Europop Die Möchtegern-Europäerin

Kleiner Empfang in Australiens Botschaft an der Berliner Wallstraße. Einfach so nach Dienstschluss, ungezwungen. An der Bar des multi purpose room wird Flaschenbier und Chardonnier (nicht Chardonnay?) aus den Adelaide Hills gereicht. "Sorry to disturb you, freaks", beginnt die kurze Begrüßungsrede. Ein Kulturaustausch der sympathischen Sorte.

Stargast des Abends ist die Sängerin Sarah Blasko, geboren in einer Vorstadt von Sydney, die sie nicht sonderlich schätzt: "Zu viele Surfer-Idioten. Zuviel Randale, die sich gerne mal gegen die asiatischen Kids richtete." Blasko ist eine tolle Singer/Songwriterin, die gerade dabei ist die Reihe der eigenwilligen Selfmade-Musikerinnen zu verlängern, die seit einigen Jahren die Charts aufrollen: von Katy Perry über Kate Nash bis hin zu Katie Melua, auf deren Label Dramatico Blaskos drei Alben erschienen sind. Mit ihrer aktuellen Platte "As Day Follows Night" gelang Sarah der Sprung nach Europa. Im Sommer spielt sie auf hiesigen Festivals.

Heute soll sie beim Empfang in der deutschen Hauptstadt ein wenig ihr Land repräsentieren. In der Botschaft liegen Reisemagazine aus: "Traumtrekking", "Allradabenteuer im Outback" oder "61.700 Kilometer Küste". "Das Lustige ist", sagt Sarah Blasko, "dass ich mit diesem Australien nur wenig zu tun habe. Ich kenne die Weite der Landschaft eigentlich nur aus muffigen Tourbussen." An ihrer Geburtstadt Sydney, erzählt sie weiter, schätzt sie eher die dunkleren Ecken. Zwar sei die Postkartenseite Sydney rings um Oper und Harbour Bridge sehr eindrucksvoll, "doch auf Dauer nervt diese helle, heile Welt", und für den Freikörperkult- und Surferspot Bondi Beach sie sie "einfach nicht geschaffen".

Während Sarah ihr Heimatland seit ihrer ersten Plattenveröffentlichung auf die harte Tour durchreiste und dabei nur wenig Musik-Pubs im Nirgendwo ausließ, reifte in ihr eine große Sehnsucht heran: Europa. Nach Abschluss ihres Literaturstudiums flog sie nach Frankreich: "In den Straßen von Paris haben sich meine Schulbuch-Klischees mit Bistros und Baguettes komplett erfüllt. Wir Australier geraten ja schon aus dem Häuschen, wenn man gerade mal dreihundert Kilometer fährt, die Leute eine andere Sprache sprechen und es komplett anders aussieht."

Seit diesem Trip hat sie immer wieder die Kontinente gewechselt. Blasko: "Es ist schon komisch am Ende des Sommers abzufliegen, um den Frühling zu begrüßen. Ich liebe Australien auf gewisse Weise, doch ohne Europa könnte ich nicht mehr."

Gegenwärtig lebt sie in London bei ihrem Freund, der sich immer wundert, wenn sie europäische Fahrpläne und Liniennetze studiert. Ihre aktuelle Platte hat sie bei Björn Ytlling von der Band Peter, Björn and John ("Young Folks") im winterlichen Stockholm produziert, wo sie nach kurzer Absprache einfach hingefahren ist, ohne die Musiker genauer zu kennen.

In Schwedens Hauptstadt hat sie, wie sie in ihrem schreibt, eine Imbiss-Spezialität namens Tunnbrodsrulle entdeckt. "Etwas komisch, aber in der Kälte genau das Richtige. Eine in Brot gewickelte Wurst mit Kartoffelbrei, Kopfsalat, Tomaten und Krabben. Beim Bestellen wäre ich fast an der Aussprache gescheitert." Auch über Zugreisen nach Malmö, Kopenhagen oder vom musikalischen Intermezzo im dänischen Aarhus berichtet Blasko.

Normalerweise pflegen Popstars in einer abgeschirmten Luxusblase von Auftritt zu Auftritt zu tingeln, Sarah Blasko ist anders. Durch ihre Musik will sie Land, Leute und - besonders wichtig - so viele regionale Speisen wie möglich kennen lernen. Nicht untypisch für Australier, wie Blasko findet: "Vielleicht ist der ständige Blick nach Übersee eine unserer Besonderheiten. Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft am Rand von Asien, mit einem Hang zu Möchtegern-Europäern. Auf diese Weise sind wir in manchen Exilanten-Gegenden längst zum running gag geworden. Wenn ich vom Flughafen in London-Heathrow zum Earls Court komme, höre ich so viele australische Stimmen, das es fast schon unheimlich ist", Sarah Blasko und grinst.

Autor:
Ralf Niemczyk