Mit Stil Früher war alles schöner!

Meine Liste von Themen, über die ich erst in ungefähr 25 Jahren wieder schreiben sollte, wird allmählich länger: keine Vegetarier-Artikel, nichts über Vicky Leandros, keine deutsche Städtekunde (auch nicht, wenn es eigentlich positiv gemeint ist - irgendein Düsseldorfer kriegt auch das in den falschen Hals) und also auch besser keine Stilkritik über deutsche Touristen mehr. Dass ich in den letzten zwei Wochen noch keine Trekking-Sandale an den Kopf bekommen habe, war reine Glückssache.

Relativ ungefährlich scheint mir dagegen das Thema Vintage Travelling zu sein; obwohl sich bestimmt auch hier irgendeine Tretmine verbirgt, aber das werde ich ja dann sehen. Vergangenen Montag jedenfalls, als ich mit einem Kollegen aus dem wunderschönen Bassano di Grappa zurückkehrte und wir von Venedig unerklärlicherweise über Frankfurt zurück nach Berlin fliegen mussten, sahen wir schon von weitem, dass an unserem Gate eine Lufthansa-Maschine mit altem Schriftzug an der Seite wartete. Schlankere Buchstaben, helleres Blau mit Gelb, 50er Jahre Design. Wir waren spontan begeistert, eine Vintage-Maschine! Die "Weimar" wie wir später feststellten, der einzige Nostalgie A321-131 Deutschlands.

Andere Passagiere waren nicht gleich angetan. Eine Dame blickte kurz vorm Einsteigen, da wo bei manchen Fluggesellschaften die Zeitungen liegen, ungläubig aus dem Fenster, rief ihren Mann zurück und weigerte sich, in "so eine alte Kiste!" zu steigen. Erst nach einem vorsichtigen Blick in das Innere der Maschine - deutlich mehr 1990er als 1950er Jahre- ließ sie sich überzeugen. Spätestens als die Stewardess mit kleinen "Eurovision Song Contest"-Schoko-Talern herumging, dürfte sie begriffen haben, wie sehr sie hier in der Gegenwart gelandet war.

Das ältere Ehepaar vor uns war dagegen gleich so verzückt wie wir. "Das waren noch Zeiten, als Fliegen noch etwas Besonderes war", seufzte der Mann, "und nicht", er drehte sich kurz um, "jedermann über den Atlantik gelassen wurden." Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir mit "jedermann" gemeint waren oder doch eher die aufgekratzte achtköpfige spanische Reisegruppe am Ende des Tunnels, auch wenn natürlich keiner von uns über den Atlantik gekommen war, aber so oder so bleibt der Punkt ja derselbe: Die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit", als Reisen noch der privilegierte Ausnahmezustand statt die allgemeine Regel war. Und genau diesen Wunsch bedient der Trend zum "Vintage-Travelling".

Louis Vuitton brachte vor einiger Zeit eine sündhaft teure Schatulle mit Postkarten in Form von alten Luxushotelstickern heraus, wie man sie sich gern auf seinen Vintage-Louis-Vuitton-Koffer geklebt hätte. Genau die finden nämlich immer mehr Liebhaber: Menschen, die sich von all den gemeinen schwarzen Rollkoffern absetzen wollen (ob man sich dann beim Tragen einen Bruch hebt - egal). Passend dazu lassen sie sich, wie früher, ihre Initialen in das Monogram Canvas einstanzen; oder sie nehmen halt die, die der Vorgänger dort hinterlassen hat.

Der Vintage-Trend an sich ist ja nichts Neues. Vintage ist alles, was irgendwie alt und teuer ist. Das unterscheidet es von Second Hand, das nur alt und nicht teuer ist. Es gibt Vintage-Bücher, Vintage-Autos, Champagnerflaschen im Vintage-Design. Vintage-Shops sind längst eine feste Rubrik in allen Reiseführern, "Vintage Hotels" werden dort noch nicht aufgeführt, das kann aber nicht mehr lange dauern. In Brüssel hat vor zwei Jahren bereits das erste "Vintage Hotel" eröffnet, bei den krampfhaft psychedelischen 70er-Jahre-Tapeten hätte es "Retro-Hotel" allerdings besser getroffen.

Wirklich toll sind dagegen wirklich authentische alte Hotels, in denen einfach die Zeit stehen geblieben ist, ohne dass irgendwer "Vintage" dazu schreiben müsste. Wie das "Gennarino a Mare" in Ponza zum Beispiel, wo die 1950er nie zu Ende gegangen sind, wie Freunde von mir erzählen. Oder das "Boca Chica" in Acapulco mit nierenförmigen Pool, in dem die Vergangenheit behutsam zurückgedreht wurde und das deshalb auch in der Hot List der "Vintage Retreats" des Independent auftaucht. Wireless LAN und Flatscreen sind dort natürlich trotzdem vorhanden, zuviel "Vintage-Style" darf es dann doch nicht sein, obwohl das zum richtigen Old-School-Reisen eben auch dazu gehört. Neulich fragte in einem Internet-Forum eine Anfang Zwanzigjährige: "How was travelling in the old days?", und irgendwer antwortete schlicht: "Du warst weg, wirklich weg." Ob das noch mal wiederkommt?

Autor:
Silke Wichert