Baden-Württemberg Geschichtsträchtige Reichsstädte

Der Heller und die schöne Kunst - Schwäbisch Hall

Hall, 10. Januar 1844. Dieser Mörike ist ein Schalk. Behauptet in seinem "ersten Salzbrief", er habe an den Häusern geleckt. Und, nein, sie seien nicht aus Salz gebaut. Was der schwäbische Dichter aber ganz ernsthaft beschreibt, ist der "unerschöpfliche Reichtum", in dem die "Gottesgabe" Salz hier vorhanden ist. Die Bürger von Hall sind klug damit umgegangen: Marktrecht, Gerichtsbarkeit und Münzrecht hatten sie sich schon erkämpft, als Kaiser Ludwig der Bayer ihnen 1340 die Privilegien einer Reichsstadt bestätigte.

Den Heller haben sie hier geprägt, ihm als Haller Pfennig oder Häller den Namen der Stadt gegeben. Bis heute leben die Hohenloher vor, dass Wohlstand und Freiheit erwirbt, wer fleißig "Heller auf Heller legt". Reinhold Würth etwa ist als Schraubenfabrikant Milliardär geworden; seine Kunstsammlung ist eine Attraktion von Schwäbisch Hall. Ihren Stolz äußerten die Bürger aber schon früher. Als im 18. Jahrhundert ein Brand große Teile der Stadt verwüstete, stellten die Haller der 1156 geweihten Kirche St. Michael ein erhabenes barockes Rathaus gegenüber - noch heute ein grandioser Anblick, wenn auf dem Vorplatz Theater unter freiem Himmel gespielt wird.

Erhobenen Hauptes in die Freiheit - Reutlingen

Der Brunnen auf dem Marktplatz markierte einst den Mittelpunkt eines weiten Netzwerks: Von Ungarn bis Brabant und Norditalien pflegten die Tuchhändler und Gerber von Reutlingen ihre Geschäftskontakte, kauften Rohstoffe und vertrieben ihre Produkte. Der in ritterlicher Rüstung dargestellte Kaiser Maximilian II. war es, der den Bürgern 1576 ihre reichsstädtischen Freiheiten bestätigte - gekämpft hatten sie seit Jahrhunderten um Marktrecht und Gerichtsbarkeit, seit der Reformation auch um den protestantischen Glauben.

Immer wieder waren sie belagert worden, hatten ihre Stadt gegen die württembergischen Heere verteidigt. Ihre Festigkeit im Glauben, tüchtiger Handel und zäher Wille machten den dringendsten Wunsch der Reutlinger wahr: auf eigenen Füßen zu stehen - so wie die Kaiserstatue noch heute.

Hoch hinaus und ganz modern - Ulm

In Ulm trauen sie sich was. Von dem amerikanischen Architekten Richard Meier ließen sie sich das Stadthaus bauen, strahlend weiß, hypermodern, ohne eine Spur von falscher Demut - und das direkt neben dem ehrwürdigen Münster. Auch die nahe gelegene Kunsthalle Weishaupt zeugt von städtischem Stolz - Geradlinigkeit, Initiative und Verantwortung haben eine lange Tradition in der Stadt, in der Albert Einstein geboren wurde und die Geschwister Scholl zur Schule gingen.

Unter Ulmer Leitung schlossen sich 14 Reichsstädte früh zum Schwäbischen Städtebund zusammen, um sich gegen württembergische Begehrlichkeiten zu verteidigen; 1397 gab sich die Stadt eine beinahe revolutionäre Verfassung. Nun hatten nicht mehr allein die Patrizier das Sagen, sondern mit den Zünften auch Teile der arbeitenden Bevölkerung. Bis heute muss das Stadtoberhaupt jedes Jahr den Eid erneuern, "Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt".

Niemand über uns! - Esslingen

Zwischen dichten Weinstöcken marschiert, wer zur Festung hoch über der Stadt aufbricht. Ein erhellender Weg übrigens, denn von hier aus werden die beiden charakteristischen Seiten von Esslingen erkennbar. Der Blick über die hübschen Türme und Zinnen der Altstadt, über das Rathaus und die Stadtkirche St. Dionys - das zeugt von Genuss und schwäbischer Lebensfreude.

Eine bürgerliche Idylle vor still fließendem Neckar tut sich auf, mittelalterlich, lauschig - das ist die eine Seite. Doch dann erkennt der Spaziergänger noch etwas anderes in dieser Stadt: nämlich den starken Willen, die in Jahrhunderten erkämpfte Freiheit stets zu verteidigen. Esslingen, im 13. Jahrhundert von den Staufern zur Stadt erhoben, war lange von Feinden und Neidern umgeben. Immer wieder mussten Geschütze und Munition auf die Burg gebracht werden. Zollrecht und Münzrecht, die Privilegien einer Reichsstadt: Um keinen Preis wollte man diese Vorrechte hergeben, ebenso wenig wie den mit protestantischem Fleiß erworbenen Wohlstand.

Esslingen hat im Freiheitskampf schwere Zeiten durchlebt - strotzt aber vielleicht gerade darum bis heute von Charakter und Eigensinn. So erzählt man bis heute nur allzu gern jene Geschichte von Ulrich von Württemberg, der die Stadt 1519 vergeblich belagerte, und vergisst nie, dass der Schwäbische Bund den hitzigen Herzog dafür sogar in die Verbannung schickte und Württemberg für Jahre an die Habsburger fiel. Für die Esslinger die Erinnerung an einen eisernen Vorsatz: Niemand über uns!

Haushoch überlegen - Ravensburg

Eine Frage stellt sich wohl jeder Besucher von Ravensburg: Wie kommt es, dass der Blaserturm, ursprünglich ein Turm der Befestigungsmauer, mitten im Zentrum neben Waaghaus und Rathaus steht? Der Standort des Turms ist ein Hinweis auf den frühen und expandierenden Wohlstand der Stadt. 1276 hatte der habsburgische König Rudolf I. die einst von Welfen und Staufern beherrschte Stadt in die Reichsfreiheit entlassen - und schon 50 Jahre später war das Geschäft der Leinen- und Barchentweber so erfolgreich, dass großflächig angebaut werden musste.

Die Unterstadt wurde befestigt und eingefriedet - der Turm stand plötzlich in der Mitte. Und das war erst der Anfang. Seit dem 14. Jahrhundert dehnte die Große Ravensburger Handelsgesellschaft ihre Beziehungen von Spanien bis nach Osteuropa aus, unterhielt Faktoreien von Antwerpen bis nach Venedig und Valencia; der Handel mit Papier, Leder, Wein kam noch hinzu. Erst im 16. Jahrhundert waren die Handelshäuser der Fugger und Welser in Augsburg stark genug, um die tüchtigen Ravensburger zu überflügeln.

Alte Idylle am Fluss der Zeit - Bad Wimpfen

Unter den schwäbischen Schmuckstädtchen steht Bad Wimpfen auf Platz Nummer - nun, zumindest sehr weit vorn. Allein die Lage: teils oberhalb des Neckars, teils unten im Tal. Malerische Gassen säumen eng gedrängte Häuser, überall Fachwerk, Kopfsteinpflaster, glucksende Brunnen. Vor allem liegt der Reiz der Stadt nahe Heilbronn in der Gelassenheit, mit der sie über 2000 Jahre Geschichte in sich trägt.

Die einstige Kelten- und Römersiedlung war schon betagt, als im 12. Jahrhundert unter Friedrich Barbarossa mit dem Bau der Stauferpfalz auf dem hohen Ufer begonnen wurde. Auch danach hinterließ jede Epoche ihre Spuren: stolze Häuser reichsfreier Bürger, die Reformation, der Dreißigjährige Krieg. Andere zogen vorüber, gewannen an Bedeutung. Wimpfen aber blieb, was es bis heute ist: ein Idyll. 1951 entschied eine Volksabstimmung, dass Wimpfen zu Baden- Württemberg gehören sollte - und nicht zu Hessen.

Freiheit, nein danke - Freiburg

Das Silber aus dem Schwarzwald und eigene Tüchtigkeit hatten den Bürgern von Freiburg Spielraum verschafft. Und wer reich ist, kann leichter wählen, unter welchem Herrscher er seine Freiheit entfalten möchte. Im 14. Jahrhundert waren die Bürger von Freiburg ihrer Grafen überdrüssig. Sie beschossen deren Schloss, spießten einen Bischof auf, der dem verhassten Adel mit Truppen zu Hilfe geeilt war, und begaben sich 1368 unter den Schutz der Habsburger. Die Freiburger Grafen bekamen eine Abfindung.

Dass Freiburg 1415 gar Reichsstadt wurde, spielte kaum noch eine Rolle: Schon 1427 fiel die Stadt wieder an Habsburg, die Freiburger ließen Erz herzog Albrecht VI. von Österreich 1457 die Universität gründen, trotzten der Reformation und blieben gute Katholiken.

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Autor:
Martin Tschechne