Esslingen Die Wein-Extremisten

Von weitem sieht es aus, als hinge eine Spielzeugfigur zwischen Fels und Mauern. Kommt man näher, schärfen sich die Konturen: Es ist der Winzer Hans Kusterer, der einen der ungewöhnlichsten Weinberge Deutschlands bewirtschaftet. Den Esslinger Schenkenberg, eine Steillage mit über 100 Prozent Steigung. Wer hier spazieren geht, gerät schnell außer Atem. Die Arbeit ist ein Knochenjob. Maschinen können kaum eingesetzt werden, nahezu alles muss von Hand erledigt werden. Das Gelände wirkt wie ein Kletterparcours, es ist uneben und steinig.

Hans Kusterer ist die Anstrengung anzusehen. Der 51-Jährige ist ein sportlicher Typ, Strapazen betrachtet er als Herausforderung. Kusterer war Kletterer, er steigt gerne aufs Rennrad und in die Joggingschuhe, aber im Schenkenberg bekommt er immer wieder den Bauplan seiner Muskulatur zu spüren. Hoch und runter geschnauft ist er den Wingert, wie die Württemberger den Weinberg nennen, zwei Tage lang. Weil ein Winzer im benachbarten Fellbach gemeldet hatte, dass sich Mehltau auf seine Reben gelegt hatte, war Kusterer nicht mehr zu halten gewesen. Er vergaß das Wochenende und versprühte das Gegenmittel, um den Pilzbefall zu stoppen. Von seinem kahlen Kopf fließt Schweiß, die Wangenknochen arbeiten im braun gegerbten Gesicht.

Hans Kusterer gehört zu den vier Winzern, die vor wenigen Monaten die ins Leben gerufen haben. Eine Vereinigung von Weingütern, die ihre Reben auf extremen Steillagen stehen haben. Sie zählen zu den Extremisten unter den deutschen Winzern, bei ihnen wird Weinbau alpin. Zur Montan Union zählen neben Kusterer die Weingüter Kühn (Franken), Altenkirch (Rheingau) und Franzen (Mosel). Vor wenigen Tagen verunglückte Winzer Ulrich Franzen tödlich im Weinberg, seine Frau Iris Franzen wird seine Arbeit mit den Kindern weiter führen.

Mit dem Bremmer Calmont bewirtschaftet das Weingut Franzen die steilste Lage Europas. Manche Parzellen liegen so extrem, dass der Hubschrauber zum Einsatz kommt. Gerade im Hochsommer verlangen die Steillagen ihren Betreibern alles ab, da steigen die Temperaturen auf über 40 Grad. Nicht aber die Lust an Qualen und körperlicher Verausgabung ist es, was die Winzer der Montan Union verbindet. Es ist die Überzeugung, dass außergewöhnliche Weine nur in besonderen Lagen wachsen können.

Die magische Kraft des Knollenmergels

In der Altstadt von Esslingen hat sich die Architektur des Mittelalters in die Gegenwart gerettet. Eine schmale Gasse führt zum Weingut Kusterer, vorbei an der ältesten Weinkelter Süddeutschlands, 1347 erbaut. Hans Kusterer hat sie mit seiner Frau Monika Detail versessen renoviert. Esslingen ist eine Stadt, an der sich die Kulturgeschichte des Weins gut erzählen lässt: Schon im zwölften Jahrhundert, unter der Herrschaft der Staufer, entdeckten Winzer hier, dass Weine aus der Steillage besser schmecken als die aus der Ebene. Sie entdeckten die Unterschiede im Terroir und versetzten die Reben aus dem Tal an den Berg, in Lagen wie den Schenkenberg. Mühsam wurden Terrassen angelegt, und um die Hänge abzusichern, wurden Trockenmauern errichtet. Noch heute stützen sie den Weinberg ab. Am Hang bekommen die Reben mehr Sonne, die Trauben können besser ausreifen. Die Esslinger sind Terroir-Pioniere, Winzer wie Hans Kusterer stehen mit Hingabe in dieser Tradition.

Wenn es stark regnet, werden immer wieder Steine aus den Mauern gespült. In diesem Jahr hat Kusterer schon fünf erneuern müssen. "In jedem Prospekt wirbt die Stadt mit den historischen Trockenmauern, aber wir Winzer sollen sie instand halten", meckert er. Immer mal wieder fährt am Fuß des Schenkenbergs ein Traktor vorbei. "Manchmal beneide ich die Kollegen", gibt Kusterer zu, wenn er sich mal wieder mühsam von Rebstock zu Rebstock vorarbeitet. Die meisten Weinberge in Esslingen können seit der Flurbereinigung in den 1960er Jahren mit Maschinen bearbeitet werden.

Kusterer hat fünfeinhalb Hektar Rebfläche, auf 50 Parzellen verteilt. Das sind rund 28.000 Reben, wie er mal ausgerechnet hat. Und er kennt sie alle persönlich. Der Arbeitsaufwand in einer Lage wie dem Schenkenberg liegt bei 1200 Stunden pro Hektar im Jahr. Die Flachland-Winzer kommen mit 200 Stunden aus - und die müssen nicht mal vom Traktor aufstehen. "Das ist ein Kinderspiel, eine Lachnummer", sagt Kusterer. "Und es ergibt eben nicht die Weine."

Es sind die Böden der Steillagen, die den Weinen ihre unverwechselbare Signatur mitgeben. Im Schenkenberg ist es vor allem der tonhaltige Knollenmergel, der ganz besondere Rotweine entstehen lässt. Der Boden verleiht dem Spätburgunder, Lemberger, Merlot und Zweigelt eine mineralische Tiefe. Kusterer baut die Weine trocken aus, sie zeigen Charakter und sind ihren vergleichsweise gehobenen Preis wert. Es sind Weine, die den Trollinger-Fluch vertreiben können, der immer noch über Südwürttemberg hängt und das Image der Region geprägt hat.

In Esslingen waren mal 1200 Hektar mit Reben bepflanzt, jetzt sind es gerade noch 85. Weingüter schließen, weil Winzer keine Nachfolger finden, vielen ist die Arbeit im Weinberg zu mühsam. Familie Kusterer dagegen plant einen Neubau, es ist eng geworden im Betrieb. Der Neubau soll die Qualität der Weine weiter steigern. Alles oder nichts, keine Kompromisse: Nur so lohnt sich die Arbeit in den Steillagen.

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Autor:
Rainer Schäfer