Lübeck Eine neue Hafenstadt

Ein paar Kräne halten an der Kaimauer noch die Stellung. Aber Güter werden auf der Nördlichen Wallhalbinsel nicht mehr umgeschlagen - die Trave ist zu eng und zu kurvenreich, die modernen Containerschiffe sind zu lang, zu breit und zu tiefgängig. Leuchtend gelber Löwenzahn wächst seither zwischen den tiefen Fugen der Pflastersteine und den rostbraunen Schienen. An der Spitze der schmalen Insel hat es sich der "Strandsalon" gemütlich gemacht. Wo früher Stück- und Schüttgüter gelöscht und geladen wurden, kann man heute in Liegestühlen Cocktails schlürfen, die Füße in den Sand stecken und über den Fluss zur Altstadt hinüberschauen.

Wie eine schützende Schale legt sich die Wallhalbinsel um den Lübecker Stadtkern - und zu deren Schutz wurde sie auch angelegt. Der Rat ließ den Verteidigungswall im 15. Jahrhundert nämlich nicht am stadtseitigen Traveufer errichten, sondern in einigem Abstand auf der gegenüberliegenden, westlichen Seite. So war auch der für Lübeck wichtige Hafen geschützt und es entstanden dringend benötigte Lade- und Lagerflächen. Im 16. Jahrhundert wurde die Befestigungsanlage mit Bastionen aufgerüstet. Durch den pfeilspitzenartigen Grundriss der Bastionen und deren Anordnung gab es keine toten Winkel mehr, unter deren Schutz Angreifer die Mauern hätten stürmen können. Schon die Abschreckung wirkte - es kam nie zu einem Angriff. Der ausgehobene Stadtgraben am Fuß der Festung wurde durch die Trave geflutet und isolierte die Wallanlagen zur Halbinsel. Als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation - drei Jahre von seinem ruhmlosen Ende -1803 die Neutralität der Hansestadt Lübeck anerkannte, beschloss der Rat, die Festungsanlagen zu schleifen. Der nördliche Teil der Insel wurde geebnet, der Hafen ausgebaut.

Den historischen Charme dieser alten Hafenanlage entdeckte die Stadt in den 1990er Jahren wieder für sich und träumte davon, die Nördliche Wallhalbinsel nach dem Vorbild der Londoner Docklands zu einer Little Hafencity auszubauen. Die länglichen Holzlagerschuppen aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts sollten Bürokomplexen weichen. Doch zunächst wurde nur das 1897 von der Kaufmannschaft errichtete Lagerhaus für Getreide und Zucker zu den "media docks" umgebaut. Seit 2002 bietet dieses Veranstaltungs- und Gewerbezentrum einer Regionalstation des NDR, Werbeagenturen, IT-Firmen und anderen Unternehmen ein architektonisch reizvolles Dach über dem Kopf.

2008 wurde mit der Ausschreibung eines Wettbewerbs ein neuer Anlauf unternommen, das Gelände auf Vordermann zu bringen. Die Lübecker Architekten Brodersen & Gebauer sowie das Landschaftsarchitekturbüro wUrck aus Rotterdam setzten sich mit ihrem Ansatz durch. Das Konzept orientierte sich an den alten Nutzungsstrukturen, um das Hafenambiente zu bewahren, und stellt ihnen moderne Elemente gegenüber. Dann kamen Lehman-Pleite und weltweite Finanzkrise dazwischen, und der isländische Investor stieg aus.

Doch seit einigen Jahren werden Innenstadtwohnungen in Lübeck wieder stärker nachgefragt. Aufgrund der Nähe zum Bahnhof und zur Autobahn könnten die geplanten, loftartigen Appartements auf der Nördlichen Wallhalbinsel sogar für Pendler aus dem 80 km entfernten Hamburg interessant werden. Deshalb traut sich die Hansestadt nun, das Projekt selbst umzusetzen. Die Entwürfe wurden bereits überarbeitet und das Stadtplanungsamt Lübeck sowie die städtische Tochtergesellschaft KWL GmbH, die die Grundstücke vermarktet, hoffen auf einen Satzungsbeschluss des Bebauungsplans nach der Sommerpause.

Die Königin der Hanse

Die alte Grundstruktur der Nördlichen Wallhalbinsel will man erhalten - war es doch der Hafen, der Lübeck zur Königin der Hanse machte und die Stadt bis heute prägte. Mitte des 14. Jahrhunderts wurden in Lübeck ein Drittel mehr Waren umgeschlagen als in Hamburg. Rund 25.000 Tonnen Salz, Getreide, Salzfische, Holz, Teer, Pech, Hanf, Flachs, Pelze, Honig, Butter, Eisen und Kupfer brachten die von Lübeck auslaufenden 850 Schiffe an ihre Abnehmer überall im Ostseeraum.

Doch statt die Güter direkt am Hafen zu lagern wie in der Hamburger Speicherstadt, wurden sie in den Kaufmannshäusern in der Stadt untergebracht, um sie vor Plünderern zu schützen. Laut einer Kaufmannsordnung durften die Erdgeschosse aller Häuser an der Untertrave zwischen Braun- und Mengstraße nur als Lagerräume genutzt werden. Der mittelalterliche Hafen diente lediglich dazu, Anlegeplätze für Schiffe zu bieten und Waren zu ver- und entladen.

Durch den Ausbau der Industriegebiete nördlich der Hansestadt verlagerte sich das Hafengeschehen zunehmend auf die Häfen Richtung Ostseeküste. In den 1980er Jahren wurden die meisten Kräne auf der Wallhalbinsel demontiert, da immer weniger Stückgutverkehr abzufertigen war. Die Schuppen werden heute immer noch als Lager von Handwerksbetrieben, Flohmärkten und im Winter für Boote genutzt aber auch als Galerie und für Veranstaltungen.

Seit über hundert Jahren prägen die Schuppen das Aussehen der Nördlichen Wallhalbinsel. In den neuen Planungen sollen sie 14 Gebäudekomplexen mit Appartements und Büros weichen. Nach Möglichkeit erhalten möchte man zwei alte Kopfgebäudefassaden aus Backstein. Anders als in der Hamburger Hafencity, wo die Gebäude in keiner Beziehung zur alten Nutzung stehen, sollen sich die Gebäude des Nördlichen-Wallhalbinsel-Projekts an der Lage und dem Erscheinungsbild der Hallen orientieren. Als Kontrast zu den vertikal aufragenden Kirchtürmen der Altstadt, den Wahrzeichen Lübecks, würde die Nördliche Wallhalbinsel weiterhin einen horizontalen Gegenpart bilden.

Insgesamt sollen durch die Neubauten 60.000 Quadratmeter Wohnfläche für rund 800 bis 1000 Menschen entstehen. Weitere 10.000 Quadratmeter sind der Gastronomie und Lebensmittelläden zur Versorgung der Anwohner vorbehalten. Für Gewerbe sind 15.000 Quadratmeter geplant - etwas größer als die "media docks". Unterm Strich wird es aber kaum mehr Gewerbeflächen geben als heute; die Quadratmeterzahl entspricht etwa den wegfallenden Flächen der Schuppen - allein die Mieter werden andere werden.

Als Kontrast zu den Tiefgaragen und Glasfassaden mit Panaromablick auf die "Stadt der sieben Türme", soll der Charme des Hafengeländes mit seinen historischen Elementen bestehen bleiben. Kräne und Kaimauer stehen ohnehin unter Denkmalschutz. Aber auch Eisenbahnschienen und Granitpflaster sollen bleiben. Um den Belag besser begeh- und befahrbar zu machen, wird das Pflaster auf den Fahrflächen geschliffen und verfugt. Auf einem schmalen Streifen Land, umflossen von der Trave, Auge in Auge mit Lübecks schiefen Giebeln und mächtigen Kirchtürmen wird in den nächsten Jahren also voraussichtlich ein neues Stadtviertel aus dem Boden wachsen. Mit dem Löwenzahn wird es dann wohl aber vorbei sein.

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Autor:
Katharina Müller-Güldemeister