Rheinland-Pfalz Die Musikanten aus Kusel

Es ist ein sonniger, stiller Sonntagmorgen in Kusel, als sich gegen zehn Uhr der Orkan ankündigt. Zuerst mit einem leichten Klicken von Blech. Dann ein Fingerschnippen. "Eins-zwei-drei-vier", zählt Klaus Petermann und setzt die Posaune an die Lippen. Er lässt sie tröten, röcheln, flätteln, lässt Töne anschwellen, so dass sie weit hinausdringen aus dem offenen Fenster der Musikschule. Das Schlagzeug mischt sich dazu, Saxofone, Trompeten, ein Klavier. "Petermann's Swing Partie" lässt es krachen. Ingenieure, Lehrer, die Verkäuferin, der Sparkassenangestellte und der Feuerwehrmann erzeugen Bigband-Sound. Das dröhnt und brummt im Leib. Nach ein paar Minuten färben sich die Köpfe rot. Klaus Petermann grinst und sagt: "Okay, jetzt noch einmal von vorn." Musik kann ganz schön anstrengend sein. Für den gelernten Heizungsbauer ist sie einfach "unglaublich". Sie trägt ihn hoch über den Alltag, "man wächst über sich hinaus".

Damit steht Klaus Petermann nicht allein. Fünf Bigbands gibt es in und um Kusel, das Städtchen hat gerade mal 5200 Einwohner. In der Musikschule üben etwa 1400 Männer, Frauen und Kinder aus dem Kuseler Kreis. Fast jedes Dorf hat seinen Musikverein. Petermanns Band spielt seit 25 Jahren mit im Konzert. Auf Hochzeiten, Meisterfeiern und Stadtfesten. "Aber nicht nur Dicke-Backen-Musik", sagt der Bandleader. Wäre ja auch noch schöner. "Wir wollen ein Stück Kultur erhalten."

Und die ist hier etwas Besonderes, im Nordpfälzer Bergland rund um Kusel, an den Flüssen Glan und Lauter. Dem Musikantenland.

Musikantenland? Kusel ist zwar die Heimat von Fritz Wunderlich, dem "Jahrhunderttenor aus der Pfalz", der Kusel-Touristen noch heute Tränen ins Gesicht zaubert, wenn sie im örtlichen Heimatmuseum sein Gedenkzimmer betreten. Eine großartige Stimme, die 1966 tragisch verstummte: Fritz Wunderlich hatte sich, erst 35 Jahre alt, bei einem Sturz von der Treppe den Schädel gebrochen.

Eigentlich ist das Musikantenland ein recht stilles Land. Es gibt nicht so viel, was Lärm erzeugen könnte. Keine Industrie. Keine dicken Straßen. Dafür Hummeln, die sanft durch blühende Kirschbäume brummen. Den Wind, der sattes Gras zum Rascheln bringt. Kirchenglocken und Brunnenplätschern. Im Westrich, wie diese Gegend auch genannt wird, wohnt man in Gasthöfen, die "Zur Einsamkeit" heißen, und trifft Wirte, die minutenlang schweigend mit dem einzigen Gast am selben Tisch sitzen können.

Und trotzdem: Diese Gegend swingt. Ein Hügelland, streng und schön. Mal wie Samt, mal wie schuppige Schlangenhaut. Auf und ab geht's auf kurvenreichen Straßen, durch wiesenbewachsene Täler, die den Besucher wie durch einen grünen Kanal schleusen und im nächsten Moment fast in einen gelben Löwenzahnhang donnern lassen. Kleine Waldstücke puscheln sich in den Himmel und vogelschwangere Hecken kästeln das Land. Baumreihen entlang der vielen Bäche glitzern im klaren Licht, das am Abend ins Violette changiert. Mitunter riecht das Land wie nasser Hund, dann wieder süß nach Raps. Der Westrich wirkt nicht üppig, nicht heroisch. Er hat menschliche Dimensionen.

Wenn Grün die Farbe der Hoffnung ist, wirkt die Westpfalz wie ein Stärkungsmittel. Und doch hat sie Menschen vertrieben und aus Bauern Musiker gemacht. Von diesem Erbe zehrt die Region noch immer, es macht sie besonders musikalisch. Auch Klaus Petermanns Urgroßvater gehörte zu denen, die auszogen aus dem Westrich in die weite Welt, um aufzuspielen gegen Geld. "Vielleicht liegt darin ja die Wurzel auch meiner Musikalität", meint Petermann. Was heute so sanft und friedlich wirkt, war im 19. Jahrhundert ein raues, armes Land. In den Tälern sammelte sich das Wasser, das machte Ackerbau unmöglich. Durch die Realteilung in den Bauernfamilien wurden die Äcker zu schmalen Hosenträgern und konnten keine Familie mehr ernähren. Der Boden war sowieso schlecht. Es gab kaum Straßen, und die Städte, in denen es Arbeit gab, waren zu weit weg.

Keiner weiß genau wann, aber ab etwa 1830 zogen die Männer mit ihren Pauken und Trompeten los, die es damals in jedem Dorf gab. Zuerst nach Frankreich, dann in die Schweiz, wo sie auf den Straßen spielten. Söhne lernten von ihren Vätern. Um die Jahrhundertmitte bildeten sie ganze Kapellen, musizierten europaweit in Kurorten, auf Rennbahnen, in Theatern. Mit Zirkussen zogen sie bis nach Asien, in den USA stießen sie als Orchestermusiker in Horn und Posaune, in Kolumbien bliesen sie Reklame für eine Arzneimittelfirma. Blieben sie zunächst nur über den Sommer fort, mussten viele Familien später jahrelang auf die Rückkehr der Väter warten. Etwa 9000 Wandermusikanten aus der Westpfalz sind heute namentlich bekannt. Georg Drumm aus Erdesbach wurde am Broadway eine große Nummer und schrieb "Hail America", bis heute Zeremonienmarsch des Weißen Hauses. Hubertus Kilian aus Eßweiler hat als "Kaiserlich Chinesischer Militärkapellmeister" den Taktstock geschwungen.

Mit Taschen voller Geld kamen die Wandermusikanten einst nach Hause, bauten sich Häuser aus rotem Sandstein, mit geschnitztem Giebelschmuck und Veranden, die sie in Australien entdeckt hatten. Einige haben die Zeit überdauert. Wer aufmerksam hinschaut, entdeckt auch noch die Namen der alten Helden in den Dörfern. So betreibt ein Nachfahre des großen Georg Drumm heute mit dem "Teufelsgrill" einen Imbiss, ein anderer macht in Versicherungen.

Elwir Held ist der Musik treu geblieben. Besser gesagt: Sie hat ihn nicht losgelassen. "Das ist wie Hasch", sagt der 78-Jährige in seinem Musikantenmuseum in Mackenbach, umgeben von vergilbten Fotos, 800 Instrumenten, Landkarten. Held ist so etwas wie der letzte Überlebende der Wandermusikanten, spielt Kontrabass und Tuba. Sein Vater war Kapellmeister im Zirkus und von März bis Oktober auf Achse. Noch heute erinnert sich der Sohn an Pakete mit Schmutzwäsche, zwischen der immer ein paar Tafeln Schokolade und Fotos steckten. Auch Elwir Held spielte nach dem Krieg in Zirkussen. 90 Orte in einer Saison. Er wechselte zu Eisrevuen, kehrte schließlich nach Mackenbach zurück und wurde Buchhalter auf dem Flugplatz in Ramstein. 20 Jahre lang spielte Held mit der "Käfer-Band" in den Soldatenclubs der Amerikaner. Jazz vor allem und Rock'n'Roll. "Wir haben sie abgezogen", erinnert sich Held, "die Buden haben gebrannt." Er macht: "Dabdabdidubab" und wippt dazu.

Die Zeit der Wandermusikanten wirkt wie ein Aufbäumen, danach fiel der Westrich wieder zurück in eine Art süßer Lethargie. Die Dörfer liegen auf dem grünen Land verteilt wie Croûtons in der Erbsensuppe, im Schattenspiel der Wolken. Am Bushäuschen in Albessen kündigen die Landfrauen Kurse an: "Leben mit neuem Gelenk" und "Kalte Vorspeisen, angerichtet mit Pfiff". Dörfler nehmen Sonnenbäder in Liegestühlen direkt an der Straße, lösen mit Nachbarn Kreuzworträtsel unterm blauen Himmel.

Aber sie machen Musik wie die Altvorderen. Weil es Menschen wie Elwir Held gibt, der seit 45 Jahren Erinnerungsstücke an die große Zeit sammelt. Der nicht nur den Mackenbacher Musikverein belebt, in dem Pfälzer gemeinsam mit amerikanischen Soldaten spielen. Der nun auch eine Musikschule gegründet hat, in der hundert Kinder Flöte, Klarinette oder Geige lernen. Held spielt mittlerweile auch E-Bass. Man muss mit der Zeit gehen.

Die Musik ist das Band, das die Pfälzer zusammenhält

Die Musik in der Westpfalz ist heute wie ein hintergründiges Brummen. Oder Zwitschern. Sie ist ein Teil der Familiengeschichten, auf den Dachböden lagern bis heute die Instrumente und Noten von damals. Die Musik ist das Band, das die Menschen, die längst zur Arbeit in die Städte pendeln, zusammenhält. Überall, wo man ungehemmt losspielen kann, in Dörfern, die Teschenmoschel, Dörrmoschel oder Schneckenhausen heißen. Dort gedeihen in üppigen Gärten gleich neben den Häusern Zwiebeln, Kartoffeln und Erdbeeren. Ab und zu bluten warme Schweinehälften am Haken eines Traktors aus. Wie in Waldgrehweiler, wo Heribert Wasem gleich daneben in der Waschküche seines Hofes mit Knochensäge und Messer eine halbe Sau zerteilt in Schwarte, Rippen, Fleisch, Haut, Knochen. Um das Gekröse auf dem Boden streicht die Katze. "Zwei Schweine hab' ich", sagt Wasem, "so wie viele Leute. Ich lebe hier mit meiner Mutter und meinen vier Kindern.An so einem Schwein essen wir ein halbes Jahr."

Handfest sind die Leute im Westrich, auch musikalisch. Horst Molter kann ein Lied davon singen. Der 76-jährige Instrumentenbauer aus Mackenbach versorgt die musizierenden Pfälzer mit Trompeten, sorgt dafür, dass Posaunen wieder sauber klingen. An der Werkbank seiner Kellerwerkstatt klopft er Beulen aus dem Blech, richtet verbogene Ventile und kaputte Posaunenzüge. Eine recht unappetitliche Sache ist das mitunter. "So wie die Leute blasen, behandeln sie auch ihre Instrumente", sagt Horst Molter. Die Musiker spielen nicht mehr in gepflegten Theatern oder Konzertsälen, sondern auf Volksfesten unter freiem Himmel. "Da essen sie natürlich Bratwürste und trinken Bier, und das finde ich dann in der Trompete wieder."

Horst Molter wirkt fast ein bisschen verloren da unten im Keller, zwischen Bunsenbrenner, Ziehbank und Schraubstock. Er spielt Klavier in einem Trio, zu Weihnachten in der Kirche, auch auf Vereinsfesten. Boogie-Woogie, Walzer und Operetten von Lehár und Strauß. "So was hab' ich einfach gern im Ohr", sagt Molter, "Sinfonien sind mir zu traurig."

So passt auch Molter gut in dieses Land, das sich deutlich verändert hat, obwohl Kneipentheken und Ladeneinrichtungen oft noch an die Wirtschaftswunderzeit erinnern. Musik ist hier keine Sache der süßen Melancholie, sondern der Lebensfreude. "Die Musik ist Heimatgefühl, sie belebt die ganze Region", meint Roland Vanecek.

Als Roland von Schneckenhausen reaktiviert der 33-Jährige mit dem wuscheligen Haar immer wieder das Wandermusikantentum. Er spielt Tuba, "und die kann mehr als Humbahumba". Vanecek, Tubist am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, ist Träger des Musikantenlandpreises der Region. Für ihn hat die tiefe Tuba "etwas Befreiendes, ganz Urzeitliches". Im Sommer zieht er mit seinen Kumpanen durch den Westrich, auf dem Leiterwagen oder auf der Draisine das Flüsschen Glan entlang, spielt in Einkaufspassagen und auf Dorfplätzen. Nicht die alten Kamellen der ehemaligen Wandermusikanten. Eine wilde Sache ist das, wenn die Truppe "alles mixt, was geht". Etwa Mozarts "Türkischen Marsch" mit "Sex Bomb" von Tom Jones. "Aus 'm Hut musizieren ist klasse", sagt Vanecek. Die Kinder bekommen eine Ahnung davon, was Musik sein kann. Die Alten erinnern sich an die Zeit, als ihre Eltern noch selbst unterwegs waren. "Dieses ursuppige Musikantending aus Bier und schlecht geputzten Instrumenten, bei dem es nur darauf ankommt, dass es scheppert", meint Vanecek, das sei eine ganz wichtige Quelle für das, was er heute macht.

Sie ziehen mit, die Pfälzer. So wie an diesem sonnigen Frühlingsabend, an dem rausgeputzte Musikantenländler in die Fritz-Wunderlich-Halle strömen, hoch über Kusel. Stimmengewirr bei Brause und Brezeln in einem architektonischen Aufschrei aus verblichenem Grün und Gelb. Gleich werden Musikschüler mit Roland Vanecek dessen Tubakonzert Nummer eins, "Das Musikantenländische", spielen. Erwartungsfrohe Mienen in rund 300 Gesichtern, als der Roland von Schneckenhausen im roten Gehrock die Bühne betritt. Vanecek setzt an. Weich tönt es aus dem Riesentrichter, dann lässt er seine Tuba plöttern und flabbeln, schlägt schließlich mit der Hand drauf und singt auch noch beim Reinblasen. Dicke Backen produzieren etwas, was nun wirklich nicht "Humbahumba" ist. Die Leute hören es mit Freude. Als Vaneceks "Musikantenländische" schließlich ganz in der Welt ist, applaudieren sie heftig und zaubern ein breites Grinsen auf das rote Gesicht des Komponisten. Wandermusikanten gehen eben immer noch ein Stückchen weiter.

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Autor:
Christian Sywottek