Harz Ferien im Heinz-Erhardt-Film

Der Harz hat sich ein neues Logo zugelegt. Ein brezelförmiger Schnörkel am "z" vermittelt eine knuffige Herzlichkeit, die gleichzeitig schwungvoll und modern rüberkommt. Eine Frischzellenkur für die gute, alte Blocksbergshexe, die bis heute Wanderwege und Info-Broschüren ziert. Schließlich will der zuständige Harzer Tourismusverband mit der aktuellen Dachkampagne verstärkt "neue Themengebiete erschließen". Dazu gehören Kultur, Sport und all das, was hippe Hauptstädter so treiben, wenn sie zum Wochenendtrip nach Wernigerode ausschwärmen. Kurzum: Eine angestaubte Erholungsregion sucht Anschluss an die Bionade-Generation.

Einige Orte - speziell im ehemaligen Osten - sind bereits auf bestem Wege dorthin. Das aufwendig restaurierte Quedlinburg etwa, wo die gesamte Fachwerkhaus-Altstadt zum Unesco-Welterbe gehört, lockt mit einer Lyonel-Feininger-Galerie und das Erbprinzenpalais in Wernigerode gehört seit Mai als erstes Haus in Sachsen-Anhalt zum Biohotel-Verbund.

In den ehemaligen Zonenrandgebieten im Westen hat man lange gegen die üppigen Förderungen für die Ostnachbarn gestänkert, mit denen sich die einst grauen DDR-Orte in vorbildlich restaurierte Schmuckkästchen verwandeln konnten. Zwar wird der Harz seit längerem als gesamte Region vermarktet, doch die strukturellen West/Ost-Unterschiede sind auch heute noch allgegenwärtig. Sozusagen das Berlin unter den deutschen Mittelgebirgen. Aus diesem Grund trauert etwa Braunlage, in dem einige Hotels und Pensionen schließen mussten, auch seiner einstigen Aura als "St. Moritz des West-Harzes" nach

Ich hatte im vergangenen Jahr die Ehre im Luftkurort Hahnenklee (1300 Einwohner) eine Laudatio für die Rapband Die Fantastischen Vier zu halten, denen im örtlichen Kurhaus für ihr musikalisches Wirken der Paul-Lincke-Ring verliehen wurde. Eine überaus interessante Expedition in die stille Bergwelt oberhalb von Goslar, in der plötzlich dieser Ferienkomplex im Fußgängerzonen-Schick der frühen Achtziger auftaucht. Auch Hahnenklee steckt zwischen der traditionellen Filterkaffee-Kundschaft und tätowierten Mountainbikern, die man ebenfalls in die dunklen Wälder locken möchte. Ein schwieriger Spagat - die alte Bundesrepublik muss kämpfen.

Am Abend erlebte ich im Lounge-Bistro "Henry's" (direkt am properen Marktplatz von Goslar City), dass Hip-Design und Acid Jazz allein keine Patentlösungen sind. Der Laden dümpelte ambitioniert vor sich hin (und musste schließlich im letzten Herbst aufgeben). Die kleine Ausgehmeile in der Marktstraße mit ihren grundsoliden Musikkneipen wirkte dagegen weitaus schlüssiger. Zapfhähne statt Wellness. Ein letztes Bier also noch. Und dann darf man sich am nächsten Morgen auf sein Frühstücksei im Bastkörbchen freuen.

Auf dem Weg Richtung Osten habe ich einen Zwischenstopp in Bad Harzburg eingelegt. Ein struktureller Krisenfall, der aber durchaus seine Reize hat. Kurhotels schimmern durch die Bäume und ein aus der Zeit gefallener Märchenwald erscheint. Es sieht aus wie in einem Heinz-Erhardt-Film. Manch eine Ladentür öffnet sich hier mit einem lange nicht gehörten "Palim-Palim". Ferien in der nahen Vergangenheit.

Weiter ging es per Harz-Express Richtung Osten mit Blick auf die 1142 Meter hohen Brocken und die topmoderne Hasseröder-Brauerei in Wernigerode. Am Bahnhofsvorplatz steht die schwungvolle Dachkonstruktion des Bus-Terminals im augenfälligen Gegensatz zum Harzburger Wirtschaftswunder-Flair. Auch in der Altstadt wurde der DDR-Muff gründlich wegrenoviert.

20 Jahre nach der offiziellen Wiedervereinigung, die am 3. Oktober mit einer Wanderung von Bad Harzburg hinauf den Brocken begangen wird, sind es gerade die Gegensätze, die der mythenreichen Region einen zusätzlichen Reiz geben. Bislang lädt die Initiative zu Ost-West-Erfahrungen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. In der Nähe der Örtchen Sorge und Elend wird am 10. Oktober die Installation "Ring der Erinnerung" samt Kolonnenweg und Original-DDR-Beobachtungsturm besucht. Ich schlage ergänzend dazu eine "Tour de Harz" vor, die sich mit dem tiefgreifenden Wandel in den Tourismus-Hochburgen beschäftigt.

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Autor:
Ralf Niemczyk