Südliche Wein-Mosel Die unterschätzten Winzer der Mosel

Obermosel, sagt Baron von Hobe-Gelting und schüttelt dabei den Kopf, das klinge wie Oberkellner, für ihn wie ein schlechter Scherz. Er lehnt wie auch viele andere Winzer diese Bezeichnung ab und benutzt stattdessen südliche Wein-Mosel. Obermosel erinnert die Winzer auch zu sehr an die Tage, als ihre Weine noch nicht das heutige Format hatten. Die Mosel zwischen Koblenz und Trier wird als Anbaugebiet für Rieslinge weltweit gerühmt, wo aber liegt die südliche Wein-Mosel? Sie erstreckt sich von Trier bis nach Schengen, es ist ein unterschätztes Weinrevier, an dem Luxemburg, Frankreich und Deutschland zusammen treffen.

Die südliche Wein-Mosel wird bislang nur als unbedeutender Nebenmuskel wahrgenommen am gut gebauten Körper des Weinlandes Deutschland. Für die Konsumenten hat das Vorteile: Die Preise sind attraktiver als in den Boomzonen des deutschen Weinwunders. Geologisch ist dieser Abschnitt des Moseltals eine für den Weinbau bevorzugte Region, die Reben stehen auf Muschelkalk wie in der Champagne und im Burgund. Anders als an der Schiefer-Mosel steht hier nicht der Riesling im Mittelpunkt, sondern die Burgundersorten und der Elbling, die regionale Spezialität.

Das Weindorf Nittel ist der Dynamo des Weinbaus. Hier findet man Winzer, die Kopf an Kopf die Qualitätsleiter erklimmen. Das Weingut Befort zählt zu den führenden Betrieben. Hans-Jörg Befort ist für den Ausbau der Weine zuständig, er ist auch Kellermeister im Luxemburger Vorzeigebetrieb Alice Hartmann. Sein Pinot Gris ist nicht zu schwer, der weiche Auxerrois gefällt mit moderater Säure und Volumen. Aber Befort überrascht mit seinem Spätburgunder aus dem Leiterchen, der besten Lage in Nittel. Die Pinot Noir Selektion aus dem Jahr 2008 schöpft das Potenzial dieser warmen Lage überzeugend aus. "Unsere Region ist nicht über Generationen gewachsen", sagt Befort, "aber wir sind dabei uns zu einem eigenständigen Anbaugebiet zu entwickeln."

Dazu leisten in der Nachbarschaft auch die Brüder Hubert und Harald Apel ihren Beitrag. "Vor zehn Jahren steckte hier alles noch in Kinderschuhen", sagt Harald Apel. Inzwischen bieten die Apels, wie auch andere Weingüter, Übernachtungsmöglichkeiten in ihrem Gästehaus an, auf der sonnigen Terrasse werden zu ihren Weinen auch Speisen angeboten. Überteuerte Prestigeweine wie in anderen Regionen findet man hier nicht. "Wir wollen ein qualitativ hochwertiges Mittelsegment anbieten", sagt Apel. Der weiße Burgunder ist saftig und elegant, der graue Burgunder nicht so muskulös wie in Baden, er duftet nach Quitte und Birne. Bei den Spätburgundern schmeckt man, dass sie den Brüdern ein besonderes Anliegen sind. Inzwischen bringt Apels Sohn Matthias im Weingut eigene Ideen ein. Es ist eine ehrgeizige Generation, die daran arbeitet, die südliche Mosel zum Burgunderstandort der Zukunft zu formen.

Das Weingut Matthias Dostert ist für seine feinen Sekte aus der Elbling-Traube bekannt, um die sich der Seniorchef persönlich und mit Hingabe kümmert. Für den Ausbau der Weine ist seine Tochter Carina Curman verantwortlich. Es sind perfekte Speisebegleiter, sie werden auch im eigenen Restaurant "Culinarium" ausgeschenkt, der besten kulinarischen Adresse der Region. Hier werden Kalbsbäckchen aufgetragen oder Kabeljau mit Bärlauchrisotto. Der trockene Elbling passt zu Zander, auf der Haut gebraten, der weiße Burgunder zu marinierten Garnelen, asiatisch gewürzt. 2010 hat Carina Curman eine trockene Spätlese vom Grauen Burgunder abgefüllt, die sich zu den besten des Gebietes zählen kann. Komfortabel übernachten lässt es sich im modern und stilvoll eingerichteten Gästehaus.

Thomas Sonntag vom Weingut Karl Sonntag ist ein Charakterkopf wie er Nittel gut tut. Der 42-Jährige verfolgt zielstrebig seine eigenen Vorstellungen, er erntet spät, er lässt die Moste lange auf der Hefe liegen und füllt seine Weine erst ab, wenn mancher Kollege schon ausverkauft ist. Sonntag ist dabei, auf biologischen Anbau umzustellen, um die Weinqualität weiter zu steigern. Sein Riesling zählt zu den beeindruckendsten Erzeugnissen auf der deutschen Moselseite, der Weißburgunder ist perfekt ausbalanciert. Sonntag hat auch ein Faible entwickelt für die rare Rebsorte Auxerrois, die zu den Burgundern gezählt wird, aber weniger Säure vorweist. "Diese Rebe ist geeignet, um unsere Region zu vertreten", sagt er. Lange Zeit wurde sie als Massenträger ausgenutzt, wenn man sie im Ertrag reduziert wie Sonntag, erbringt sie bemerkenswerte Weine.

Dass sogar über den Elbling diskutiert wird, belegt die Aufbruchstimmung in der Gegend. Aus dieser Rebsorte gewinnen die Winzer normalerweise süffige Zechweine, mit ihrem Frischekick prädestiniert für heiße Sommertage. Aber wird das Potenzial der Rebe ausgeschöpft? Im Weingut Hild in Wincheringen hat Jonas Hild einen Versuch unternommen, der auch seinen Vater Matthias überzeugt hat. Der Jungwinzer hat im Weinberg besonders gesunde Trauben ausgewählt, die leicht angequetscht wurden und mit 50 Kilo ganzen Trauben vergoren wurden. Das Resultat heißt "Junior", es ist ein stoffiger Elbling mit einem kühlen vornehmen Kern, der zeigt, dass dieser Rebsorte zu wenig zugetraut wird.

Vor Wut gebrüllt

Auf der anderen Moselseite, in Luxemburg, sorgen die Privatwinzer mit ihren Charta-Weinen für Aufsehen. Die Charta hat es sich zum Ziel gesetzt, Wein als Naturprodukt zu begreifen und zu erzeugen. Die Arbeit im Weinberg rückt dabei in den Vordergrund: Böden werden begrünt und organisch gedüngt. Mit einem Lastenheft, 28 Seiten dick, werden pedantisch die Arbeitsschritte im Weinberg vorgeschrieben. Regelverstöße werden mit 1000 Euro Bußgeld geahndet. Es soll schon mancher Winzer nach der Kontrolle vor Wut gebrüllt und auf den Beitritt zu den Privatwinzern verzichtet haben.

Das erzählt Guy Krier von der Domaine Krier-Welbes. Er ist der Sekretär der Winzergruppe, er erzeugt einen der besten Pinot Gris im Großherzogtum. An einem lauen Frühlingsabend hat er sich mit anderen Charta-Winzern zusammengesetzt, Weine werden verkostet, ein eleganter Riesling von Fränk Kayl, formidable Pinot Noirs von den Weingütern Schlink-Hoffeld und Krier-Bisenius, ein erstaunlicher Auxerrois von der Domaine Kohll-Reuland, der kaum Restzucker hat und eine feine Mineralität, die am Gaumen ein Tänzchen wagt. Es ist spät geworden, es wird immer noch diskutiert. So gemütlich die Privatwinzer sein können, so ausdauernd sind sie auch, wenn es darum geht voranzukommen.

Auf dem Felsberg kennt Frank Schumacher jeden Winkel. Unter der Statue des Heiligen Donatus hat er es sich bequem gemacht, der die Winzer vor Unwettern schützen soll. "Er macht einen guten Job", sagt der Winzer, der die Domaine Schumacher-Knepper leitet in Wintrange, einem 400-Einwohner-Dorf in der Nähe von Schengen. Oben auf dem Felsberg lässt sich das Moseltal überblicken, unten liegt das Haff Remich, ein Naturschutzgebiet, weiter hinten sind die dunklen Wälder Lothringens zu erkennen. Der Felsberg ist eine der besten Lagen an der südlichen Mosel. Frank Schumacher erzeugt einige der besten Rieslinge, die auch außerhalb Luxemburgs begehrt sind, mit einer rauchigen, würzigen Note, die typisch ist für den Keuperboden des Berges. Auch der schlanke Pinot Blanc gefällt, "der Pinot Gris darf schwerer sein", sagt Schumacher.

Mitten im Ortskern von Schengen keltert Paul Legill elegante, aromatische und selbstbewusste Weißweine. Legill fällt nicht auf mit großen Tönen, er lässt seine Weine sprechen. Auf knapp sechs Hektar baut Legill neben den Burgundersorten noch Riesling, Rivaner und etwas Gewürztraminer an. Jeder seiner Weine kann überzeugen, auch mit moderaten Preisen. Gegenüber von Schengen liegt Perl und das Weingut Helmut Herber. Direkt über dem besten Weinberg, dem Hasenberg, liegen die alten Grenzsteine, die Frankreich von Preußen trennten.

Winzer Helmut Herber erinnert sich noch gut daran, wie hier in den 1960er Jahren noch französische Wachposten Patrouille gegangen sind. Heute arbeiten die Winzer grenzübergreifend zusammen, Herber ist Gründungsmitglied der Vereinigung Charta Schengen Prestige, der Winzer aus Luxemburg, Deutschland und Frankreich angehören. Herber verfügt über ein stimmiges Portfolio an Weinen, an dessen Spitze sein hervorragender Pinot Gris Charta Schengen Prestige steht. Der Elbling animiert mit einer aparten Muskatnote, der Riesling gefällt mit seinem Frucht-Säure-Spiel, der Auxerrois mit einer feinfruchtigen Würzigkeit.

Im Schloss Thorn residiert Baron von Hobe-Gelting, er leitet das Schlossweingut, seit 1534 im Familienbesitz. Der Baron kann erzählen, von Heimsuchungen und Zerstörungen. Napoleon hat das Schloss eingenommen, zuletzt wurden die mächtigen Mauern 1945 von der US-Armee gestürmt. Der Baron ist Europäer durch und durch. Wenn er als kleiner Junge den Feldweg zur Mosel hinunterlief, musste er jedes Mal den Zoll passieren zum Saarland, damals ein Teil Frankreichs. Seit dem Abkommen von Schengen genießt er es, dass ihn keine Grenzen mehr aufhalten, auf dem Weg nach Lothringen und Luxemburg.

Baron von Hobe-Gelting ist ein Freigeist, auch in weinkulturellen Belangen. Er ließ den roten, aus dem Burgund stammenden Pinot Meunier auf Muschelkalk pflanzen und die rare Weißweinrebe Sauvignon Gris. Die trockene Auslese aus 2010 imponiert mit einem dichten Bouquet von Reineclaude und Stachelbeere und komplexer Mineralität. Die große Zuneigung des Barons aber gilt dem Elbling. Als kleiner Junge entdeckte er in den väterlichen Weinbergen rote Elbling-Trauben, eine Mutation. Mit Eimer und Schere strich er durch die Reben und sammelte die rötlichen Trauben, die dann getrennt gepresst wurden.

Der Vater war nicht begeistert, der junge Baron hat sich durchgesetzt und später einen Weinberg mit dem lachsfarbenen Elbling angelegt. Er schafft es auch, dem früh reifenden Elbling filigrane Spät- und Auslesen abzuringen, die nach Flieder und Akazienhonig duften. Für den Baron sind diese Weine Ausdruck einer wenig bekannten und noch nicht hinreichend entschlüsselten Landschaft. "Das ist eine Region für Kenner und Genießer", sagt er. "Hinter jeder Biegung des Flusses wartet eine neue Überraschung."

Informationen und Bezugsquellen


Weingut Befort, Schulstraße 17, 54453 Nittel, Telefon 06584-422,

Weingut Apel, Weinstraße 26, 54453 Nittel, Telefon 06584-314,

Weingut Matthias Dostert, Weinstraße 5, 54453 Nittel, Telefon 06584-914 50,

Weingut Karl Sonntag, Kirchenweg 22, 54453 Nittel, Telefon 06584-7139,

Weingut Matthias Hild, Bahnhofstraße 33, 54457 Wincheringen, Telefon 06583-527,

Domaine Viticole Krier-Welbes, 3, rue de la Gare, L-5690 Ellange-GareTelefon +352-23 67 71 84,

Domaine Viticole Fränk Kayl, 36, route du vin, L-5440 Remerschen, Telefon +352-23 66 45 92,

Caves Jean Schlink-Hoffeld, 1, rue de l'Eglise, L-6841 Machtum, Telefon +352-75 84 68,

Domaine Viticole Krier-Bisenius, 91, route du vin, L-5405 Bech-Kleinmacher, Telefon +352-23 66 92 06

Domaine Viticole Kohll-Reuland, 12, rue Hohlgaass, L-5418 Ehnen, Telefon +352-26 74 77 72,

Domaine Viticole Schumacher-Knepper, 28, route du Vin, L-5495 Wintrange, Telefon +352-236 04 51,

Caves Paul Legill, 27, route du Vin, L-5445 Schengen, Telefon +352-23 66 40 38

Weingut Helmut Herber, Apacher Straße 11 - 17, 66706 Perl, Telefon 06867-857,

Schloss Thorn, 54439 Schloss Thorn, Telefon 06583-433,

Autor:
Rainer Schäfer