Allgäu Führung mit Heimatkolorit

Kluftinger quetschte den Fluch kaum hörbar zwischen seinen Zähnen hervor. So viele Akten wie selten türmten sich auf dem Schreibtisch des Kemptener Kriminalkommissars. Und jetzt das: Sein Chef Lodenbacher hatte ihn aufgeregt in einen Raum mit vier fremden Menschen geführt, diese als Mitarbeiter des NDR vorgestellt und Kluftinger damit beauftragt, ihnen das Allgäu zu zeigen.

Das Allgäu zeigen? Kluftinger war doch kein Fremdenführer. Und schon gar nicht für Angestellte irgendeiner Versicherungs ...

"Sie kennen ja sicher den Norddeutschen Rundfunk?" Die Frau mit dem eleganten Hosenanzug streckte ihm die Hand entgegen. Ihrem Auftreten nach zu urteilen war sie die Chefin der Truppe, dachte Kluftinger.

"Sicher, sicher, der ... Nord-BR", murmelte Kluftinger und sah sich hilfesuchend zu seinem Chef um, der gerade mit einem aufmunternden Augenzwinkern aus dem Zimmer schlüpfte, das sonst als Vernehmungsraum genutzt wurde. Für Delinquenten. Und genau so kam sich Kluftinger gerade vor.

"Heinz, Hanno, Herbert, Hildegard", sagte die dunkelhaarige Frau forsch und zeigte mit einer unbestimmten Handbewegung auf ihre Truppe. Ha-ha-ha-ha, dachte der Kommissar bitter.

"Toll, dass Sie sich bereit erklärt haben, uns zu helfen. Also, wir haben uns das so vorgestellt ..."

Zehn Minuten später saß Kluftinger konsterniert an seinem Schreibtisch. Er ließ das Briefing - so hatte es die Frau vom Fernsehen genannt, ohne zu erklären, was das denn nun mit der Post zu tun habe - noch einmal Revue passieren. Er musste das tun, denn sie hatte viel zu schnell gesprochen. Sie kam eben aus Norddeutschland. "Den" Allgäu sollte er ihr zeigen. Priml! Das Allgäu hatte wirklich schon genug ... Zugreiste. Eine Allgäuführung für das Fernsehteam! Anhand der Schauplätze seiner spektakulärsten Fälle! - Und Interviews mit ihm!

Er überlegte gerade, ob es ohne dienstrechtliche Verwicklungen möglich wäre, die Sache wegzudelegieren, da klingelte das Telefon. Es war seine Frau. Eigentlich rief sie an, um ihn an seinen Friseurbesuch zu erinnern. Und er? Erzählte ihr leichtfertig von der Sache mit dem Fernsehteam. Jetzt beharrte sie darauf, vorbeizukommen, um ihm für seinen "Auftritt" ein schöneres Sakko zu bringen.

"Entschuldigung, so geht das aber nicht"

Die Morgenlage-Besprechung, eigentlich eine langweilige Pflichtübung, war heute kaum auszuhalten. Die Kollegen überboten sich gegenseitig mit geistreichen Beiträgen, die immer damit endeten, dass sie sich mit einem Seitenblick zum Kamerateam vergewisserten, ob es auch alles eingefangen hatte. In diesem Moment vibrierte Kluftingers Handy in der Hosentasche zweimal, hörte dann auf, um noch dreimal Signal zu geben: ein Zeichen, das er mit seiner Frau vereinbart hatte, das je nach Situation hieß: "Kannst kommen!", "Kannst was erleben!" oder wie jetzt: "Bin da!". Kluftinger war stolz auf diese Idee, die es ihm ermöglichte, mit dem Handy zu kommunizieren, ohne dass dabei Verbindungskosten anfielen. Er ging nach draußen, schlüpfte in das Sakko, ließ sich von seiner Frau noch den Kragen richten und betrat erneut den Raum. "Wo waren wir ..."

"Entschuldigung, so geht das aber nicht", unterbrach ihn Hildegard. "Hä?" - "Das Sakko!" - "Ja, das ist mein gutes, meine Frau ..." - "Sie müssen wieder das andere anziehen." - "Was?"

Hildegard verdrehte die Augen und sagte: "Das sieht sonst im Fernsehen aus, als hätten Sie ein magisches Wechsel-Jackett an. Also: Das andere, bitte. Das eben können wir ja rausschneiden."

Zehn Minuten später saßen sie zu fünft in einem weißen Van und fuhren durch die Kemptener Innenstadt - der Kommissar wie gewünscht in jenem Jackett, das er sein "Alltagssakko" nannte, im Gegensatz zu seinem "Abends-unter-der-Woch-Sakko" und seinem "Auf-d'r-Wanz-Sakko". Kluftinger kam sich ein bisschen vor wie der Mann in dem Loriot-Sketch, dem mit der Boutique und dem Papst, so oft musste er denselben Satz wiederholen, und immer hatten die Fernsehleute etwas auszusetzen. Mal fuhr er zu schnell, mal zu langsam, dann schaute er zu wenig natürlich, schließlich nuschelte er zu arg.

Wortlos parkte der Kommissar den Wagen vor der imposanten barocken Basilika Sankt Lorenz und stellte den Motor ab. Er hatte einen hochroten Kopf.

"So, jetzt hört's ihr mir einmal gut zu", setzte er schnaubend an, "ich hab mich breitschlagen lassen, mit eurem Karren rumzugurken, weil ihr - ha! - in meinen Passat nicht reinpasst. Aber reden darf ich schon so, wie ich es wollen tu, gell? Und zwar über Sachen, die ich mir aussuch. Wenn ihr jemand rumkommandieren wollt's, könnt's ihr ja einen von diesen ganzen ... Allgäukrimis da verfilmen. Aber dann bitt'schön ohne mich. Und wenn der Preiß mich nicht versteht, dann schreibt's halt Untertitel hin!"

Kluftinger hielt inne, holte Luft und sah aus dem Fenster. Er erwartete, dass die Fernsehleute ihre Sachen packen und er sich in Lodenbachers Büro wiederfinden würde, doch nach einer langen Pause sagte Hildegard: "Habt ihr das? Danke, Herr Kluftinger, das war ganz außerordentlich authentisch. Haben Sie vielleicht jetzt ein paar Kühe für uns?"

"Das, Herr Kluftinger, war Spitzenmaterial!"

Die nächste Viertelstunde - sie waren auf der Fahrt nach Füssen - verlief schweigend. "Erzählen Sie uns doch mal was über Füssen", schaltete sich Hildegard ein.

Je mehr er erzählte, desto mehr geriet er ins Schwärmen: Vom Alatsee, dem herrlichen, mystisch-düsteren Gewässer oberhalb von Füssen, dem "blutenden See", wie ihn die Einheimischen nannten, mit seinen vielen Geheimnissen, der seltsamen roten Algenschicht, den Wehrmachts-Technik-Versuchen und dem amerikanischen Sperrgebiet. Allerdings war der Anlass, der ihn dorthin geführt hatte, wenig erfreulich gewesen: Ein lebloser Taucher im Schnee war Auftakt zu einem mysteriösen Fall gewesen.

Als er geendet hatte, blieb es wieder für einen Moment still. Dann strahlte Hildegard: "Das, Herr Kluftinger, war Spitzenmaterial. Absolut sendefähig und verwertbar. Bitte machen Sie genau so weiter. Und keine Angst, wenn's zu allgäuerisch wird: Das können wir dann rausschneiden."

Kluftinger nickte. "Bitte", hatte sie gesagt. So ließ er sich das schon eher gefallen.

Eine Stunde später hatten sie den Dreh am Alatsee beendet - allerdings ohne Kühe, wie Hildegard enttäuscht bemerkte. "Und jetzt? Wenn wir schon mal in Füssen sind, wollt's ihr noch nach Neuschwanstein?" - "Also wenn ihr mich fragt", sagte der Tonmann, "ich hätte einen mörderischen Kohldampf. Kann man beim Schloss was essen?"

"Nein", versetzte Kluftinger schnell, "beim Schloss nicht. Da essen höchstens die Preißen." Ihm stach der NDR-Aufkleber auf dem Armaturenbrett ins Auge. "Also, und die anderen Touristen halt, die wir hier so ... gern empfangen."

"Gibt es denn beim Schloss keinen spektakulären Kriminalfall?" erkundigte sich Hildegard. Kluftinger grinste: "Allein die Souvenirs, die da verkauft werden, sind ein Verbrechen an der Menschheit. Aber sonst ... eigentlich nichts Spezielles."

"Dann lassen wir das. Wir bräuchten übrigens noch eine Liste schöner Orte von Ihnen ..."

"Also, ich wär als nächstes mit Ihnen nach Buxheim gefahren." - "Buxheim?"

"Bei Memmingen. Da gibt's eine Kartause mit einem einmalig schönen Chorgestühl. Und eine Figur daraus hat in meiner bisher spektakulärsten Mordserie eine wichtige Rolle gespielt."

Mit leuchtenden Augen sagte Hildegard: "Na, dann legen Sie mal los."

Als sie Buxheim wieder verließen, wussten die Filmleute alles über die geheimnisvollen Morde, begangen nach dem Vorbild von Allgäuer Sagen, und von der geschnitzten Figur im Chorgestühl, die dem Mörder als Symbol diente. Da es auf dem Weg lag, hatten sie auch noch die Basilika Ottobeuren "mitgenommen", wie Hanno gesagt hatte, eine spätbarocke, gewaltige Klosterkirche, in der immer die weltberühmten klassischen Konzerte stattfanden - jedenfalls hatte Kluftinger das gehört. Denn seit er einmal einen Kammermusikabend über sich ergehen lassen musste, war er, was Klassik betraf, für den Rest seines Lebens bedient.

Als sie wieder fahren wollten, drohte Hanno damit, die Arbeit niederzulegen, wenn man nicht endlich einen Imbiss nähme. Mit dem Versprechen, es gebe unterhalb der Kirche ein Gasthaus mit einmalig guten Bratwürsten, machte Kluftinger auch den anderen den Mund wässrig. Alle wollten die Spezialität des Hauses probieren, nachdem Kluftinger versichert hatte, Kässpatzen seien zwar ein typisches Allgäuer Schmankerl, aber die würde er heute Abend von seiner Frau bekommen.

"Das schneiden wir dann raus"

"Was soll ... das denn sein?" Die Bedienung hatte ihnen gerade ihre Speisen und Getränke hingestellt und wünschte "an Guat'n". Hildegard blickte entsetzt auf ihren Teller.

"G'schwollene halt."

Die Nennung des Namens erwies sich als kontraproduktiv, Hildegards Ekel vor dem auf ihrem Teller liegenden Essen zu mildern. Kluftinger runzelte die Stirn. Er hätte ihnen doch sagen sollen, was man hier unter Bratwürsten verstand: weiße Gebilde ohne Pelle aus fein gemahlenem Brät, von einer Konsistenz, die ihrem Namen alle Ehre machte. "Ja und?", sagte Kluftinger und überspielte damit sein Schuldbewusstsein. "Sie wollten doch Kühe. Jetzt ham'S welche auf'm Teller!"

Alle Versuche Kluftingers, seine nicht gerade sensiblen Worte beim Essen durch besonders intensive Mithilfe beim Drehen wieder wettzumachen, scheiterten. Die Atmosphäre blieb vergiftet.

"Das schneiden wir dann raus", bellte Hildegard bei jedem noch so kleinen Versprecher Kluftingers vorwurfsvoll und so entschloss sich der Kommissar, ihnen die Ortsliste zu schreiben und dann das Weite zu suchen. Hildegard nahm den Zettel an sich und begann halblaut zu lesen: "Eistobel, Knappendorf Burgberg, Dengelstein, Gogglwirt in Bettrichs."

"Ah, Moment", sagte Kluftinger, nahm das Blatt noch einmal an sich, kritzelte etwas darauf und gab es ihr zurück.

"Und Berge", las Hildegard. Dann sah sie ihn mit einer Mischung aus Unverständnis und Zorn an: "Herr Kluftinger, das ist ja wieder alles ohne Kühe. Wenn wir den Zuschauern den Allgäu zeigen wollen, dann erwarten die Kühe von uns."

Kluftinger holte schon zu einer Retourkutsche Luft, da hatte er eine Idee. "Also gut", sagte er, "fahrt's mir nach. Ich bring euch zu euren Kühen."

Zehn Minuten später standen sie vor einem großen Hof unweit von Kluftingers Wohnhaus.

"Haben die Kühe auch so tolle Kränze auf dem Kopf?", fragte Hildegard voll freudiger Erwartung.

"Sicher", gab Kluftinger knapp zurück. Er bedeutete ihnen, ihm zu folgen, und plötzlich standen sie in einem riesigen Stall. Kluftinger drehte sich um und grinste. Hildegard blickte verständnislos zurück. "Und wo sind die Wiesen? Das ist ja nur ein stinkender Stall!"

"Den können Sie später ja rausschneiden", entgegnete Kluftinger. Dann drehte er sich um und ging. Bevor er durchs Tor in die Dämmerung verschwand, hob er, ohne sich umzudrehen, noch einmal die Hand zum Gruß: "I bin gangen."

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