Europop Freie Fahrt für freie Busse

Dieses Wort klingt nicht nur typisch deutsch: Personenbeförderungsgesetz. Es ist darüber hinaus auch traditionell und konservativ. Seit 1934 jedenfalls schützt dieses Gesetz die ehemalige Staatsbahn vor der Konkurrenz auf der Straße. Auf welchen Strecken auch immer eine Konzession für eine überregionale Buslinie vergeben werden sollte, die Bahn durfte Einwände geltend machen. Mit dem Ergebnis, dass es 70 Jahre lang so gut wie keine überregionalen Buslinien gab. Eine Ausnahme bildete West-Berlin, das über den Interzonen-Zugverkehr nur mühsam zu erreichen war.

Nun hat sich die schwarz-gelbe Koalition vorgenommen, die Bestimmungen aus der Staatsbahn-Ära zu liberalisieren. Ab Mitte 2011, so die Planungen, soll Deutschland zum vernetzten Busland werden. Dabei gibt der Zentrale Omnibusbahnhof am Berliner Funkturm, kurz: ZOB, die Blaupause ab: 400.000 Passagiere nutzen etwa von hier aus jährlich die Buspassage nach Hamburg - auf Deutschland hochgerechnet steht also ein Milliardenmarkt vor seiner Neuordnung.

Bislang dominieren an Busbahnhöfen noch die großen, rot-weiß-blau gestreiften Plastiktaschen, wenn die internationalen "Eurolines"-Linien übernächtigte Passagiere aus Kiew, Skopje oder Pristina ausspucken. Es sind vor allem die bezahlbaren Tarife, die Reisende mit schmalem Budget auf die in Sachen Komfort entbehrungsreichen Ferntrips locken.

In entspannten Urlaubssituationen kann ich dieser knorrigen Reiseweise durchaus einen gewissen Reiz abgewinnen, wenn es etwa von Split nach Mostar im gemächlichen Tempo durch kroatisch-bosnische Schluchten geht. Im Plastikstuhl-Café der zentralen Belgrader Fernstation lässt sich beim tiefschwarzen Espresso perfekt die weitere Balkan-Route planen. Und es spielt auch keine große Rolle, wenn man in einem schläfrigen Kaff in Andalusien noch drei Stunden auf den nächsten Fernbus warten muss. Es ist in diesen Fällen der Reiz des Unperfekten, der einen Bustrip interessant machen kann.

Ein neues Fernbusnetz in Deutschland dagegen wird ohne Romantik auskommen müssen. Im Gegensatz etwa zur Schweiz, wo das staatliche PostAuto auf spektakulären Bergrouten zur nationalen Ikone werden konnte, stellen sich für die deutschen Fernbus-Pioniere der Jetztzeit ganz andere Anforderungen. Auch eine Edelausstattung mit W-Lan-Anschlüssen und Ledersitzen, mit der die modernisierte Greyhound-Busflotte in den USA seit 2009 aufwartet, steht angesichts der etablierten Konkurrenz von ICE und Billigfliegern kaum zu erwarten. Der Wettbewerb wird vor allem über den Preis laufen.

Ab neun Euro offeriert die Deutsche Touring Tickets für die heute bereits qua Sonderkonzession betriebene Nachtbuslinie zwischen Mannheim und Hamburg. Und gegen drei Uhr Morgens gibt es dann eine Pflichtpause auf der Autobahnraststätte. "Bezahlbare Mobilität für alle" lautet auch die Devise beim Bahnkonkurrenten Veolia, der bereits jetzt drei konkrete Fernbuslinien-Anträge beim Düsseldorfer Regierungspräsidium eingereicht hat: Von Essen nach Kiel und von München nach Essen sowie Mönchengladbach. Die Deutsche Touring wiederum bemüht sich um die lukrative Strecke zwischen Frankfurt/Main, Köln und Dortmund. Selbst die Bahn strickt über ihre Tochterfirmen Berlin Linien Bus (BLB) und DB Stadtverkehr an eigenen, bislang unter Verschluss gehaltenen Konzepten.

Für das neue deutsche Busnetzwerk müssen viele Busbahnhöfe den neuen Anforderungen entsprechend hergerichtet werden, wie etwa in meiner Heimatstadt Köln. Da denkt man über die komplette Verlegung der herunter gekommenen Beton-Anlage am Hauptbahnhof in die Nähe eines rechtsrheinischen S-Bahn-Anschlusses nach - weil man so die zeit-, weil stauintensive Route von der Autobahn ins Stadtzentrum einsparen kann.

Mit den Fernbussen kündigt sich also eine spartanische Reisekultur jenseits von Schnellstrecken und Club-Lounges an. Vielleicht werden künftige Beatpoeten darüber einmal Songs oder Gedichte schreiben. Wahrscheinlicher aber entwickelt sich daraus eine nüchterne Alternative - wie in Großbritannien, wo der National Coach Express vom zentralen Terminal gleich hinter der Londoner Victoria Station durch ewig verstopfte Straßen seine Kunden schließlich auf endlos graue Motorways hinausfährt.

Autor:
Ralf Niemczyk