Karlsruhe Die Kulturstadt im Ländle

Jedes Kind kennt Karlsruhe. Denn die Karlsruher Stadtanlage ist ja weltberühmt und fehlt in keinem ordentlichen Schulatlas. Der absolutistische Grundriss mit dem Schlossturm als Mittelpunkt - dort pflegte der Markgraf seine Damen zu empfangen, beziehungsweise zu »halten« - ist zwar nicht einzigartig, aber der größte seiner Art, und noch heute in den Stadtplan der badischen Metropole unübersehbar eingetragen. Merkwürdigerweise nehmen die Karlsruher nur den bebauten Teil wahr und bezeichnen deshalb ihren Wohnsitz als "Fächerstadt". Ein Blick vom Schlossturm jedoch genügt, um zu erkennen, dass sich die Stadtanlage im Schlossgarten und im dahinter liegenden Wald des Wildparks fortsetzt, mit kreis- und strahlenförmig angelegten Wegen, die entweder um den Turm geführt sind oder von diesem ausgehen.

Nach absolutistischem Selbstverständnis der Gründungszeit Karlsruhes (1715) symbolisiert der Turm die Sonne und mit ihr den im Mittelpunkt stehenden Herrscher; Vorbild war das französische Sonnenkönigtum. Obwohl ich den Karlsruher Grundriss bereits aus meiner Schulzeit in der DDR kannte, war ich, als ich das Angebot erhielt, Assistent an der Karlsruher Universität zu werden, genötigt, in den Atlas zu schauen, um mir eine Vorstellung davon zu machen, wo denn Karlsruhe überhaupt liegt.

Gewohnt, ernst und hartnäckig zu arbeiten, hat mich, in Karlsruhe angelangt, die (scheinbare) Laxheit, mit der die Menschen hier mit ihrem Alltag umgehen, schockiert. Es führte dazu, dass ich das Institut für Literaturwissenschaft mit meiner Hektik erst einmal ziemlich durcheinandergewirbelt habe. In einem meiner ersten Artikel über meine neue Heimatstadt habe ich die Karlsruher als "ignorante Nilpferde" beschimpft, die nach dem Motto lebten "Erst kommt das Viertele, dann noch lange nicht die Arbeit." Damit habe ich mich überhaupt nicht beliebt gemacht.

In der Region zwischen Baden-Baden/Bühl im Süden und Bruchsal/Bretten im Norden liegen die besten Lokale Deutschlands, in Bruchsal gibt es den besten Spargel der Welt, in Eppingen und Umgebung die besten Kartoffeln, in Bühl und Baden-Baden begegnet man einer international geprägten mondänen Welt. Und nicht zu vergessen: der vorzügliche Wein, der vom Karlsruher Turmberg ab nach Süden über Forbach und Neuweier an Mengen zu- und an Qualität nicht abnimmt.

Dazu kommen das beste Wetter in Deutschland, die Nähe Frankreichs, die Natur und Kultur des Elsass, der Rhein, an dem auch Karlsruhe tatsächlich liegt, obwohl dies die Karlsruher nur bedingt wahrnehmen. Dazu kommen das Mittelalter und die Gotik von Straßburg oder - um das viel näher liegende Ettlingen nicht auszulassen - die mehr als 800-jährige Geschichte einer Stadt, die sich hartnäckig weigert, von der lächerlich jungen Metropole "eingebürgert" zu werden. Das nämlich ist Durlach widerfahren, wo sich mit der Karlsburg das ehemalige Stammhaus der badischen Markgrafen befindet. Dank dieser Beute hat Karlsruhe wenigstens einen Stadtteil von gewissem Alter.

Kein Wunder also, wenn die Menschen der Region sich vornehmlich den Genüssen ihrer herrlichen Landschaften und Früchte hingeben und in der alltäglichen Arbeit nicht ausschließlich den Sinn ihrer Existenz sehen. Aber dass hier deshalb nichts geleistet würde, ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, davon konnte ich mich schnell überzeugen. Nur: Es geht auch mit Ruhe und Gelassenheit. Und unter uns gesagt: Sich beim Nachdenken über ein gutes Viertele zu neigen, kann überhaupt nichts schaden.

So verstand ich auf einmal Johann Peter Hebels (auch er ein zugereister Karlsruher) Anrede an die "geneigten Leser" in ihrer eigentlichen Bedeutung. Jedenfalls habe ich schnell gelernt, eine meinem Wohnort angemessene Arbeitshaltung anzunehmen, unter anderem, indem ich von Bier auf Wein wechselte - und dies, obwohl in Karlsruhe auch vorzügliches Bier gebraut wird.

Weltbekannte Kultur- und Bildungseinrichtungen

Als Heinrich Klotz, der Gründungsrektor des 1997 eröffneten Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), nach Karlsruhe kam, war eine seiner ersten Feststellungen, dass die Karlsruher gar nicht wüssten, was sie so alles an Kultur- und Bildungseinrichtungen haben. Einige sind nicht nur überregional, sondern auch europa- und weltweit bekannt. Ganz abgesehen davon ist Karlsruhe die Internet-Hauptstadt Deutschlands und allenthalben sprießen Technologie-Parks in dieser Region. Das Badische Landesmuseum glänzt mit aufsehenerregenden Ausstellungen, ebenso die Staatliche Kunsthalle, die außerdem eine einzigartige Sammlung besitzt. Und das Badische Theater, mit dem Felix Mottl vor dem Ersten Weltkrieg Karlsruhe zur führenden Opernstadt Deutschlands gemacht hatte, blüht wieder auf.

Mit der Literarischen Gesellschaft verfügt Karlsruhe über den mitgliederstärksten Kulturverein Deutschlands. Das angeschlossene Museum für Literatur am Oberrhein im Prinz-Max-Palais lädt nicht nur zu Dauerausstellungen über Marie Luise Kaschnitz, Gustav Landauer, Carl Einstein und Hebel ein, den Dichter vom "Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes". Hier findet bei regelmäßigen Lesungen auch internationale Spitzenliteratur ihr Publikum.

Dass es in Karlsruhe eine Universität gibt, das heißt die älteste Technische Hochschule in Deutschland, hat sich über Namen wie Heinrich Hertz oder die neue Nanotechnologie weltweit herumgesprochen; dass in Karlsruhe aber auch Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert werden kann - letztere rangiert in der Forschung nach einem "Stern"-Ranking ganz oben - wissen nicht einmal die Karlsruher selbst.

Das hat wohl auch ein wenig mit Karlsruhes Grundriss und der damit verbundenen Lage der Universität zu tun. Da das "Zentrum" der Stadt - der Schlossturm nämlich - paradoxerweise an der Peripherie liegt, hört die Stadt mehr oder weniger mit der Kaiserstraße auf, die eine lange Schneise durch die Innenstadt zieht. Das Franz-Schnabel-Haus, in dem die Institute für Geschichte und Germanistik logieren, ist so vorzüglich durch eine Mauer zum Fasanengarten abgeschottet, damit niemand auf die Idee kommt, dahinter könnte der Geist brüten. Nur einmal im Jahr platzt die Bude aus den Nähten, wenn die Fachschaft für Geistes- und Sozialwissenschaften (Slogan: "Geist ist geil") ihr Sommerfest feiert. Es hat sich herumgesprochen, dass hier die meisten und schönsten "Mädels" studieren. Die übrige Zeit bleiben wir unter uns.

Und noch eins, da wir bei der Literatur sind: Einer der bekanntesten Romane der Weltliteratur spielt an zentralen Stellen in der Region Karlsruhe (nicht in Karlsruhe selbst, weil es die Stadt damals noch nicht gab), Grimmelshausens "Simplicissimus Teutsch". Mit dem 1668 erschienenen Roman in der Hand lässt sich der nahe Schwarzwald erwandern. Vom Mummelsee, in den Simplicissimus kühn springt, um zu erkunden, was die Welt im Innersten zusammen hält, bis nach Wildbad, wo er seine Syphilis - in Frankreich geholt - erfolgreich kuriert. Und in Oberkirch-Gaisbach kann man in der Kneipe einkehren, in der Grimmelshausen selbst hinterm Tresen stand, und sich übers Glas neigen.

Zuletzt: Brecht und Karlsruhe. Gefragt, was beide miteinander zu tun haben, antworte ich - meine Anwesenheit rechtfertigend -, dass Karlsruhe immerhin ein einziges Mal in dessen Werk vorkommt, in der Kalendergeschichte "Die unwürdige Greisin". Um wenigstens einmal in ihrem Leben eine Großstadt gesehen zu haben, fährt die alte Frau aus ihrem Dorf Achern im Schwarzwald nach "K." Inzwischen hat K. mit der Arbeitsstelle Bertolt Brecht dem "Goethe des 21. Jahrhunderts" einen postumen Zweitwohnsitz (seit 1989) verschafft. Dadurch ist Karlsruhe weltweit das Zentrum der Brecht-Forschung geworden: mein "Geschenk" an meine neue Heimatstadt.

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Autor:
Jan Knopf