Frankfurt Eine Transitstadt

Das erste Mal vergisst man nie. Fred, der Amerikaner, reißt heute noch entsetzt die Augen auf, wenn er von seiner ersten Ankunft in Frankfurt erzählt, "Rhein Main Airbase". Auf dem Weg über die Kennedyallee in die Stadt vermisste der Army-Mann Dinge, die er bis dato für naturgegeben hielt: Billboards und - Telefonleitungen! Einen kurzen, furchtbaren Moment lang dachte Fred, in Deutschland sei das Telefon noch nicht erfunden. "Ich hatte no Ahnung, ich sprach kein Wort Deutsch." Bis ihm jemand erklärte, dass Telefonleitungen in Deutschland, anders als in seiner Heimat, unterirdisch verlaufen. Merksatz eins: Irgendetwas fehlt immer, wenn man nach Frankfurt kommt. Geneviève, früher Wertpapierhändlerin, inzwischen Buch-Restauratorin, formuliert es französisch-radikal: "Ein miserables Pflaster für Frauen. Diese Selbstgefälligkeit. Man hat mir, als ich herkam, ohne mit der Wimper zu zucken, ein skandalöses Gehalt geboten. Und sofort gefragt: Wann sind Sie schwanger?"

Marika, der Italienerin, die es in den achtziger Jahren an den Main verschlug, sprang ein anderer Mangel ins Auge: keine Schuhe. Nicht ein einziges brauchbares Paar in den Geschäften, nur braune Treter mit Kreppsohle oder Oma-Absatz! Wie sollte sie hier Fuß fassen? "Damals gab es die Stadt noch gar nicht, die wir heute sehen: kaum Hochhäuser, kein Salvatore Ferragamo und Armani in der Goethestraße. Spaghetti als eigenen Gang anzubieten, das wagte als erster am Platz der Wirt der Galleria im BfG-Haus." Man war überrascht.

Jörg, der erdverwachsene Niedersachse und Neuankömmling aus Goslar, stand vor einer Kneipe, die den Namen trug: "Zum Gaddezwesch". Leise murmelte er den Namen, immer wieder. Was, um alles in der Welt, hieß das? Wie überlebt man in einer Stadt, deren Kneipen unverständliche Namen tragen? Kaum einer kommt ganz aus freien Stücken her, angezogen von szenigem Treiben oder von großen Namen. Nein: Man rutscht hier so rein, zufällig.

So geht es den meisten Zugezogenen. An irgendeiner Kreuzung ihrer Biografie, ihrer Karriere ergab es sich, dieses Frankfurt. Selten klingt es nach Euphorie, was sie erzählen über ihren Start. Mehr nach Vernunft und Selbstaufmunterung. Wird schon nicht so schlimm sein, andere halten es auch dort aus. Und immer wieder: Man ist ja so schnell ganz woanders - im Rheingau, in der Pfalz, im Elsass. Frankfurts Vorzüge scheinen eher draußen als drinnen zu liegen. Ein ebenso ungerechtes wie hartnäckiges Vorurteil.

Frederick Irwin, den halb Frankfurt nur als Fred kennt, ist Vorsitzender der "American Chamber of Commerce in Germany". Er lebt, mit Unterbrechungen, seit 35 Jahren hier. Und zwar gern, was schon daran zu merken ist, wie flüssig er die Vorzüge aufzählt: den stets belebten Platz vor der Alten Oper, die Sachsenhäuser Kneipen, wo sich Vorstände und Handwerker den Bembel teilen, überhaupt, die Menschen hier, die so routiniert mit Fremden umgehen.

Dabei hat er auch andere Geschichten zu erzählen, heikle Situationen. Er sollte mit zwei Kameraden in die Universität - um den Revoluzzern mal ein wenig zu erklären, was die Amis eigentlich in Vietnam wollten."Wir trugen so kurze Haare, wir kamen so naiv daher ..." Mit breitem Grinsen betrat der Uniformierte den Hörsaal der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität: "Ho-ho-ho-Tschi-Minh" schallte es ihm entgegen. Was für eine Überraschung.

Aber Anti-Amerikanismus möchte er es keinesfalls nennen. Er lacht sein offenes amerikanisches Lachen: "Was ich so mag an Frankfurt? Dass es so klein ist. In zehn Minuten ist man überall. Als ich in New York war, hat Frankfurt mir plötzlich gefehlt."

Da ist sie wieder, die alte Tragik. Die Stadt möchte groß sein, bedeutend, eindrucksvoll, mindestens aber schnell und dynamisch. Aber das nimmt ihr keiner ab. Für sich genommen, ohne das Rhein-Main-Gebiet, ist sie mit ihren 650.000 Einwohnern überschaubar. Main-Metropole - das Selbstlob hat nie verfangen.

So wird der Stadt denn gern eine interessante Melange aus Größenwahn und Selbsthass bescheinigt. "Frankfurt ist pure Präsenz, nackte Gegenwart: roh, unfertig, reich und elend zugleich", schrieb der Frankfurter Autor Horst Krüger vor 20 Jahren. Das war vor dem Boom, vor den expansiven Achtzigern, vor der Goldgräber-Stimmung der Neunziger. Nach der Wende war Deutschland für Ausländer plötzlich nicht mehr nur ordentlich und effizient, ebenso langweilig wie perfekt, sondern ein Ort, wo etwas passierte. Ein attraktives Single-Pflaster. Wie die Crews irgendwelcher Elitetruppen zogen junge Trader ein in jene Etagen in den Bankzentralen, in denen die ganze Nacht das Licht brennt, wo Tokio, New York und London nah sind, so nah, und machten Geld, viel Geld. Werber folgten, machten noch mehr Geld, und dann trat auch noch die Europäische Zentralbank auf den Plan. Es hätte ewig so weitergehen können.

Heute geht das Zittern um. Banker fürchten um ihre Jobs, Stadtväter um den Standort, die Museen halten sich so eben über der Mainlinie und auch die gescheiterte Olympia- Bewerbung hat die Stimmung nicht gerade beflügelt. Neu-Frankfurter? Sie fallen dadurch auf, dass sie sich wundern. Über den Drang, Nummernschilder als Folie der Flüche zu nutzen ("F-UC", "F-IK" et al.). Über das Triumphgeheul, wenn die Stadt sich laut Mercer-Studie, die die Lebensqualität von 215 Städten weltweit untersucht, einen Platz nach vorn gearbeitet hat - vor Berlin! Vor allem fällt dem hierher Geratenen das immer noch Halbfertige dieses Ortes auf. Fugenlos Strahlendes neben mürbem Putz.

Spiegelnde Glasfassaden lehnen an blindem Glasbaustein. Schiefe Schuppen trotzen dem gebürsteten Stahl eines Bürokomplexes, Brezelbude neben Vinoteca, und immer tun beide so, als nähmen sie den Nachbarn gar nicht wahr. Die hässlichen Wohnzeilen aus den fünfziger Jahren am nördlichen Mainufer - wie kann man die nur stehen lassen? Die unwirtliche Zeil - das soll Deutschlands umsatzstärkste Einkaufsmeile sein? Ein Kraftwerk direkt am Ufer des Flusses - aus Bosheit dorthin platziert?

Selbst Marcel Reich-Ranicki hat es ziemlich schonungslos formuliert: "In dieser Stadt kann man gut arbeiten. Und wer seine Arbeit sehr liebt, der wird vielleicht und unter Umständen auch Frankfurt ohne Widerwillen ertragen oder gelegentlich sogar ganz gern haben."

Autor:
Anna von Münchhausen