Nachgeschenkt Gäule und Grauer Burgunder

Rico scheint heute nicht viel von Anstrengung zu halten. Das Arbeitspferd von Herbert Heußler zieht sich erst einmal in den Stall zurück, als der Winzer es vor den Wagen spannen will. Aber es ist nur eine Spielerei, Rico will noch mal extra gebeten werden. Als der Wagen loszuckelt, lässt er seine blonde Mähne bei jedem Schritt wie ein Rockstar auf und ab wippen. Herbert Heußler ist der Seniorchef des Weingutes Heußler in Rhodt unter Rietburg in der Südpfalz. Er ist einer der wenigen deutschen Winzer, der Arbeitspferde einsetzt. Rico ist sieben, ein Schwarzwälder Fuchs, wie Resch, mit dem er sich die Koppel teilt, der aber vor kurzem mit 22 Jahren in Rente gegangen ist.

Gemütlich trottet Rico mit dem Wagen an den Rebzeilen vorbei. "Rico ist Gewerkschafter", scherzt Heußler, "überarbeitet hat er sich noch nie." Immer wieder fahren Winzer vorbei, auf Traktoren und stellen mit dem Fuß auf dem Gaspedal die Verhältnisse klar: Wir sind die Schnellen, du bist langsam. Es könnte auch bedeuten: Wir sind von heute und du bist von gestern. Heußler lässt sich davon nicht beeindrucken. Er hat andere Einheiten, um Zeit und Aufwand zu messen als die "Maschinenwinzer", wie er sie nennt. Mit dem Pferd bearbeitet er an einem Tag die Fläche, die ein Winzer auf dem Traktor in 20 Minuten schafft.

In den 60er Jahren gab es noch mehr als 60 Arbeitspferde in Rhodt, da hat es im Sommer schon morgens um vier auf den Pflastersteinen geklappert, weil die Winzer in den Wingert wollten, bevor es zu heiß wurde. Die Melodie der Hufe schwoll an, es klang wie das Ticken einer riesigen Uhr. Heute arbeitet nur noch Heußler mit Pferden. Mit Rico pflügt und pflegt er anderthalb Hektar Rebfläche, sein Sohn Christian bearbeitet 13,5 Hektar maschinell. Pferdearbeit, das klingt nach Ökonostalgie, nach rauer Wollkleidung und Arbeiten, bei denen die Mondphasen beachtet werden müssen. Nach okkultischen Handlungen und vergrabenen Kuhhörnern, mit Rinderdung gefüllt.

So arbeiten Winzer wie der Franzose Nicolas Joly im Loire-Tal, der seine Weinberge nach dem Prinzip der Biodynamik mit Händen und Pferden bewirtschaftet. Joly ist die treibende Kraft hinter diesem Weinbau, seine Bücher haben viele Winzer beeinflusst. Auch Heußler hat angefangen, Nicolas Joly zu lesen, aber das Buch liegt auf dem Stapel der Bücher, die darauf warten, weiter gelesen zu werden. Biodynamie ist Heußler zu dogmatisch. Was ihn mit den biodynamischen Pferdewinzern verbindet, ist die Erkenntnis, dass man aus einem von Maschinen und durch Chemie geschundenen Weinberg keine außergewöhnlichen Weine gewinnen kann.

Technik erzeugt keinen Geschmack

Es geht Heußler um die Bodenqualität: "Um besondere Weine zu bekommen, müssen wir den Boden so schonend wie möglich bearbeiten." Er lockert den Boden mit dem Pferd, die anderen Winzer verdichten ihn mit ihren Maschinen. Bodenverdichtung, das ist ein Stichwort, bei dem Heußler lebhaft wird. "Wenn drei Tonnen schwere Maschinen durch den Wingert fahren, was soll dann noch wachsen?", fragt er. In maschinell bearbeiteten Weinbergen ist der Boden manchmal so hart wie eine Straße. In Heußlers Rosswingert können sich die Wurzeln der Reben ungehindert ausbreiten. Die Bodenbelüftung ist besser, der Boden produziert weniger Faulgase.

Die Arbeit mit den Pferden sorgt in der Familie immer mal wieder für Diskussionen. Denn der Aufwand, einen Weinberg mit dem Pferd zu bearbeiten ist zehn Mal so hoch wie mit Maschinen. Aber nur mit Pferdekraft können so Weine entstehen wie der Grauburgunder und der Riesling aus dem Rosswingert, die im Jahrgang 2009 zum ersten Mal abgefüllt wurden - da sind sich die Heußlers inzwischen einig. Aus dem Rosswingert kommen Weine mit besonderer Spannung und Harmonie. Chemie haben sie nie gesehen.

In der Pfalz werden auch ohne Arbeitspferde hervorragende Weine erzeugt, bei den gastfreundlichen Heußlers findet man etliche davon, zu kleinen Preisen. Aber es ist unstrittig, dass Technik keinen Geschmack im Wein erzeugt, sondern der Boden. "Wer das Terroir herausarbeiten will, kommt an einem Gaul nicht vorbei", sagt der Winzer und schneidet ein zentrales Thema an im Weinkosmos. Terroirweine sind individuelle Weine, keine Konfektionsware von der Stange. Nur ein natürlicher Boden und ein gesunder Rebstock bringen die Lage und die Aromen des Weinbergs klar zum Ausdruck.

Im Rosswingert hat Rico die letzten Furchen mit dem Pflug gezogen, jetzt geht es heim im Sieben-Kilometer-Schritt, Ricos schnellsten Gang. Die Hufe klackern, im Dämmerlicht verfärbt sich die großzügige Landschaft langsam bläulich. Hoch über dem Dorf liegt die Burgruine Rietburg, daneben ist das Hambacher Schloss zu erkennen, wo sich die deutsche Demokratiebewegung 1832 formierte. Eine Prunkkulisse für die gemütlichen Winzerdörfer, in denen die Hauptstraße immer Weinstraße heißt. Die Heußlers rechnen gerade durch, ob sie weitere Flächen mit Pferdearbeit bewirtschaften können. Das Projekt "Zurück zu den Wurzeln" hat Mut gemacht. In Rhodt wird man noch lange hören können, wie Rico mit den Hufen seine Erkennungsmelodie trommelt.

 

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Autor:
Rainer Schäfer