Rheinland-Pfalz Die Pfälzer Art

Wer in Kaiserslautern wohnt, der hat es gut. Das stand in meinem Heimatkundebuch. Zur Begründung wurde nach meiner Erinnerung die Lage in der Pfälzer Mitte genannt, am großen Wald, der meine Heimatstadt umschmiegt. Außerdem die riesige Pfaffsche Fabrik, die Nähmaschinen für die große weite Welt produzierte. Es gab einiges aufzuzählen, wenn man jungenhaft in Superlativen und Raritäten denkt und darauf schaut, was die eigene Heimat davon zu bieten hat.

In meiner persönlichen Rankingliste stand jedoch etwas anderes ganz oben. Pfaff und Pfälzerwald wurden klar getoppt von der Tatsache, dass die von Kaiser Barbarossa schon früh zu einiger Bedeutung erhobene Stadt zu dieser Zeit eine legendäre Fußballmannschaft besaß, die zur Hälfte aus Weltmeistern bestand.

Das sportliche Idol hieß Fritz Walter. Das war einer, der den Ball im Hechtsprung mit der Hacke über den eigenen Kopf hinweg ins Tor befördern konnte. Und wäre er nicht von so großer Bescheidenheit gewesen, so hätten wir ihn damals auch Kaiser oder König genannt oder zum Kanzler gewählt. Lange bevor der andere es wurde, der ebenfalls ein Pfälzer war.

In dem magischen Viereck aus wilder Natur, schwerer Industrie, mittelalterlichem Geschichtsglanz und Fußballleidenschaft steckt in jedem Fall schon eine ganze Menge Pfalz, obwohl zum Gesamtbild noch viel vorhandene Schönheit fehlt. Und gleichzeitig eine Menge vom Gegenteil. Die Geschichte ist mit der Pfalz über weite Strecken nicht zimperlich umgesprungen.

Als Grenzland und Aufmarschgebiet war sie Zankapfel der Mächtigen. Im Dreißigjährigen Krieg wüteten hier die Schweden, Spanier und Kroaten. Der Pfälzische Erbfolgekrieg, den Liselotte von der Pfalz im fernen Paris beweinte, führte 1689 zur Verwüstung fast aller bedeutenden Städte und Burgen. Mal war der Landstrich französisch, lange gehörte er zu Bayern. So manches Ressentiment, so manche Aufgeregtheit seitens der Pfälzer erinnern - neben schönen Dingen wie die Sommerresidenz Ludwigs I. bei Edenkoben - bis heute an die Zeit unter bayerischer Obrigkeit. Was für eine Empörung, als man es im Freistaat kürzlich wagte, ein Nationalgericht der Pfälzer, die berühmte Dampfnudel, als eigene kulinarische Erfindung auszugeben!

Die Tatsache, dass in der Pfalz napoleonisches Recht galt, zog im 19. Jahrhundert viele Demokraten und Freigeister an. Die Folge war, dass 1832 auf dem Hambacher Schloss ein Fest stattfand, das als "Wiegenfest der deutschen Demokratie" gilt. Viele Vordenker der Republik riskierten dort mit ihren Reden Kopf und Kragen. Der Wein beflügelte die Utopien. Eigenwille und Querköpfigkeit, gepaart mit schierer Not, brachten immer wieder Auswanderungswellen, Autonomiegedanken und separatistische Bewegungen mit sich.

Aber auch die Nationalsozialisten hatten in der Pfalz eine starke und fanatische Gefolgschaft. Zu ihrer Zeit wurde die Deutsche Weinstraße erfunden und das Deutsche Weintor errichtet. Nach dem Weltkrieg überschütteten die Amerikaner die Gegend teilweise mit Dollars und Beton, brachten aber auch die Demokratie wieder, diesmal zusammen mit Kaugummi und Jazz.

Und heute? Was sind wir denn für Menschen, die hier in dieser Gegend leben? Wie klingt unsere Sprache? Bei Umfragen, welche die Beliebtheit deutschsprachiger Mundarten messen, schneidet das Pfälzische schlecht ab. Auch wir selber sind unserem Dialekt gegenüber nicht unkritisch. Das äußert sich manchmal darin, dass wir ihn verleugnen möchten, weil wir fürchten, Anderssprachige damit zu verschrecken.

Dann wieder feilen wir - selbstverliebt und selbstkritisch zugleich - an unserer Mundart herum und entringen ihr in Gedichten immer weitere Feinheiten, so wie wir es auch mit unserer Leberwurst und unseren Weinen tun. Vielleicht ist so zu erklären, dass hiesige Lyriker zu sprachexperimentellen Ansätzen neigen. Und möglicherweise ist es kein Zufall, dass der Dada-Mitbegründer Hugo Ball aus Pirmasens stammt. Zu Lebzeiten wäre er seiner Dichtungen wegen während eines Heimatbesuches fast gesteinigt worden. Künstlerische Provokation ist in der Provinz eben zunächst einmal suspekt. Inzwischen aber gibt es in Pirmasens längst ein Hugo-Ball-Gymnasium, auch einen verhältnismäßig hochdotierten Hugo-Ball-Preis. Und im lieblichen Edenkoben an der Weinstraße winkt im "Künstlerhaus" wie zur Entschädigung für die Poetenzunft eine vom Land Rheinland-Pfalz geförderte Bleibe für zeitgenössische Lyriker aus allen Ecken Europas.

Über diesen Poeten waltet kaum noch der Geist des Urvaters traditioneller pfälzischer Dialektdichtung, des seligen Paul Münch, der die Pfalz - freilich mit einem Augenzwinkern - für immer zum Nabel der Welt erklärt und die "Weltachs'" hierher verlegt hat. Verstehen kann man das am besten an der Weinstraße, die dort, wo der große Wald aufhört und die Rheinebene anfängt, von Nord nach Süd verläuft und durch die zahllosen Weinorte führt. Die Sorten und Lagen sind legendär. Und die Natur bietet der durch Weingenuss geschürten Vorstellungskraft genügend Nahrung. In den südlichen Regionen des Pfälzerwalds wartet der unbehauene Sandsteinfels mit Formen auf, die an skurrile Fabelwesen und Phantasiegestalten erinnern. Namen und Bezeichnungen wie "Teufelstisch", "Braut und Bräutigam" und "Jungfernsprung" lassen mit Recht gewichtige und schicksalsschwangere Sagenstoffe vermuten und überhöhen die Bedeutung der steinernen Naturbilder.

Der erwachsen gewordene Junge aus Kaiserslautern schließt mit vergrößertem Horizont mittlerweile all das Genannte in sein Pfalzgefühl ein, und mehr: das Nordpfälzer Bergland mit dem Donnersberg, auf dem früher Gott Donar thronte und heute der Fernsehturm. Das Musikantenland rund um Kusel, Geburtsort der Tenorlegende Fritz Wunderlich. Natürlich auch den gewaltigen Dom zu Speyer, der - frei nach dem Schriftsteller Thomas Lehr - wie ein riesiges Schlachtschiff aus fernen Tagen am Ufer des Rheinstromes steht.

Die eigentliche Hauptstadt der Pfalz ist für mich schon immer Ludwigshafen: ein Hauch von Hamburg. Die Riesenfabrik. Die Arbeiterströme zum Strom. Hier lässt sich auch das Fernweh festmachen, die Sehnsucht nach der Weite, die so viele Pfälzer befallen hat. Für den Philosophen Ernst Bloch, den großen Sohn, der dialektisch dachte, war die Stadt nicht nur geographisch die Antipodin Mannheims. Dort waren die Klassengegensätze von den bürgerlichen Musen verschleiert, hier in der linksrheinischen Hafenstadt lagen sie offen und ehrlich zu Tage: da die Reichen, hier die Arbeiter. Mit dem "Ernst-Bloch-Zentrum" hat der Denker wieder eine Heimat bekommen. Ludwigshafen hat ihn umarmt, wenn auch - wegen seines zeitweiligen Engagements für den Kommunismus - zögerlich.

Blochs kantiger Kopf gehört zu meinen Bildern aus der Pfalz. Auch der Bürger Abresch, wie er die schwarz-rot-goldene Fahne beim Hambacher Fest aufs Schloss trägt. Aber über alledem schwebt jener Fritz Walter, wie er mit dem Absatz seines Fußballschuhs den Ball über seinen eigenen Kopf hinweg im gegnerischen Tor versenkt.

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Autor:
Michael Bauer