Nachgeschenkt Die Wein-Rocker aus Württemberg

MERIAN Wein Junges Schwaben

Die Menschenmenge ist nicht in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofs zusammen geströmt, um gegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 zu demonstrieren. Junges Schwaben hat zur Jahrgangspräsentation geladen und über 1000 Besucher sind gefolgt. Für schwäbische Verhältnisse eine geradezu euphorische Reaktion, die zeigt, was man von der Winzergruppe hält: Sie zählt zum Besten, was Württemberg zu bieten hat.

Seit 2001 arbeiten Jochen Beurer, Sven Ellwanger, Hans Hengerer, Rainer Wachtstetter und Jürgen Zipf als zusammen. Beraten werden sie von Sommelier Bernd Kreis, der mit seinen langen Haaren auch als Manager einer Independent Band durchgehen könnte. Auch Junges Schwaben funktioniert nach dem Band-Prinzip: Es sind Charaktere, die alleine stark sind, aber in der Gruppe schwer schlagbar.

Jeder der Winzer füllt einen Wein unter dem Label Junges Schwaben ab: Beurer hat sich auf Riesling spezialisiert, Ellwanger auf Sauvignon Blanc, Hengerer setzt auf Spätburgunder, Wachtstetter auf Lemberger, Zipf präsentiert eine Rotwein-Cuvée. Ihre Ansprühe sind enorm, es kommt vor, dass ein Jahrgang nicht abgefüllt wird, weil sie nicht damit zufrieden sind.

Mit ihrem Konzept gehen sie einen ungewöhnlichen Weg: Über das Signet mit den fünf frechen Strichmännchen wurde anfangs der Kopf geschüttelt, wie auch über die selbstbewusste Preispolitik. 22 Euro nehmen sie für ihre besten Weine. Doch selbst der schwäbische Konsument, von Haus aus misstrauisch, wenn er etwas von seinem Geld abgeben soll, hat die Preise als angemessen akzeptiert. Es lohnt sich, bei jedem der Winzer die Breite des Sortiments zu erforschen, in dem sich auch formidable Weine für kleineres Geld finden, in Weiß und Rot.

Auch wenn Junges Schwaben 2010 zu Europas Nachwuchswinzern gekürt wurde, es sind gestandene Winzer, die auf die 40 zu rasen oder sie schon überschritten haben. Wenn es sie in dieser Konstellation nicht schon geben würde, man müsste Junges Schwaben so zusammenstellen. Es ist eine Gruppe, wie man sie selten findet unter den munter sprießenden Winzernetzwerken. Der Spaßfaktor ist groß bei den Fünfen, trotzdem schaffen sie es verbissen die Qualität weiter zu steigern.

Jochen Beurer aus Stetten ist der Draufgänger, 1997 lieferte er seine Trauben nicht mehr wie üblich in der Genossenschaft ab. Im pietistischen Remstal aus der Reihe zu scheren, kann ungemütlich werden. Da kommt es vor, dass Rebstöcke über Nacht abgeschnitten werden, um zu zeigen, was man von Abweichlern hält. Beurer steht für einen ganz eigenen Riesling-Stil: Er riecht nicht nach Pfirsichshampoo und vordergründigen Primäraromen, es sind charaktervolle Weine, die Zeit brauchen, um ihre Qualitäten auszuspielen. Beurer arbeitet auch beim Riesling mit langen Maischezeiten, die Moste werden spontan mit den kellereigenen Hefen vergoren. "Ich muss alles ausprobieren", sagt Beurer, der seit drei Jahren biodynamisch arbeitet. "Unkopierbar" möchte er sein, er ist auf einem guten Weg dorthin.

Zipf erzeugt in Höhenlagen filigrane Rotweine

Sven Ellwanger bewirtschaftet 25 Hektar Reben in Großheppach, ebenfalls im Remstal. Bekannt ist er vor allem für seinen Sauvignon Blanc, den er in Neuseeland schätzen gelernt hat. Auch sein einfacher Sauvignon zeigt, wie gut Ellwanger diese Rebsorte versteht und in den Gegebenheiten des schwäbischen Nappa Valleys zu interpretieren weiß. Seine Sauvignon Blancs sind beschwingt und lebendig, nicht aufdringlich blumig und fett wie viele andere Vertreter. Ellwanger, angetrieben vom schwäbischen Sammler- und Tüftlergen, hat 24 Sorten im Anbau, er lotet die Möglichkeiten des Weinbaus präzise aus.

Hans Hengerer vom Weingut Kistenmacher & Hengerer in Heilbronn ist der Ruhige im Quintett, ausgestattet mit einem feinen Humor. Wenn Hengerer auf Betriebstemperatur kommt, dann kann er hohe Unterhaltungskunst entwickeln. Von seinen Reben kann er schlecht lassen, es kommt vor, dass die Familie ohne ihn urlauben muss, weil er seinen Wingert nicht verlassen will. 60 Prozent Rotweine baut Hengerer an, bei ihm bekommt man elegante Spätburgunder und Sekte, auch vom Muskattrollinger.

An Rainer Wachtstetter kann man am besten erkennen, welche Entwicklung Junges Schwaben genommen hat. Vor einigen Jahren litten seine Rotweine oft noch unter einer Überdosis Holz, der Winzer trug damals noch einen Schnauzbart wie ein Hauptdarsteller aus den Softpornostreifen der 1980er Jahre. Inzwischen erzeugt Wachtstetter im nordwürttembergischen Pfaffenhofen famose Lemberger, dicht und finessenreich. Selbst sein Trollinger fegt alle Vorurteile gegen die oft zu dünne "Schwabenmilch" weg.

Dort, wo Jürgen Zipf Weinbau betreibt, in den Hügeln um das Städtchen Löwenstein, entstehen Brachen. Einige Winzer hören auf, weil die mühsame Arbeit sich nicht lohnt. Zipf erzeugt in Höhenlagen filigrane Rotweine, er hat ein Händchen für perfekt austarierte Cuvées. Zipf redet so gemächlich, als ob die Wörter ihre Wirkung verlieren könnten, wenn er beschleunigen würde. Er kann eine bollernde Gemütlichkeit entwickeln, dass sogar seine eigenen Augenlider dabei schwer werden. Aber Vorsicht: nicht unterschätzen. Zipf redet langsam und denkt präzise, wie seine Weine beweisen.

Oft diskutieren die Winzer von Junges Schwaben bis spät in die Nacht hinein. Sie sind sich längst nicht immer einig, aber es sind gerade die Debatten und Experimente, die sie nach vorne bringen. "Je länger wir zusammen arbeiten, um so unterschiedlicher werden unsere Weine", hat Sven Ellwanger erkannt. Junges Schwaben bedeutet sicher nicht ewige Jugend, aber die Entschlossenheit, sich weiter entwickeln und etwas bewegen zu wollen - gerade im Schwäbischen keine Selbstverständlichkeit. Junges Schwaben, das schmeckt nach einem neuen und besseren Württemberg.

 

Bezugsquellen und Adressen


Weingut Beurer, Lange Straße 67, 71394 Kernen-Stetten, Telefon 07151-42190,

Weingut Bernhard Ellwanger, Rebenstraße 9, 71384 Weinstadt-Großheppach, Telefon 07151-62131,

Kistenmacher & Hengerer, Eugen-Nägele-Straße 23-25, 74074 Heilbronn, Telefon 07131-172354,

Weingut Wachtstetter, Michelbacher Straße 8, 74397 Pfaffenhofen, Telefon 07046-329,

Weingut Zipf, Vorhofer Straße 4, 74245 Löwenstein, Telefon 07130-6165,

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Autor:
Rainer Schäfer