ihren Freunden "Frau Aja" genannte Besucherin literarischer Salons, lebhafte Briefschreiberin und wortgewandte Sanguinikerin, hatte mit einer radikalen Tat ihr Leben als Familienmutter beendet: Ohne dass Bücher und Bilder des Vaters in die Sammlungen des Sohnes überführt worden wären, ließ sie den Hausrat versteigern und teilte dies dem Sohn anschließend mit. Es war, als wollte sie keinen einzigen Gegenstand, der sie an das Leben mit ihrem Mann erinnerte, weiterhin um sich haben. Goethe scheint keinerlei Bedauern über die Auflösung seiner Kindheitswelt empfunden zu haben. Das Hirschgraben-Haus wurde verkauft; die Mutter zog in eine kleine Etagenwohnung am Roßmarkt.

In Weimar hatte Goethe dafür Sorge getragen, dass das Interieur seiner Häuser nach seinem Tod zusammenblieb. Aber für sein Geburtshaus musste man, als in Frankfurt 1863 ein Erinnerungsort an Goethe etabliert werden sollte, alles wieder zusammentragen, was die Mutter 68 Jahre zuvor zerstreut hatte. So stifteten Frankfurter Familien Möbel, die denen glichen, die Goethe in seinem Erinnerungswerk "Dichtung und Wahrheit" beschrieb. Und es entstand eine Umgebung, die dem heutigen Leser von "Dichtung und Wahrheit" richtig erscheint und die nur einen einzigen kleinen Makel hat: Es war nicht die Umgebung Goethes.

Mich hat das nie gestört. Dass man aber in einer Stadt, die mit den meisten ihrer Traditionen gebrochen hat, in dieser unscheinbaren Seitenstraße mit großem Eifer ein würdiges Wohnhaus hat wieder auferstehen lassen, in dem nie wieder jemand wohnen wird, besitzt Züge von Absurdität, die sich von der planvollen Vernichtung des gewachsenen Stadtorganismus wohltuend unterscheidet.

In meinen letzten Schuljahren durfte ich in den Ferien Fremdenführer im Goethe-Haus sein. Die meisten meiner Kollegen waren Rentner. Sie hatten sich das Büchlein über das Haus, das es an der Kasse gab, durchgelesen, dessen wichtigste Angaben wieder vergessen und den Rest neu erfunden.

Ich bin glücklich, noch den Mythen stiftenden alten Schlag des Fremdenführers kennengelernt zu haben, den Verbündeten aller Reisenden mit ihren an der Wirklichkeit gänzlich uninteressierten Erwartungen. Heute dagegen achtet man darauf, was die Führer erzählen. Gleichwohl ist der in jeder deutschen Schlossführung unbedingt erforderliche Hinweis auf "die Augen des Porträts, die dem Standpunkt des Betrachters folgen" noch immer zu hören - Touristen lieben diesen Hinweis, denn sie können ihn sofort überprüfen: Neugierig gehen sie nach links und rechts, und richtig, die Augen des Großvater Textor folgen ihnen in jede Ecke. Diese Augen, die dem Betrachter folgen, gehörten auch zu meiner frühen Führer-Ausbildung.

Wichtiger aber war damals das Motto, unter das der Doyen der Rentner jede Führung gestellt wissen wollte: "Für die einen ist Goethe der große Olympier, der Dichterfürst; für die anderen ist er ein dreckiger Hurenbock. Unsere Aufgabe ist es, den goldenen Mittelweg zu finden." Doch tatsächlich war dem Mann am Mittelweg zwischen Dichtung und Wahrheit nichts gelegen. Seine Führung war ein Erlebnis, ein enthusiastisches Abenteuer, das die nüchternen Bürgerstuben verzauberte. Wenn er schließlich im dritten Stock neben der gewaltigen Wäschepresse mit zitternder Stimme deklamierte: "Mann mit zugeknöpften Taschen / Dir tut niemand was zulieb ...", dann prasselten die Trinkgelder.

Wenn ich dagegen meiner Besucherschar erklärte, dass das Haus eine kunstvolle Rekonstruktion sei, wenn ich ihnen das klapprige Tischlein und Klöppelkissen der Mutter Goethes zeigte, die beide niemals im Goethe-Haus, aber wenigstens in der Roßmarkt-Wohnung gewesen waren, oder auf die einfache Standuhr wies, die gleichfalls nicht aus dem Hirschgraben stammte, aber doch in der Manufaktur eines Goethe-Onkels hergestellt worden war, dann folgte man mir höflich aber doch etwas zerstreut.

Denn man besuchte das Haus schließlich nicht, um eine geschmackvolle Sammlung eines an sich nicht museumsreifen hübschen Mobiliars zu besichtigen. Man wollte die Luft jenes großen Mannes einatmen, dessen Bücher man vielleicht oder nur in Ausnahmefällen bereit war, aufzuschlagen. Aber wenn ich dem Altmeister der Trinkgeld-Akkumulation folgte und jeden Sessel als noch von Goethes Hintern gewärmt vorstellte, dann rasselten auch bei mir die Markstücke, die ausblieben, wenn ich die komplizierte Wahrheit erzählte. Die Liebhaber des Komplizierten sind ein kleiner Kreis; sie brauchen keinen Fremdenführer, weil sie längst alles selber wissen.

So neu das Goethe-Haus ist, musste es doch inzwischen schon wieder restauriert werden. Dabei hat man die Rokoko-Tapeten mit einem milden Latexglanz überzogen, damit der Dunst der vielen Besucher abgewaschen werden kann. Wurden die Vorsäle wie in einem Hamburger Antiquitätengeschäft hellgelb gestrichen. Das einzige Mauerstück, das Goethe noch gesehen hat - ein neben dem Elternhaus stehen gebliebenes Tor - wurde abgerissen und durch ein postmodernes Schmuckstück von unsäglicher Geschmacklosigkeit ersetzt.

Manche Leute können das Schimpfen über die ästhetische Vernichtung Frankfurts nicht mehr hören. Aber das stumme Weggucken kann mir niemand verbieten: Ich sehe weg, wenn ich mich dem Großen Hirschgraben nähere. Aber in meiner Erinnerung an das lebensgroße Puppenhaus gehe ich mit Vergnügen spazieren.

Autor:
Martin Mosebach