Baden-Württemberg Ein Flughafen im Allgäu

"Evang. StOPf", steht auf dem Schild, es weist den Weg zum geistlichen Beistand. In dem schmutzig-weißen Militärgebäude hat freilich schon seit Jahren kein evangelischer Standortpfarrer mehr Dienst an der Seelsorge geleistet. Am 30. Juni 2003 wurde das Jagdbombergeschwader 34 "außer Dienst gestellt", wie es im Bundeswehr-Deutsch heißt. Zurückgeblieben ist eine Geisterkaserne. "Eine reine Militärruine, eine Militärbrache wäre da heute, wenn wir nichts unternommen hätten." Wolfgang E. Schultz spricht mit warnendem Unterton. Doch der 63-jährige Chef der Memminger Firma Magnet-Schultz hat etwas unternommen, gemeinsam mit anderen aus der Region. Sieben Gründungsgesellschafter haben sich bereits ein Jahr vor dem Abzug der Bundeswehr in einer GmbH zusammengetan, um den einstigen Tornado-Standort zum Zivilflughafen umzurüsten.

Mit gewaltigem Erfolg, resümiert Ralf Schmid, Geschäftsführer der Allgäu Airport GmbH. "Explosiv" sei das Wachstum gewesen, seit am 28. Juni 2007 ein Militärhangar, zur Abflughalle für Urlauber und Geschäftsreisende umgebaut, den neuen Dienst antrat - nur wenige hundert Meter von dem Gebäude entfernt, das noch immer auf den Evang. StOPf. hinweist. Die Planer hatten eine schrittweise Steigerung auf 300.000 Fluggäste ins Auge gefasst - bis zum Jahr 2013. Tatsächlich aber konnten die Betreiber bereits im ersten kompletten Geschäftsjahr 462.155 Passagiere melden. Und die Zahl der Starts und Landungen soll weiter zügig wachsen. Denn derzeit ist der Airport für die Gesellschafter noch ein Zuschussgeschäft. Eine "schwarze Null" werde wohl bei 600.000 bis 800.000 Passagieren erreicht, erwartet Flughafen-Chef Schmid.

Bernhard Joachim, Geschäftsführer der Allgäu Marketing GmbH, attestiert den Gründern des Memminger Airports, sie hätten jetzt schon eine Erfolgsgeschichte geschrieben, auch für die Region. Zwar nutzt der größere Teil der Passagiere den Flughafen, um das Allgäu zu verlassen. Die Verbindungen nach Antalya, Mallorca oder Gran Canaria dienen nur in seltenen Fällen dazu, Türken oder Spaniern eine Besichtigung des Schlosses Neuschwanstein zu erleichtern. Doch mit der Fluggesellschaft TUIfly, die den Memminger Flughafen derzeit weitgehend allein ansteuert, sei fest vereinbart, dass neben "Warmwasserzielen" auch deutsche Städte angeflogen werden, erklärt Joachim. Und die Rechnung gehe auf.

Der Fachmann für Tourismusmarketing weiß, dass auch die innerdeutschen Strecken für knapp zwei Drittel der Passagiere dazu dienen, um vom Allgäu aus Berlin, Hamburg oder Köln zu besuchen. Doch seien immerhin 37 Prozent des Verkehrs "incoming", betont Joachim. In den anderthalb Jahren seit der Abflughallen-Eröffnung könnte der Flughafen daher der Voralpen-Region rund 80.000 zusätzliche Gäste beschert haben - und damit zweistellige Millionensummen an zusätzlicher Wertschöpfung, glaubt er: Da seien die rund zehn Millionen Euro Steuergelder, die Land und Kommunen als Zuschuss gegeben haben, gut angelegt.

Michael Fäßler ist einer der Hoteliers, die von dieser Wertschöpfung profitieren. Bis der Memminger Flughafen eröffnet wurde, seien nur wenige Gäste mit dem Flugzeug angereist, um Urlaub in seinem Fünf-Sterne-Hotel Sonnenalp in Ofterschwang zu machen, erzählt er. Doch im ersten Jahr nach der Eröffnung des Allgäu Airport habe er bereits 3000 Komplettpakete inklusive Flugticket verkauft. Dazu kämen noch zahlreiche Gäste, die sich ihren Flug selbst organisieren. Fäßler ist sicher, dass darunter viele Kurzurlauber sind, die sich sonst für ein anderes Ziel entschieden hätten: "Da gibt es bestimmt einige, die ein paar Tage frei haben und die jetzt nicht mehr nach Mallorca fliegen, sondern zu uns." Ein wesentlicher Grund dürfte für viele auch der Preis sein, vermutet er. "Wenn ich früh genug buche und einen Flug für 29 Euro bekomme, reise ich billiger als mit dem Auto."

"Ohne Idealismus geht so etwas nicht"

Bei der Fluggesellschaft TUIfly macht man kein Hehl daraus, dass sich auch der Memminger Airport in die Billigpreis-Strategie der TUI-Tochter einreiht. Wer von Hamburg oder Berlin für 29 Euro one-way ins Allgäu möchte, muss zwar langfristig planen. Doch solche Angebote sind ebenso verfügbar wie Tickets Memmingen-Palermo für 79 Cent zuzüglich 28,01 Euro Steuer und "Sonderentgelt". Für den Sprecher von TUIfly, Herbert Euler, ist klar, dass seine Firma damit Menschen ins Flugzeug bringt, die sonst auf dem Boden blieben: "Wenn wir diese günstigen Angebote nicht hätten, dann hätten wir auch weniger Flüge."

Gabriela Schimmer-Göresz hat zu solchen Aussagen einen klaren Kommentar: "Die Welt ist so gedankenlos, das macht mich wahnsinnig." In ihrem Arbeitszimmer hängt eine große Karikatur an der Wand, auf der der deutsche Michel bequem im Sessel sitzt. Unter dem liegt eine Bombe mit der Aufschrift "Überflussgesellschaft". Beruflich arbeitet Gabriela Schimmer-Göresz in Teilzeit als Rechtsanwaltsfachangestellte. Einen großen Teil ihrer Freizeit hat sie in den vergangenen Jahren in den "Aktionskreis Stopp dem Fluglärm, kein Flugplatz Memmingerberg e.V." investiert, dessen Vorsitzende sie ist.

Die Mitglieder haben sich allerdings darauf verständigt, die zweite Hälfte des Vereinsnamens abzulegen. "Zu verhindern ist da ja nichts mehr", sagt Gabriela Schimmer-Göresz. Bereits 2005 hatte ein bayerisches Gericht gegen die Klagen von Gemeinden und Anwohnern einen zivilen Betrieb des Flughafens genehmigt, und im Dezember 2007 wies das Bundesverwaltungsgericht als höchste Instanz die Revisionen zurück. Eine ganze Reihe ehemaliger Aktivisten sei aus dem Verein inzwischen ausgetreten, räumt Schimmer-Göresz ein. Oft laute die Begründung früherer Mitglieder: "Ich fliege jetzt selbst von da ab." Überflüssig sei die Initiative aber nicht geworden, meint die Vereinsvorsitzende. Jetzt beschäftige sie sich beispielsweise damit, "Lärmereignisse" zu protokollieren. Ihr Hauptanliegen aber formuliert sie so: "Billigflüge sind die Antwort auf die Frage: Wie kann ich mit wenig Geld das Klima maximal schädigen?"

Wolfgang E. Schultz kennt solche Argumente. Doch der Chef von 1900 Mitarbeitern, die in seinem Namen Spezial-Magnete herstellen, bleibt gelassen. "Wenn die Billigflüge nicht von Memmingen starten, starten sie von anderswo", sagt der Mitgesellschafter der Allgäu Airport GmbH. Und er glaubt nicht, dass es sich lohnt, beim Flugverkehr anzusetzen, wenn es darum geht, das Klima zu schützen. Flugzeuge trügen nur drei Prozent zum weltweiten Kohlendioxidausstoß bei, rechnet er vor. "Mit einer ordentlichen Altbausanierung können Sie hingegen den Energieverbrauch innerhalb eines Jahres um 25 Prozent senken." Hier gebe es wirklich ungenutzte Chancen, etwas für die Umwelt zu tun, davon ist Schultz überzeugt. Und der Ofterschwanger Hotelier Michael Fäßler sinniert, wer mit dem Flugzeug anreist und im Allgäu dann hauptsächlich mit Shuttle-Bussen oder dem Taxi unterwegs ist, belaste die Umwelt möglicherweise weniger als Auto-Touristen.

Doch nicht nur die Frage der Umweltverträglichkeit hat in der Entstehungsphase des Allgäu Airport für Auseinandersetzungen gesorgt. Wenn die Zeitungen der Region von der "schwäbischen Luftschlacht" schrieben, meinten sie einen anderen Konflikt: Die Industrie- und Handelskammer Schwaben war in zwei Lager gespalten. Das eine kämpfte vehement für einen Flughafen bei Augsburg, das andere Lager stritt ebenso vehement für den Standort Memmingen.

Dass beide Standorte gleichzeitig nicht überleben könnten, das war allen klar. Die "Luftschlacht" endete klar zugunsten Memmingens. Doch es sei "viel Porzellan zerschlagen worden", erinnert sich Manfred Schilder, der gemeinsam mit Ralf Schmid die Geschäfte des Allgäu-Flughafens führt. Und der Geschäftsmann Wolfgang E. Schultz ergänzt: "Durchhalten war nicht einfach in der Zeit." Aber er sei stets fest überzeugt gewesen, dass ein Flughafen das Allgäu ganz erheblich aufwerte, sagt der Unternehmer.

In dieser Hinsicht ähnelt er ein wenig der Bürgerinitiativen-Vorsitzenden Schimmer-Göresz. Die begründet ihr Engagement gegen den Airport mit dem Satz: "Es gibt Dinge, die müssen einfach getan werden." Schultz wählt für die Erklärung seines Engagements für den Flughafen ganz ähnliche Worte: "Ohne Idealismus geht so etwas nicht."

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Nikolaus Nützel