Saarland Die Saar - ein Fluss und seine Geschichten

Es gibt nur zwei deutsche Flüsse, die es zu Namensgebern von Bundesländern gebracht haben: den Rhein und die Saar. Während der Rhein in Legenden verklärt wird und überall auf der Welt bekannt ist, weiß man über die Saar nur wenig. Zu wenig, meinte unser Autor. Und begleitete sie ein Stück auf ihrem Lauf. Radelte an verwunschenen Kanälen entlang, hörte die Geschichten eines alten Fährmanns – und lernte einen Fluss voller Überraschungen kennen.

Ich muss daran vorbeigefahren sein. Nach meiner Karte entspringt die Saar in einer Kurve der D 44 – einer Passstraße, die sich steil zum Col de Donon emporwindet. Doch den Pass habe ich bereits erreicht. Erst als ich wieder hinunterfahre, entdecke ich das Schildchen: "Source de la Sarre", darunter "Saarquelle". Man kann es nur lesen, wenn man davor anhält. Das ist nicht ungefährlich, denn hier wird scharf gebremst und beschleunigt, die Straße gehört zu den Lieblingsstrecken verhinderter Rallyefahrer.

Das Schild steht hinter einem tischtuchgroßen Moosteppich, der sich direkt am Fahrbahnrand ausbreitet. Wasser kann ich nicht sehen. Als ich mich bücke, um ins feuchte Moos zu fassen, donnert hinter meinem Rücken eine Horde Motorradfahrer vorbei. Ich beschließe, mich außer Lebensgefahr zu begeben, und fahre erneut nach oben, biege rechts ab, wo mir vorhin ein kleiner Friedhof aufgefallen ist, eine Gedenkstätte für gefallene Soldaten, wie sich jetzt herausstellt – der Donon war in beiden Weltkriegen Kampfgebiet. Hier treffe ich vier Wanderer aus dem Elsass. Man fragt einander nach dem Woher und Wohin, und ich erfahre beiläufig, dass sie gerade an der Saarquelle vorbeigekommen sind. Es muss also noch eine geben!

Tatsächlich: Nach einem kurzen Fußweg sehe ich ein Sandsteinbecken, das ein daumendickes Rinnsal auffängt. Das Wasser, kühl und klar, kommt aus einem Rohr am Wegesrand, tritt ins Becken und verschwindet wieder im Waldboden – um unten an der Straße erneut zu "entspringen".

Hier also, hoch in den Vogesen, in einem dichten Wald, geht die Rote Saar auf ihre Reise. Die Quelle der Weißen Saar auf der anderen Seite des Bergrückens ist auch nicht einfach zu finden, von ihrem Ursprung erfährt man erst 150 Meter hinterher. Die beiden Schwestern plätschern munter durch ihre Täler, über jeweils knapp 27 Kilometer, bis sie beim lothringischen Weiler Hermelange zusammenfinden. Hier immerhin kündet ein gut lesbares Schild von der "Jonction des deux Sarre".  

Möwen, alte Kähne und Trödelpfade

Eigentlich muss man die Pedale nur bewegen, um nicht stehen zu bleiben, denn die Strecke ist potteben. Ich fahre am alten Saarkanal aus dem 19. Jahrhundert entlang. Der Radweg führt über den ehemaligen Treidelpfad, auf dem einst Pferde schnaubten und die Lastschiffe zogen.

Schon der Anfang ist großartig: Der Kanal, eingefasst von zwei hohen Deichen, führt mitten durch einen Weiher – so etwas habe ich noch nie gesehen. Ich muss nur auf einen der Dämme klettern, und schon schaue ich über die weite Wasserfläche des Étang de Gondrexange: Möwen kreischen, zwei Surfer testen ihr Stehvermögen. Von einem Boot aus versucht ein Angler sein Glück. Er fängt an zu kurbeln, offensichtlich hat er gerade etwas gefangen – einen Hecht? Das Gewässer ist berühmt für seinen Fischreichtum.

Ich steige wieder hinab, trete in die Pedale und erreiche bald die erste Schleuse. Zwei Hausboote sind drin, werden allmählich abgesenkt. Als der Kanal 1866 eröffnet wurde, passte genau eine péniche in die Schleusenkammer. Diese Lastkähne transportierten Kohle aus dem Saarrevier nach Frankreich und in die Schweiz, was der Wasserstraße den Namen "Saar-Kohlen-Kanal" einbrachte. Heute ist die Bezeichnung gesäubert, man belässt es beim "Saarkanal" – und statt Industrieschiffen sind fast nur noch Freizeitboote unterwegs.

Zwei Rentner sind auf einer "kleinen Sauerkrauttour" unterwegs

Schon bald häufen sich die Schleusen, was den Treidel zum Trödelpfad macht: Oft halte ich an, plaudere mit den Hausbootfahrern, helfe beim Ver- und Enttäuen. Das Ehepaar Nentwig aus dem Badischen lädt mich zu einem Kaffee an Bord ein. Die beiden Rentner haben in Saarbrücken ein Hausboot gemietet und sind auf der "kleinen Sauerkrauttour" unterwegs, benannt nach der grenzüberschreitenden Lieblingsspeise von Deutschen, Elsässern und Lothringern. Fahren durch Saar- und Rhein-Marne-Kanal zur Mosel, folgen ihr flussabwärts bis Konz und biegen dort steuerbord auf die Saar ab. 14 entspannte Tage.

Es ist schon spät, zu lang habe ich mich verplaudert. Schnell verabschiede ich mich, fahre weiter, vorbei an Äckern und Wiesen mit Obstbäumen. Und erreiche gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Dunkelheit Saargemünd, den Schlusspunkt der Radreise – hier mündet der alte Kanal nach 63 Kilometern in die Saar.

Käpt’n Waldemar auf einem Trawler über die Weltmeere

Der Törn kostet einen Euro und dauert keine drei Minuten – viel zu kurz für das, was Kapitän Waldemar zu erzählen hat. Er steuert die einzige Fähre über die Saar: die "Welles", ein Schiffchen für maximal zwölf Personen, das wenige hundert Meter vor der Saarschleife bei Mettlach verkehrt.

Waldemar Lost ist ein massiger Mann, 72 Jahre alt und stammt aus Polen. Einst war er ein Hochseekapitän, fuhr viele Jahre lang von Gdingen aus auf einem Trawler über die Weltmeere. Während wir hin und her über die sanft plätschernde Saar tuckern, erzählt er, wie er im Nordmeer mit Schleppnetzen auf Kabeljaufang ging. Er berichtet von einem russischen Trawler, der mit Packeis kollidierte – und davon, wie seine polnischen Kollegen die Russen aus dem sinkenden Schiff retteten und nach Neufundland brachten.Und wie einmal sein Schiff nach Halifax geschleppt werden musste, weil im Eis die Schraube gebrochen war. "Mit Eis war immer diese gefährliche Sache", sagt er mit polnischem Akzent.

Wie es ihn von den Eismeeren an die Saar verschlug? Auch für diese Geschichte reicht eine Überfahrt nicht aus. Die Kurzfassung: 1987 reist er aus Polen aus, landet in einem Auffanglager im Saarland. Heuert einige Zeit später in Mettlach als Decksmann auf einem Passagierschiff an. Als dann 1994 die "Saarschleife-Touristik" ihre Fähre in Betrieb nimmt, bekommt der Kapitän wieder ein Kommando – wenn auch diesmal ohne 90 Mann Besatzung und nur noch über 25 statt viele tausend PS.

"Die Arbeit auf der Fähre, das war wie ein zehnjähriger Urlaub", sagt er. "Die Menschen sind alle nett, suchen nach Erholung, lassen ihre Sorgen zu Hause." Als er 2004 in Rente ging, arbeitete er noch einen Nachfolger ein. Der allerdings fiel ein paar Jahre später wegen Krankheit aus, und Käpt’n Waldemar wurde vom Rentner wieder zum Pendler zwischen den Ufern. Nun schult er einen neuen Fährmann, Mathias Mann, 46. Nein, das ewige Hin und Her werde ihm bestimmt nicht langweilig werden, da ist sich der Neue schon jetzt sicher: "Es gibt doch keinen schöneren Arbeitsplatz als diesen hier!" Recht hat er: In der Saar glitzert das Herbstlicht, an den dicht bewaldeten Hängen färben sich die Blätter.

Zweimal täglich pflügen die Ruderer die Saar

Es geht wieder los. Die Ruderer des Saarbrücker Bundesstützpunkts, darunter mehrere Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft, schieben ihre Boote ins Wasser und fahren hinaus auf den Fluss. Kraftvoll ziehen sie die Ruderblätter durch, lassen sie dann kurz über dem Wasser schweben, bevor sie sie wieder fast spritzerfrei eintauchen. Den Spaziergängern am Ufer sind die Bewegungen der Sportler vertraut: Zweimal täglich pflügen sie die Saar zwischen Burbacher und Güdinger Schleuse, eine Zehn-Kilometer-Strecke mitten durch die Stadt.

Ich sitze in einem Elektro-Katamaran, neben Uwe Bender, dem Bundestrainer. Ein braun gebrannter Mann von 52 Jahren, mit stylish verspiegelter Sonnenbrille. Die Stimmung ist nicht besonders: Bei der Weltmeisterschaft in Slowenien kurz zuvor hat es keiner seiner Sportler aufs Treppchen geschafft. "Die Ergebnisse der Vergangenheit haben uns verwöhnt", sagt er – von der WM im Vorjahr hatte sein Team noch zwei Goldmedaillen mitgebracht.

Wir kommen vorbei am Heizkraftwerk Römerbrücke, fahren unter zwei Autobahnbrücken hindurch, danach verliert sich die Großstadt langsam. Was dieses Revier für Ruderer attraktiv macht? "Wir haben hier ruhiges Wasser, nicht zu viele Kurven und vor allem wenig Schiffsverkehr", sagt Bender. "Das ist für uns Rückwärtsfahrer nicht ganz unwichtig."

Vor uns zieht Nina Wengert, 27, harmonisch ihre Bahn. Bei der WM hat sie im Doppelzweier knapp den Endlauf verpasst, doch für Olympia 2012 ist ihr Boot qualifiziert. Uwe Bender arbeitet daran, dass noch mehr Ruderer aus Saarbrücken in London dabei sein werden. Ein erstaunlicher Fluss, denke ich: Man trifft hier nicht nur ehemalige Ozeankapitäne, sondern auch potenzielle Olympiasieger.

Der Sound der Stadt

Saarbrücken ist nichts für auswärtige Autofahrer. Schon gar nichts für einen, der grundsätzlich ohne Navi fährt, ein einziges Mal in St. Johann das Abbiegen verpasst, nun über die Saar fahren muss, drüben den Kreisel zu früh verlässt - und sich auf der Autobahn nach Luxemburg wiederfindet. Das war meine erste Begegnung mit der Saar in der Landeshauptstadt: Ich wurde gezwungen, sie zu überqueren. Und beinahe hätte mich die Autobahn aus der Stadt gespült.

1963 wurde dieser Schnellweg am linken Saarufer eröffnet. Eine Umgehungsstraße kam wegen Saarbrückens Lage im Talkessel nicht in Frage, und so lenkte man den Fernverkehr mitten durch die Stadt. Eine elegante Lösung, fand man damals. Saarbrücken war stolz auf seinen Highway.

Aus heutiger Sicht ist er eine Katastrophe. Deutlich sichtbar wird das vom gegenüberliegenden St. Johanner Ufer aus. Ich setze mich auf eine Bank beim Staatstheater und schaue über den Fluss. Am anderen Ufer das graue Band der A620, darüber die Franz-Josef-Röder-Straße. Der ganze Stadtteil ist abgeschnitten vom Fluss. Überall Asphalt. Und im Ohr ständig das Rauschen der Schnellstraße. Es rauscht auch nachts noch, als ich vor dem Zubettgehen zum Ufer zurückkehre. Es rauscht auch am frühen Morgen, es ist der Sound der Stadt, man hört ihn rund um die Uhr.

An manchen Tagen lässt die Saar die Stadtautobahn absaufen

Der Fluss kann nichts dafür. Er hat sich sein Tal gegraben, Menschen eingeladen, sich an den Ufern anzusiedeln. Hat ihre Mühlen und Schmieden angetrieben, hat Flöße und Schiffe befördert. Irgendwann wurde er seinen Anrainern zu langsam, sie bauten erst Eisenbahnen, dann Autobahnen ans Ufer. Jetzt ist die Zeit gekommen, da sie wieder Entschleunigung wollen. Das Großprojekt "Stadtmitte am Fluss" soll die Autobahn in einen Tunnel verlegen. Ein schöner Plan, doch es ist unklar, ob er je bezahlbar sein wird.

Die Saar zieht derweil ihre Bahn. An manchen Tagen tritt sie - wenn zu viel Wasser aus Vogesen und Blies sie bläht - über die Ufer und lässt die Stadtautobahn absaufen. Die wird dann wieder einmal zum Lokalwitz ("Nebenfluss der Saar mit 13 Buchstaben"). Irgendwie fehlt er dann, der Grundton der Stadt. Und der Saarbrücker horcht auf: Es rauscht nicht mehr.

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Autor:
Peter Münch