Schleswig-Holstein Die Kunst der Düfte

Als das Lavendelöl Schlieren in dem Gemisch auf dem Tisch erzeugt, lacht Claudia Valder entzückt und blickt kurz auf. "Das sieht jedes Mal so schön aus", sagt die 31-jährige Parfümeurin und widmet sich umgehend wieder ihrer Arbeit. In einem schmucklosen Gewerbegebiet am Rande von Henstedt-Ulzburg, Schleswig-Holstein, in dem es überwiegend nach Lkw-Abgasen und Gummi riecht, befindet sich Claudia Valders Arbeitsplatz. Am Ende eines Weges, wabert eine Duftwolke um einen roten, unscheinbaren Klinkerbau. Man atmet Orient und frischgebrühten Tee. Hier ist die Firma Frey & Lau ansässig. Hier wird Duft kreiert.

Die Kunst, Düfte zu entwickeln, beherrschen nur wenige. Nach Angaben des Deutschen Verbandes der Riechstoff-Hersteller arbeiten weltweit rund 500 Parfümeure, davon 36 in Deutschland. Claudia Valder hat sich auf die Herstellung natürlicher Kompositionen spezialisiert, von Düften also, die im Trendbereich Wellness besonders gefragt sind. "Der Effekt von Wellness", erklärt die gelernte Pharmazeutin, "hat damit zu tun, was jeder Mensch gern riecht." Den einen beruhigt Orange, der andere entspannt lieber mit Rosenaroma. Die stimulierende Wirkung von Düften auf unsere Muskeln, den Herzschlag sowie die Atemfrequenz ist wissenschaftlich nachgewiesen.

Düfte können uns aber auch manipulieren, sie können unser Empfinden steuern, sogar im Schlaf. Alles, was uns an Gerüchen in die Nase steigt, dringt zum Zwischenhirn vor und wirkt dort unmittelbar auf das limbische System. "Das ist der älteste Teil unseres Gehirns, der eine wichtige Rolle beim Entstehen von Gefühlen spielt", erläutert Valder. Mit jedem Atemzug werden Millionen Riechzellen stimuliert, die über das Hirn und die Nervenbahnen Impulse an das Hormon- und Immunsystem weitergeben. Duft umgibt uns überall und kann uns spontan mit einer Welle von Emotionen überspülen.

Das Wissen um die Wirkung einzelner Düfte wird bisweilen gezielt eingesetzt. Am Frankfurter Flughafen etwa beduftet die Fluggesellschaft Lufthansa die Tunnel vom Gate zum Flieger - Rosmarin, Limette und Litzea sollen verhindern, dass bei den Passagieren beklemmende Gefühle aufkommen. In den Wellnesshotels der Gruppe Westin zieht der Duft "White Tea" durch alle Räume - als Raumspray, Duftkerze und Öl. Die Komposition soll Stress abbauen und einen Wiedererkennungswert haben, der beim Wahrnehmenden angeblich sogar den der Hotel-Innenarchitektur übersteigt. Anders als das Erinnerungsvermögen verblasst das Duftgedächtnis nicht.

Wellness-Düfte zu kreieren, kostet. Rosenöl und Sandelholzöl etwa zählen zu den teuersten Ölsorten überhaupt. Um ein Kilogramm ätherischen Rosenöls zu erhalten, benötigt man circa 4000 bis 5000 Kilogramm Blüten. Entsprechend können tausend Gramm des feinen Öls auch tausende Euro kosten - heute wird es jedoch ungleich günstiger. Auf der Basis ihres persönlichen Lieblings-Wellnessdufts "Vanille-Lavendel" will Claudia Valder für MERIAN.de einen Wellness-Duft kreieren. Ein Elixier, das die Laune heben, das belebend und anregend wirken soll.

Zehn Ingredienzien stehen auf einem DIN-A4-Zettel. Ylang-Ylang zum Beispiel. Auf dem runden Buchenkonferenztisch hat Valder die zur Herstellung nötigen Utensilien ausgebreitet: zehn dunkelbraune Glasfläschchen mit orangefarbenen Drehverschlüssen, eine Laborwaage, zehn Einwegpipetten und ein Messbecher. Sie macht sich ans Werk, und faltet ihre Einkaufsliste rasch wieder zusammen - Düfteproduzenten hüten ihre Rezepte. Müssen sie auch. "Denn der Wert pflanzlicher Essenzen lässt sich durchaus mit dem von Rohdiamanten vergleichen", erklärt Valder.

Eine gute Portion Mandelöl ist die Basis ihrer Wellness-Komposition. Mit der Pipette träufelt sie einige Tropfen des Ylang-Ylang-Öls in den Messbecher. Das Öl der "Blume der Blumen" verströmt sogleich seinen medizinischen-intensiven Geruch. Lavendel steht gleich zweimal auf der Einkaufsliste. "Das ist der Klassiker unter den Düften", sagt Claudia Valder.

Mehrere Tröpfchen von dem gezüchteten Lavandin und von dem wilden Lavendel kommen in den gläsernen Messbecher. Noch ein Spritzer Orange, dann etwas Vanille, Fenchel und zum Abschluss Hoholzöl - der Wellness-Duft ist komponiert. "Noch nicht ganz", korrigiert Claudia Valder, wie ein Wein müsse er erst noch ruhen - allerdings nur zwei Tage. Sie füllt die Flüssigkeit in ein kleines Fläschchen.

Zwei Tage später. Der Duft ist reif. Angeblich soll Lavendel Kopfschmerzen vertreiben und bei Unruhezuständen sowie Reizmagen helfen. Nach mehrmaligem Schnuppern am Fläschchen sind die Kopfschmerzen perdu und im Magen stellt sich ein wohliges Gefühl ein. Ob es am tatsächlich am Duft lag? Zumindest roch und tat er gut.

Autor:
Philine Gebhardt