Usedom Entschlacken mit Heilfasten

"Waffelbäckerei" steht in großen Lettern auf einem Banner geschrieben, das sich über der Toreinfahrt des Wasserschlosses Mellenthin ausbreitet. Ich bin irritiert. Ein Scherz? Versteckte Kamera? Beim Einchecken, am ersten Tag meiner Entgiftungskur, empfand ich diesen Hinweis als Provokation: Ich liebe Kuchen und Waffeln. So gut war ich bereits informiert, dass diese Speisen in einer basischen Woche nichts auf dem Teller zu suchen haben. Ebenso kein Fleisch, keine Milchprodukte, kein Fisch, keine Teigwaren, kein Kaffee, kein Alkohol und eben auch keine Süßigkeiten.

Am vierten Tag, nach meiner morgendlichen Runde durch den anliegenden Naturschutzpark zum Wasserschloss, ist der anfängliche Heißhunger auf Süßes ebenso verflogen wie die Kopfschmerzen. Auch meine Ermüdungserscheinungen sind überstanden. Alles Symptome, die bei einer Nahrungsumstellung am Anfang auftauchen können. Darauf hat Annemarie Klodt uns bereits am ersten Tag hingewiesen.

"Schwindel, Übelkeit oder Kopfschmerzen sind positive Anzeichen dafür, dass Giftstoffe gelöst und Säuren neutralisiert werden. Mit reichlich Wasserzufuhr könnt ihr diese Gifte schneller herausspülen", erklärt uns die zertifizierte Kursleiterin. "Also trinken, trinken, trinken", ermahnt Annemarie jeden Tag aufs Neue. "Und kauen, kauen, kauen", rügt mich die sportliche Physiotherapeutin mit einem energischem Tonfall, wenn ich beim Frühstück zu sehr schlinge.

Im oberen großräumigen Trakt des Schlosses haben wir unser "Basenlager" aufgeschlagen. Bei jedem Schritt knackt das wunderschöne, Jahrhunderte alte Parkett unter den Füßen. Ich liebe dieses Geräusch. Ebenso den tollen Blick auf das Achterland des kleinen Dorfes Mellenthin im Landkreis Ostvorpommern. Um neun Uhr morgens schnippeln alle dreizehn Kursteilnehmer an der langen Tafel gut gelaunt ihr Obst. Josef nimmt in dieser Woche keine Hilfe mehr von seiner Frau in Anspruch und findet plötzlich Gefallen daran, sein eigenes Frühstück zu garnieren.

Hin und wieder finden sogar kleine Competitions unter den Teilnehmern statt. "Wer macht den schönsten Obstteller?", fordert Annemarie uns heraus. Auf dem hübsch gedeckten Holztisch stehen viele kleine Schüsselchen, die mit Rosinen, Sonnenblumenkernen, Wurzelkraft, Leinsamen, geröstetem Sesam und Erdmandelflocken gefüllt sind. Letzteres ist meine neueste basische Entdeckung, mit der ich jeden morgen mein Obst bestreue: eine etwas süßliche Erdknolle, die - wie ich gelernt habe - leicht verdauliches Eiweiß und zahlreiche wertvolle Mineralien spendet. Dazu frisch gebrühten Ingwertee und der Tag kann kommen auf der Sonneninsel Usedom - ohne Sonne.

Eine Verschmelzung von Renaissance und Moderne

Wie ein grauer Schleier legt sich die Wolkendecke über das zirka 10.000 Quadratmeter große Anwesen der Familie Fidora. Das Schloss erscheint fast ein wenig mystisch. 1575 ließ Rüdiger von Neuenkirchen den heute bedeutendsten historischen Profanbau auf der Insel Usedom errichten. 2001 kaufte die Familie Fidora aus Westfalen das heruntergekommene Schloss von der Gemeinde. Nach langen und schweißtreibenden Renovierungsarbeiten sind Restaurant, Café und Hotel (im Bau befindet sich eine Brauerei) entstanden, geführt von Sohn Jan. Alles ist sehr stilvoll eingerichtet. Eine Verschmelzung von Renaissance und Moderne, wie die Schlossherrin Maria zu sagen pflegt. Maria ist die gute Seele des Hauses. Die zierliche Frau mit dem süßen Westfalenakzent kümmert sich liebevoll um die Gäste. Wenn sie einen von uns nicht gerade massiert oder in die Rügener Heilkreide zur Stoffwechselanregung packt, achtet sie darauf, dass keinem etwas fehlt.

Vor ungefähr einem Jahr haben Annemarie und Maria sich in einem Zug kennengelernt. Auf der Fahrt von Münster nach Usedom entstand die Idee, Basenfasten gemeinsam auf dem Schloss Mellenthin anzubieten. Aber woher kommt eigentlich das Original, und was steckt genau dahinter? Die Methode Basenfasten wurde vor vielen Jahren von Dr. Andreas Wacker und der Heilpraktikerin Sabine Wacker als Entsäuerungs- und Entlastungskur entwickelt.

Annemarie erklärt es ganz fachmännisch: "Convenience-Food und ein hektischer Alltag fördern die Säurebildung. Nehmen die Säuren überhand, können sie über Nieren, Darm und Haut nicht mehr ausgeschieden werden und man erkrankt zum Beispiel an Osteoporose. Während der Heilkosttage streichen wir alle säurebildenden Nahrungsmittel vom Speiseplan und ernähren uns von reifen Früchten, gedämpftem Gemüse, Suppen, Wasser und Tee." "Großputz des Organismus" nennt es Sabine Wacker.

"Genussvoll entsäuern" ist Annemaries Leitspruch dieser basischen Woche. Mit reichlich Bewegung und Entspannung. Angeboten werden Yoga, progressive Muskelentspannung und Nordic Walking. Ich genieße es vor allem die ganze Woche lang im Jogginganzug durch das Schloss zu tapsen, mich nach dem Mittagessen mit dem Leberwickel und einer Wärmflasche auf mein Hotelzimmer zu verkriechen und der verordneten Bettruhe Folge zu leisten.

Prinzessin im Jogginganzug

Um 18.00 Uhr nehmen alle gemeinsam die letzte Mahlzeit des Tages zu sich. Stefan, der junge Koch des Schlosses, überrascht jeden Tag mit seinen basischen Kochkünsten. Während unten im Restaurant die anderen Hotelgäste sich über das Ritterbüfett hermachen, löffeln wir Gesundheitsurlauber ganz brav unsere Suppe. Auch wenn Michael, der pensionierte Lehrer, die Wurst in der Kartoffelsuppe vermisst. Aber auch die anfangs auffälligen Gespräche über deftiges Essen und Tiramisurezepte haben sich bei den meisten Teilnehmern bereits am dritten Tag eingestellt. Zufrieden wird an einer getrockneten Aprikose gelutscht oder der Berliner Marathonläufer Wolfgang knackt für seine Fastenbrüder und Schwestern Walnüsse.

Ich zelebriere meine neuentdeckte Gruppentauglichkeit beim gemeinsamen abendlichen Fußbad. Routiniert tapern wir mit unseren Wannen zum Wasserhahn, um uns eine Brise Basensalz und heißes Wasser abzuholen. Natürlich alles zugunsten der Entschlackung. Während Maria verbissen an ihren Füßen schrubbt, werden Erfahrungen ausgetauscht. Ganz ungeniert werden erfolgreiche Darmeinläufe beklatscht. Auch ich gehöre jetzt zu denen, die mit Bravour bestanden haben.

Beim Nordic Walking beweise ich nun ebenfalls Willensstärke, selbst wenn mir der Sport anfangs albern erschien und ich lustlos die Stöcke hinter mir her schleifen ließ. Doch dann hat es mich gepackt, das Nordic-Walking-Fieber. Energisch steche ich mit den Pieken in den Boden und halte einen zackigen Schritt.

Ob mein plötzliches Energiehoch der basischen Ernährung zu verdanken ist, blieb bisher in der Ernährungswissenschaft unbewiesen. Aber ich fühle mich leichter und frischer. So als hätte ich es endlich geschafft meinen Keller zu entrümpeln: befreit von Ballast. Gudrun streicht über ihr Gesicht und findet, dass sich ihre Haut weicher anfühlt. Und Christine will sich auch nach dieser Kur noch weiter basisch ernähren. Fakt ist, dass sich für uns alle etwas verändert hat. Auch wenn es nur das Bewusstsein ist, besser auf sich zu achten. Ich pfeife auf hausgemachte Waffeln und stolziere als gereinigte Prinzessin im Jogginganzug durch mein basisches Königreich. Mit einem guten Vorsatz: auch daheim einmal die Woche meinen Körper zu entsäuern.

Autor:
Sara Hellmers