Wolfsburg Etikette ist in der Autostadt der Renner

Die fünf Knirpse liegen rücklings über die kleine Brücke verstreut, unter der größere und kleinere Rennfahrer mit Tretmobilen im "RumfahrLand" herumdüsen. Doch dafür haben die Kleinen gerade gar keinen Blick - mit offenen Mündern starren sie auf die magische Hand, die über ihren Köpfen ein Auto zeichnet. Strich an Strich wächst das weiße Wunderding auf einem schwarzen Riesenbildschirm, der hoch über der Lobby hängt. "Wer ist denn der, der da zeichnet?", fragt ein fünfjähriger Junge. "Das ist ein Mann, der sich Autos ausdenkt, die dann vielleicht sogar gebaut werden", antwortet eine der Betreuerinnen.

Rund 70 Mitarbeiter gehören zum pädagogischen Team der Autostadt. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2000 hat sich der Erlebnispark von Volkswagen zu einem der lebendigsten außerschulischen Lernorte Deutschlands entwickelt - und zu einer spannenden Attraktion für Kinder und Jugendliche jeden Alters.

Zehn Meter weiter empfangen die Betreuer Jan und Harald eine Gruppe von Gymnasiasten aus Helmstedt, die hier Geburtstag feiern wollen. Luca ist 14 geworden und hat sich statt einer Party den Workshop "AutoDesign" gewünscht. Auch zwei Mädchen sind dabei, doch im Chor der sieben lebhaften Jungs gehen ihre Stimmen unter. Allerdings wird die Motorbegeisterung erstmal durch eine Frage gebremst: "Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Design und Kunst?", fragt Jan. Nach einigem Zögern und Raten in der Gruppe kristallisiert sich die richtige Antwort heraus. Sie alle meinen: "Design ist auf jeden Fall etwas Nützliches!"

Zu Anfang, so lernen die neun bei einem Rundgang durch das Zeit-Haus, ein Gebäude weiter, waren Autos nicht wirklich nützlich. Nur 0,75 PS hatte das erste Kraftfahrzeug der Welt, ein Benz "Patent-Motorwagen " aus dem Jahr 1886. "Das sieht ja aus wie eine Mischung aus Kutsche und Fahrrad", spottet Matthias und umrundet das eigenartige Dreirad mit den großen Speichenrädern und dem Zahnkranz, der über eine "Warum kann man in der Schule nicht so arbeiten?!", seufzt die Lehrerin aus der Umgebung von Wolfsburg, deren zehnte Hauptschulklasse sich einen "Etikette"-Kurs ausgesucht hat.

Etikette in der Autostadt? Nun, Mobilität hat viele Aspekte. Mit einem Betreuungsschlüssel von einem Pädagogen pro acht Jugendliche kann eine normale Schule nicht konkurrieren. Außerdem macht es einen großen Unterschied, ob etwas gelehrt wird, für das es Noten gibt, oder ob die Schüler sich freiwillig und spielerisch mit einem Thema auseinandersetzen können.

Die beiden Kursleiterinnen, Isabelle und Brenda, fragen zunächst die Schüler, welchen Sinn Umgangsformen überhaupt haben. "Etikette" - das hat mit einer Rangordnung zu tun, die wurde früher bei Empfängen auf kleinen Zetteln, eben Etiketten, notiert, lernt die Gruppe. "Wer grüßt zuerst - der Chef oder der Lehrling?", lautet eine der Fragen, deren richtige Antwort entscheidend für die berufliche Laufbahn sein kann. Denn nur ein Viertel der Hauptschüler wird auf dem Arbeitsmarkt vermutlich einen Job finden, obwohl sie lebhaft und mit Interesse an der Diskussion und den Rollenspielen teilnehmen.

Pünktlichkeit, Höflichkeit, Respekt - solche Tugenden sind für viele noch nicht selbstverständlich, dabei entscheiden sie häufig darüber, ob ein Bewerber ein Vorstellungsgespräch erfolgreich übersteht. "Pünktlichkeit braucht ihr in fast allen Berufen", betont Isabelle - ob als Postbote, Busfahrer oder Koch. Dass manche der Jugendlichen noch nie in einem gehobenen Restaurant essen waren, kann nicht nur denen Schwierigkeiten bereiten, die vielleicht einmal in der Gastronomie arbeiten möchten: "Welches ist das Weißweinglas? - Richtig, das kleinere von beiden." Die anfängliche Verlegenheit im Rollenspiel weicht wachsender Begeisterung - diese Gruppe wird das Gelernte sicher nicht vergessen. "

Nicht auf den Kopf gefallen

Unsere Etikettekurse gehören zu den meistgefragtesten", erzählt Dr. Michael Pries, Leiter der Inszenierten Bildung, der pädagogischen Fachabteilung der Autostadt. Entstanden ist die Idee aus einem Konzept für interkulturelle Kompetenz: "Wer beruflich oder privat viel unterwegs ist, muss sich in andere Sitten einfügen können, braucht Instrumente, um sich auf fremdem Terrain zu orientieren."

Als das niedersächsische Kultusministerium Ende der 1990er Jahre nach einem Thema suchte, das unterschiedliche Schulfächer übergreifend miteinander verbinden könnte, war man rasch auf das Thema "Mobilität" gestoßen. Von Technik, Physik und Mathematik über Grundfragen zu Umwelt, Energie und Informationstechnologien bis hin zu Geschichte, Sprachen und sozialem Wandel reichen die Fächer und Phänomene, die sich hier zu spannenden Projekten zusammenfügen - und mit der "Verkehrserziehung" vergangener Jahrzehnte nichts mehr zu tun haben.

Die Autostadt brachte ihre Kompetenz in eine gemeinsame Arbeitsgruppe ein und ist seit 2003 Kooperationspartner des Kultusministeriums. Das gemeinsam erarbeitete "Curriculum Mobilität" ist seither Bestandteil der niedersächsischen Lehrpläne. "Erleben, Erfahren, Erinnern", sagt Betreuer Harald, während er Werkzeuge auf den Tisch stellt, damit die Jugendlichen ihren Plastilin-Autos den letzten Schliff geben können, "das macht den Unterschied zur Schule aus. Dort lässt sich so was im Alltag kaum umsetzen, das habe ich selbst als Physiklehrer erfahren."

Viele Schulen aus der Umgebung nutzen deshalb das Angebot eines "Schulabos": Die Schule zahlt einen Euro fünfzig pro Schüler, der dann für ein Jahr die Autostadt im Klassenverband kostenlos besuchen kann. Die ohnehin nicht teuren Workshops können darüber hinaus für die Hälfte des Preises gebucht werden. 2009 konnten sich zum ersten Mal Schulen mit speziellen fachübergreifenden Projektideen bewerben, von denen zwölf ausgewählt und als "Partnerschulen " vom pädagogischen Team der Autostadt unterstützt werden. Die Erfahrungen sollen in neue Unterrichtsmaterialien einfließen. Das Beispiel macht Schule.

Besonders am Herzen liegt dem Planer Pries die "technische Frühbildung". In der Schule, das wird auch von Bildungsexperten häufig kritisiert, lernen Kinder die Naturwissenschaften erst mit zehn Jahren näher kennen - dabei fängt die Lust am Experimentieren schon viel früher, bereits im Kindergartenalter, an. Die Autostadt will genau da ansetzen und bildet zum Beispiel Erzieherinnen in altersgerechten Technikkursen weiter.

Dass die Kleinen keinesfalls auf den Kopf gefallen sind, zeigen etwa die "Piraten " im Vorschulalter, die im furchterregenden Totenkopf-Look durch die Hallen stürmen. Auf der Suche nach einem Schatz müssen sie Aufgaben lösen, zum Beispiel in Level Green, einer interaktiven Ausstellung zur Nachhaltigkeit, die die Autostadt gemeinsam mit externen Partnern, etwa dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, erarbeitet hat. Dass ein Ballon ein Automodell antreiben kann, wenn man die Luft entweichen lässt; wie ein Propeller funktioniert und was Energie eigentlich ist - das begreifen alle Kinder, die technische Geräte eben nicht nur ansehen, sondern auch anfassen dürfen - sie am besten sogar selbst erschaffen.

In der "Kleinen AutoManufaktur" hat sich eine Gruppe von Acht- und Neunjährigen in mehreren Treffen von simplen Gefährten aus zugeschnittenen Lochstreifen bis zu kleinen Elektromobilen in Spielzeuggröße vorgearbeitet. "Vincenzo, das Auto fährt nicht", klagt ein Junge und hält dem Kursleiter seinen Wagen hin. "Du musst den Baustein hinten richtig rum reinstecken ", sagt der ehemalige Fahrlehrer und dreht den schwarzen Würfel um: "Siehst du, zack, hat sich der Stromkreis geschlossen, und die Räder drehen sich!" Im nächsten Schritt lernen die Kinder, ihre neu erworbenen Technikkünste im virtuellen Raum anzuwenden: Sie entwerfen ein Auto mit einem 3-D-Programm auf dem Computerbildschirm.

Draußen in der Lobby hat die Geisterhand ihr Fahrzeug derweil fertig gezeichnet, Räder, Nummernschild und Rückspiegel - ein paar Striche genügen, um die Teile und Formen anzudeuten. Für ein paar Sekunden wird der Bildschirm daraufhin dunkel. Das reicht, um die Kinder aus ihrer Faszination zu reißen. Sie rappeln sich auf und stürmen über die Brücke, um sich eines der pedalbetriebenen Fahrzeuge zu suchen. Sie genießen die Bewegung, nachdem sie eine ganze Zeit lang still und konzentriert der werdenden Zeichnung zugeschaut haben. Ein Wechsel der Rhythmen, der Geschwindigkeiten, der Beschäftigungen und Wahrnehmungsarten - so wird Lernen zum Abenteuer."Auch Entschleunigung ist eines unserer pädagogischen Prinzipien", hatte Michael Pries zuvor erklärt. Ein erstaunlich mutiges Bekenntnis für eine Autostadt. Aber dann heißt es natürlich doch: Gas geben macht auch Spaß!

Autor:
Petra Thorbrietz