Schleswig-Holstein Flensburg - Deutschlands nördlichste Stadt

Eine Zugfahrkarte Richtung Norden brauchte ich, nach Kopenhagen, um genau zu sein, und da ich gerade etwas Zeit am Bremer Bahnhof hatte, wollte ich das im dortigen Reisezentrum erledigen. Eine freundliche Dame bediente mich und druckte mir die Verbindung aus. Bevor sie mir das Blatt zeigte, ging sie noch einmal alles durch, und dabei fiel ihr Blick auf einen Punkt, der ihr offenbar Sorgen bereitete. Etwas gefiel ihr an der Rückfahrt nicht. Sie zeigte mir das ausgedruckte Blatt und tippte mit dem Finger auf den fraglichen Umstieg, der für spät nachts eingeplant war.

"Hier", sagte sie, "in Flensburg. Über eine Stunde müssten Sie da warten." Das Bedauern in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Ich nickte, das ging schon in Ordnung. Aber die Dame war sich nicht so sicher und schüttelte den Kopf. "Da sagen sich ja wohl Fuchs und Hase Gute Nacht." "Stimmt", sagte ich. "Und ich komme da her."

Ich war an diesem Tag nicht in der Stimmung, meine Heimatstadt ausgiebig vor der Dame zu verteidigen. Wie hätte ich das auch anstellen sollen? Letztlich hatte sie recht. Es ist nicht nötig, die Dinge zu beschönigen. Flensburg liegt weit ab von allem, am äußersten Rand, und ist alles andere als ein pulsierender Ort, in dem das urbane Leben tobt. Für die meisten Menschen ist es nichts als ein Name auf der Landkarte, der sich unter Umständen mit einigen wenigen Details verbindet: eine Grenzstadt mit Hafen plus Verkehrssünderkartei. Vermutlich ist somit über Flensburg gemeinhin mehr bekannt als über die allermeisten anderen Städte, die es so gibt. Wer weiß etwas über Neumünster? Rendsburg? Heide? Um nur einige Städte im Norden zu nennen.

Mit Flensburg verhält es sich etwas anders. Eine vollkommen Unbekannte ist diese Stadt nicht. Man hat zumindest von ihr gehört - "zwischen Flensburg und Sonthofen" -, ist vorbeigefahren, hat unter Umständen sogar einen Zwischenstopp eingelegt auf dem Weg in den Skandinavienurlaub. Eine irgendwie putzige Stadt mit ansehnlichem Altstadtkern, der Hafen ist natürlich das hervorstechendste Merkmal, auch die Förde, die man unbedingt hinzuzählen sollte, die Grenze gleich vor den Toren. Eine ansprechende Größe hat sie, ist fast nicht mehr Kleinstadt. Bisschen langweilig, aber angenehm ist es da.

Ungefähr das wird die Bahnangestellte gemeint haben, und daran gibt es nichts zu deuteln. Dennoch hat es mir zu denken gegeben. Es hat wieder einmal die eine Frage aufgeworfen, die ich mir wie vielleicht manch einer in unregelmäßigen Abständen stelle: Warum lebe ich dort, wo ich lebe? Mit Zufall lässt sich vieles erklären, aber nicht alles. In meinem Fall kann nur der Umstand, dass ich in Flensburg geboren und in einem Dorf am Stadtrand aufgewachsen bin, diesem Zufall in die Schuhe geschoben werden. Irgendwo kommt man eben auf die Welt. Aber wenn man sich meine Wohnorte der letzten Jahre anschaut - Leipzig, Hamburg, jetzt Ulsnis bei Schleswig -, gibt es doch eine klare Tendenz. Ich kehre zurück, Schritt für Schritt, und es gehört nicht allzu viel Wahrsagerei dazu, um vorauszuahnen, dass ich in absehbarer Zeit ganz zurückgehen werde, in die Stadt hineinoder irgendwo an den Stadtrand, kleines Häuschen, Garten. Meine Frau und ich haben bereits darüber gesprochen.

Das ist nicht problematisch. Ich bin nicht der Einzige aus meinem Bekanntenkreis, den es ab einem gewissen Alter zum Geburtsort zurückzieht. Die Nähe zur Familie ist bestimmt kein schlechter Grund, sich irgendwo nie der zulassen. Nur haftet dieser Rückkehr doch stets ein Beigeschmack an. Jedenfalls kann ich das bisweilen aus den Reaktionen meiner Bekannten heraushören, die es anders gemacht haben als ich und eher früher als später - wohin denn sonst? - nach Berlin gegangen sind, mitten hinein in die Großstadt, Prenzlauer Berg, Friedrichshain. Im Vergleich dazu mag meine langsame Rückkehr nach Flensburg - wohin? - wie ein Rückschritt wirken, als hätte ich den Absprung nicht geschafft oder als fehlte mir der Entdeckergeist. Manchmal fühlt es sich auch so an. Ich bin da zwiegespalten. Einerseits lebe ich gern hier, weiß die Stadt, die Landschaft drumherum und den unaufgeregten Menschenschlag zu schätzen; andererseits kenne ich durchaus die Überlegung, dass ich Raum zwischen mich und die Stadt bringen muss, um - ja was? Voranzukommen im Leben? Mein Gefühl pendelt beständig zwischen zwei unvereinbaren Extremen hin und her: Dableibenwollen und Wegrennenmüssen.

Am besten kann ich es anhand eines Bildes veranschaulichen, das seit Jahren in jeder meiner Wohnungen hängt. Der Name des Malers wird den allermeisten nichts sagen, denn Rüdiger Pauli hat es bis zu seinem Tod vor einigen Jahren leider zu keinem überregionalen Ruhm gebracht. Ich kannte ihn flüchtig. Er lebte in meinem Heimatdorf. Ein asketisch wirkender Mann, rauschebärtig, und die eigenbrötlerische Aura, die ihn umgab, war mir immer etwas suspekt, nicht unangenehm,aber doch fremd. Weit mehr konnte ich mit seinen Bildern anfangen, die gelegentlich im Flensburger Tageblatt abgedruckt wurden, strichige Zeichnungen aus der Region, die in ihrer halbfertigen, andeutenden Skizzenartigkeit an manches von Horst Janssen erinnern. Eine dieser Zeichnungen erschien damals als großformatiges Plakat, das ich mir sofort besorgt und eingerahmt habe. Der Titel: "Strandgut".

Zwischen Beschaulichkeit und Weltoffenheit

Ein Fördebild, aber keine Postkartenidylle. Ausladende, halbnackte Leiber liegen hier eng an eng am Strand, die Haut entweder ungesund rötlichbraun oder ganz und gar blass gefärbt. Behaarte Männerrücken sieht man, ein nacktes Baby im Tiefschlaf, wenig bekleidete Hinterteile. Gebettet haben sich diese Leute auf grellfarbige Badelaken. Eine Dame unter blumengemustertem Schirm, die den Betrachter durch eine Sonnenbrille direkt ansieht, dominiert die linke Bildhälfte. Erstaunlicherweise fällt allen trotz der Menschenmenge jener Mann auf, der mit dem Rücken zum Betrachter in aller Ruhe ins Fördewasser pinkelt, und selbstverständlich der rauchende Dampfer, der jedem Flensburger bekannt ist und am oberen Bildrand vorbeischippert, der kohlebefeuerte Salondampfer "Alexandra", fast ein Wahrzeichen der Stadt.

Dieser Blick über den brechend vollen Badestrand raus aufs Wasser ist mir wie eingebrannt. Ich bin nie ein großer Strandlieger gewesen, immer eher ein Strandgeher, und teile somit die Perspektive des Malers, etwas abseits, nicht zu weit entfernt. Es ist nicht immer schön, was man da am Strand zu sehen bekommt: gestresste Eltern, die von ihren Kindern daran gehindert werden, den wohlverdienten Urlaub zu genießen, Streit zwischen Hundehaltern und Badeurlaubern, aber eben auch selige Pärchen Arm in Arm, Jugendliche, die am Strand wie wohl nirgendwo sonst noch mit einem gewagten Hechtsprung vom Steg protzen können, und über allem der unverwechselbare Geruch nach Sonnenmilch und Blasentang. Mir wäre es zu eng zwischen diesen Sonnenbadenden an den Stränden der Förde, aber es zieht mich doch auch dahin. Genauso bei den verlassenen Winterstränden, die beinahe zu leer sind. Beide Grundgefühle werden da in mir wachgerufen. Ich will dort sein und gleichzeitig weg.

Ähnlich geht es mir in der Stadt, auf der Einkaufsstraße, dem Holm. Die Überfülle an den Sonnabenden, wenn alle auf den Beinen sind und die Dänen rüberkommen, um sich mit dem einzudecken, was auf ihrer Seite der Grenze zu teuer ist, und die gähnende Leere an einem x-beliebigen Tag im Mai, wenn sich kaum einer in die Stadt verirrt - beides führt bei mir zu einem vergleichbaren Impuls oder vielmehr zu zwei Impulsen.

Überhaupt die Grenze. Auf dem Pauli-Bild fehlt sie ein wenig, denn sie gehört einfach dazu, nicht nur zur Stadt, sondern zu diesem Blick, den das Bild darstellt. Ein grüner Streifen vom gegenüberliegenden Ufer müsste eigentlich zu sehen sein, ein paar Häuser, die beiden Ochseninseln. Dänemark ist normalerweise immer in Sichtweite und obendrein hörbar auf dem Holm. Das hat etwas Welthaltiges und bildet einen wohltuenden Kontrast zur Beschaulichkeit der Stadt. Wie angenehm ist es doch, Besuch von auswärts erst durch die Altstadt, dann am Hafen entlang und schließlich an einen der Strände zu führen, um auf die unvermeidbare Frage "Was ist das denn da drüben?" beiläufig zu antworten: "Das ist Dänemark."

Mir hat es immer viel bedeutet, dass nur wenige Kilometer von meinem Heimatort entfernt ein ähnliches, aber doch anderes Land liegt. Dort haben die Häuser andere Farben, es gibt salzige Süßigkeiten, großartiges Gebäck und eine Sprache, die manch einer eigentümlich findet; ich höre sie gern. Nach dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens vermisse ich zwar die Kontrollen an den Übergängen, insbesondere das lässige Durchwinken mit dem rechten Arm, mit dem die Grenzer einen in beiden Richtungen begrüßten. Aber wichtiger ist, dass das andere Land da ist, wie eine Tür, die jederzeit offen steht. Ob zu Fuß, mit dem Rad, dem Auto oder auch schwimmend - es wäre erreichbar, und diese Gewissheit führt wohl dazu, dass mein Weglaufimpuls nicht Überhand nimmt. Solange das so ist, werde ich hier in der Nähe leben, gern sogar.

Es ist nach meinem Dafürhalten ein Vorteil, sich etwas abseits vom großen Treiben aufzuhalten. Die Dinge nehmen sich von hier oben betrachtet - so denkt man, wenn man die Landkarte im Kopf hat - mitunter etwas anders aus. Was im Landesinneren vor sich geht, verliert auf dem Weg hierher nicht selten an Brisanz, was nicht das Schlechteste ist. Und vor allem kann man jederzeit den Blick wenden und nach Norden schauen. Da ist auch noch was, da geht es weiter. Vor allem dies führt zu einer Gelassenheit, die ich mit der Stadt und den Menschen, die darin leben, verbinde.

Die Bahnbeamtin versuchte im Übrigen, ihre abfällige Bemerkung zum Schluss noch in ein milderes Licht zu rücken. Lächelnd sagte sie: "Ich war nur mal kurz da, am Bahnhof. Ich bin sicher, dass es aufregendere Ecken in der Stadt gibt." "Eigentlich nicht", sagte ich. "Muss ja aber auch nicht unbedingt sein."