Kassel Documenta-Kunstwerke in der Stadt

Es gehört zu den Kuriositäten der Documenta-Geschichte, dass das Projekt, das den größten Lärm verursachte und den heftigsten Protest hervorrief, zum stillsten und unauffälligsten Kunstwerk werden sollte und als allererstes dauerhaft seinen Standort im Erdreich des Kasseler Friedrichsplatzes fand: "Der vertikale Erdkilometer" des amerikanischen Künstlers Walter De Maria.

Dass dieses Werk den unterdrückten Hass auf die moderne Kunst zu spüren bekam, hatte auch mit Missverständnissen zu tun: Die Bürger waren nicht darauf vorbereitet, dass eine neue Generation von Künstlern nicht mehr Objekte in die Landschaft stellte, sondern mit ihr selbst arbeitete. Zudem hatten viele von ihnen nicht zur Kenntnis genommen, dass der Bohrturm auf dem Friedrichsplatz und das Bohrloch nur Mittel zum Zweck waren, um den aus tausend ein Meter langen Elementen bestehenden Messingstab von fünf Zentimetern Durchmesser senkrecht in den Boden zu versenken. Und schon gar nicht hatte man registriert, dass für das Projekt keine Steuergelder in Anspruch genommen wurden, sondern die amerikanische Dia Art Foundation die notwendigen 750 000 Mark bereitstellte. 

Vom "Erdkilometer" ist lediglich die Endscheibe zu sehen, die von einer zwei mal zwei Meter großen Sandsteinplatte gefasst wird. Mit seiner Arbeit wollte De Maria 1977 daran erinnern, dass das 1779 eröffnete Museum Fridericianum einst die historischen Instrumente der Landgrafen zur Vermessung des Himmels und der Erde beherbergt hatte. Zugleich wollte er dazu einladen, über den Ort des Menschen in der Welt nachzudenken.

Bis zur Documenta 6 (1977) war der dauerhafte Verbleib von Kunstwerken im öffentlichen Raum kein Thema. Eher galt der Grundsatz, das Stadtzentrum und vor allem den Friedrichsplatz für die nächste Documenta frei zu räumen. Mit und nach der Documenta 6 wurde der Grundsatz mehrfach durchbrochen, wobei zwei weitere in Kassel verbliebene Arbeiten wie der "Erdkilometer" mit der Vermessung und Wahrnehmung der Welt zu tun haben: Die Idee des Düsseldorfer Künstlers Horst H. Baumann, die barocken Stadtachsen mit vom Zwehrenturm ausgesandten Laserstrahlen ins Bewusstsein zu heben, fand so viel Beifall, dass bis heute Unterstützer und Sponsoren dazu beitragen, das "Laserscape"-Projekt zu erhalten und zu modernisieren. Und die Künstlergruppe Haus-Rucker-Co schuf mit dem "Rahmenbau" eine Arbeit, die an der Hangkante des Friedrichsplatzes mit Blick auf die Orangerie den natürlichen in einen fotografischen Blick verwandelt.

Bis heute sind es Zufälle, die darüber entscheiden, ob aus einer Documenta Arbeiten im Stadtraum von Kassel bleiben. Manchmal boten sich keine Werke an, dann wieder fehlten Initiatoren und Geldgeber. So war es ebenfalls ein Zufall, der nach der Documenta 6 Anatol Herzfelds poetisches "Traumschiff Tante Olga" auf eine Wiese der Heinrich-Schütz-Schule spülte. Ein einziges Mal war die Begeisterung in der Stadtöffentlichkeit so groß, dass spontan eine Initiative zum Ankauf entstand: Bürger, Sponsoren und öffentliche Gelder (darunter von der Hessischen Kulturstiftung) ermöglichten 1992 für 690000 Mark den Erwerb von Jonathan Borofskys "Man walking to the Sky". Die Großplastik steht heute vor dem Kulturbahnhof. Die Dimensionen des "Erdkilometer" schienen kaum zu überbieten zu sein. Doch als fünf Jahre später Joseph Beuys aus dem Museums- in den Stadtraum ging, um mit der Aktion "7000 Eichen" seine Vorstellung von der sozialen Plastik umzusetzen, da sprengte er alle Grenzen mit der Pflanzung von 7000 Bäumen, denen er jeweils eine Basaltsäule beigesellte. Ein Kunstwerk veränderte die gesamte Stadt.

KUNST in der Stadt

Die Documenta-Außenkunstwerke, die sich Kassel erhalten hat, erreicht man gut zu Fuß. Vom "Himmelsstürmer" (1) über "Spitzhacke" (10) bis "Granitblock" (12) sind es rund 3 Kilometer.

1. Man walking to the Sky ("Der Himmelsstürmer") von Jonathan Borofsky, Documenta 9 (1992), am Kulturbahnhof
2. Bepflanzung eines Bahngleises von Lois Weinberger, Documenta10 (1997), Kulturbahnhof, Gleis1
3. Die Fremden von Thomas Schütte, Documenta 9 (1992), Portal ehemaliges Rotes Palais am Friedrichsplatz
4. Der vertikale Erdkilometer von Walter De Maria, Documenta 6 (1977), Friedrichsplatz
5. 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung von Joseph Beuys, Documenta 7 und 8 (1982-87). Die Bäume mit den Basaltsteinen sind im gesamten Stadtgebiet verteilt; vor dem Fridericianum stehen die erste und die letzte Eiche.
6. Laserscape von Horst H. Baumann, Documenta 6 (1977). Vom Zwehrenturm am Fridericianum zu Landesmuseum und Herkules sowie zur Orangerie und von da in die Karlsaue 
7. Three to one Klanginstallationen von Max Neuhaus, Documenta 9 (1992), Treppenhaus AOK-Gebäude, Schöne Aussicht
8. Rahmenbau von Haus-Rucker-Co, Documenta 6 (1977), Friedrichsplatz, an der Gustav-Mahler-Treppe 
9. Raumskulptur von Per Kirkeby, Documenta 9 (1992), an der Documenta-Halle
10. Spitzhacke von Claes Oldenburg, Documenta7 (1982), am Fuldaufer, Nähe der Drahtbrücke
11. Idee di Pietra von Giuseppe Penone. Erstes Kunstwerk der Documenta13 (2012), Karlsaue, nahe Ehrenmal
12. Granitblock von Ulrich Rückriem, Documenta7 (1982), vor der Neuen Galerie an der Schönen Aussicht
13. Documenta urbana. Die experimentelle Wohnsiedlung entstand im Rahmen der Documenta 7 (1982) im Stadtteil Helleböhn an der Dönche. Seit der ersten Documenta hatte ihr Initiator Arnold Bode immer wieder diese Idee propagiert
14. Das Traumschiff Tante Olga von Anatol Herzfeld, Documenta 6 (1977), Heinrich-Schütz-Schule

Der Publikumsführer zur Documenta ist im MERIAN Shop erhältlich.
Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Dirk Schwarze