Bayern Erholung pur in Oberstdorf

Es ist kalt. Klirrend kalt. Und strahlend schön. Hier oben auf dem Nebelhorn in 2224 Meter Höhe. Eine schwarze Bergdohle schwebt vorüber, verschneite Gipfel, so weit das Auge reicht. 400 an der Zahl. Spitze, steile, karstige, zerklüftete, abgerundete. Mit Namen wie Mädelegabel, Hohes Licht, Höfats, Großer Daumen, Hochvogel. Ganz hinten der Säntis. Darüber die Sonne und ein hellblauer Himmel. Dazu diese Ruhe.

Auch unten im Tal, in Oberstdorf, ist es ruhig, extrem ruhig für einen Skiort. Kaum Après-Ski-Bars, keine Menschenmassen. Autos sind im Ortskern verboten, bleiben auf Parkplätzen vor der Stadt stehen. Aber wer braucht hier schon ein Auto? Den Ort hat man in zehn Minuten durchlaufen, und dahinter geht es nicht weiter.

Oberstdorf ist Deutschlands südlichste Gemeinde. Danach kommen nur noch Berge.

In der Schweiz mag es anspruchsvollere Pisten geben, in Österreich mehr Party und in Südtirol besseres Essen. Oberstdorf nimmt das gelassen, genießt seine Ruhe. Paare spazieren hier durch die Straßen, haben manchmal ihre Kinder oder Enkel im Schlepptau. Sie begutachten die Schaufenster, kaufen Käse im Spezialitätengeschäft. Auf den Pisten, am Nebelhorn, am Söllereck oder am Fellhorn karven die Skifahrer aus Ulm, Stuttgart und Umgebung die Hänge hinunter. Abends, wenn die Lifte schließen, bleiben die wenigsten von ihnen hier. Auf der schmalen Bundesstraße, die nach Oberstdorf führt, fahren sie zurück nach Hause.

"Wir liegen schon seit Jahrhunderten abseits aller größeren Straßen", sagt Eugen Thomma, 77, ehemaliger Leiter des Heimatmuseums und selbsternannter Chronist der Stadt mit einem beeindruckenden Bauchumfang. "Vielleicht ist deshalb hier viel erhalten geblieben." Die Mundart zum Beispiel. Sie ist noch viel ausgeprägter als in Immenstadt oder Kempten. Wenn sich Oberstdorfer unterhalten, haben selbst Menschen, die nur 20 Kilometer von hier aufgewachsen sind, Probleme, dem Gespräch zu folgen. Aber so viel reden die Menschen hier nicht. Sie lieben die Ruhe.

Dabei kamen die ersten Touristen schon vor 150 Jahren hierher. Sommerfrischler, die am Fuß des Nebelhorns gesunde Bergluft atmen wollten. "Oft reisten ganze Familien mit einer Schar von Bediensteten an und blieben gleich mehrere Monate", erzählt Eugen Thomma. Viele ließen sich von Einheimischen in die Berge begleiten. 1891 gab es den ersten Skifahrer: Der örtliche Apotheker, Friedrich Prögler, bestellte sich ein Paar hölzerner "Schneeschuhe", wie sie Fridtjof Nansen 1888 bei seiner Durchquerung von Grönland benutzt hatte. Gefahren ist Prögler damit nur nachts. Er fürchtete den Spott der Nachbarn.

Doch der neue Sport ließ sich nicht aufhalten. 1899 unterrichtete der erste Skilehrer, 1906 wurde der Skiverein gegründet. Vier Jahre später fanden bereits Rennen statt. Man baute eine Skisprungschanze, inszenierte Eisrevuen für die Gäste und baute 1928 bis 1930 am Nebelhorn die damals längste Personenseilbahn Europas.

Einmal im Jahr herrscht auch heute noch Hochbetrieb. Wie verkraften es die Oberstdorfer, wenn der Tross der Vierschanzentournee durch ihre Stadt zieht? "Ich liebe es. Dann ist mal so richtig was los", sagt Margret Bolkart-Fetz. Ihr Vater Max Bolkart war selbst Skispringer, gewann 1960 die Vierschanzentournee. "Und wenn man die vielen Menschen dann doch nicht mehr ertragen kann, ist man in wenigen Minuten im Stillach-, Trettach- oder Oytal. Im Winter sind 140 Kilometer unserer Wege so präpariert, dass man dort wandern kann."

Ein paar Jahre lang lebte Margret mit ihrem Mann Ludger, einem Koch, in dessen Heimat Koblenz. "Aber die Allgäuer treibt es immer wieder zurück." Also ließ sich die Familie in Oberstdorf nieder, eröffnete das Restaurant Maximilians und baute die Ferienwohnungen der Eltern zu einem der kleinsten Vier-Sterne-Hotels Deutschlands um. Nur acht Zimmer hat das .

Aus der Küche von Ludger Fetz sieht man auf die Gipfel. "Mir reicht ja ab und an ein Spaziergang", sagt er, "aber meine Frau zieht es immer in die Natur." Besonders im Winter: "Dann sind die Berge noch beeindruckender, unnahbarer", sagt die Hotelchefin.

Wer Naturgewalten hautnah spüren will, dem empfiehlt sie die Wanderung durch die Breitachklamm. Im Sommer tost hier das Wasser, stürzt von den Felswänden in die Tiefe. Fast hundert Meter ragen die steilen Felsen in die Höhe. Hier gibt es Steine, die seit Jahrtausenden kein Sonnenstrahl erreicht hat. 1905 wurde ein Steg durch die Klamm gebaut. Und schon im ersten Jahr stiegen 25.000 Menschen durch die tiefste Schlucht Deutschlands. Heute sind es 300.000 jedes Jahr. Bei Frost erstarrt das Schauspiel quasi im Fall. Die Wasserfälle werden dann zu einem einzigen Vorhang aus Eiszapfen. Nur noch ganz tief unten hört man das Wasser rauschen.

Fast ist man froh, danach auf einen richtigen Oberstdorfer zu treffen, ein bisschen kauzig, ein bisschen brummig: Otto Schall, 69 Jahre alt, ist Gamsbartbinder aus Leidenschaft. Die Rückenhaare von vier bis fünf Gamsböcken braucht Schall für einen großen Hutschmuck. Jeweils 40 bis 50 Haare bindet er zu einem Büschel zusammen, verarbeitet sie mit bis zu 200 anderen Büscheln in 15 unterschiedlichen Längen zu einem Bart. Für ein Stück braucht er Tage, verkauft es für bis zu 1200 Euro. Zwischendurch grantelt er ein wenig, dass die vielen Fremden die Preise der Bauplätze hochgetrieben haben, dass es nur noch Ferienwohnungen gibt und dass er den Sommer viel lieber mag. Dabei schaut er aus dem Fenster über eine verschneite Wiese direkt in die Berge.

Bei solchem Wetter waren die Menschen im Bergdorf Gerstruben auf 1154 Meter Höhe früher wochenlang eingeschneit. Heute ist der Ort verlassen, aber der steile Weg dorthin selbst im Winter geräumt. 1892 gaben die Bewohner ihre Siedlung auf, zu beschwerlich war das Leben geworden, die Jungen waren fast alle ins Tal abgewandert. Sie verkauften ihr Land an Kemptener Investoren, die dort ein Staubecken anlegen wollten. Daraus wurde nichts, das verlassene Dorf blieb stehen. Bis heute. Eine gute Stunde führt der Weg steil bergauf zu den fünf Häusern von Gerstruben. Gestrickte Häuser, sagt man hier, weil die Holzbalken wie in einem Gewebe fest ineinandergefügt sind. Eines davon ist Museum. Das ganze Areal steht unter Denkmalschutz. Nur wenige Menschen haben sich hier hoch verirrt. Man steht vor den alten Häusern, beginnt die Stille zu fühlen. Jedes Wort wäre beim Anblick der schneebedeckten, majestätischen Berge zu viel. In Oberstdorf sprechen die Berge.

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Autor:
Susanne Strätz