Saarbrücken Die kleine Metropole des Saarlandes

In eine Stadt wie Saarbrücken zieht man nicht, hierher verschlägt es einen. Einen wie Wollie Kaiser zum Beispiel, den Jazz-Saxophonisten aus Köln. Die roten Haare zerzaust, die blauen Augen lustig blinzelnd, so rührt er in seinem Latte Macchiato. Wir sitzen in einem der vielen Cafés im Stadtteil St. Johann. Draußen hat der Herbstnebel die Stadt fest im Griff. Wenige Menschen schlendern vorbei, Eile hat niemand.

"Dass ich hier bleiben wollte, weil mir die Ruhe gefiel, die kleine, aber feine Musikszene, hat allerorten nur zu Kopfschütteln geführt. Bei meinen Kölner Freunden sowieso, interessanterweise aber auch bei den Saarbrückern", sagt er. "Ich konnte ihnen so viel Gutes über ihre Stadt erzählen, wie ich wollte. Schließlich habe ich gesagt, ich komme der Liebe wegen. Das haben sie dann verstanden."

Wir müssen beide lachen, denn mir, der ich vor Kurzem nach knapp 30 Jahren in meine Geburtsstadt zurückgezogen bin, geht es ähnlich: "Sie haben so viele Jahre in Berlin gewohnt, um Himmels willen, was machen Sie dann hier?" Wie oft habe ich diesen Satz gehört. Man darf ihn nicht falsch verstehen: Die Saarbrücker sind stolz auf ihre Stadt. Sie sind sich nur nicht sicher, ob die anderen, die von auswärts kommen, einen Sinn entwickeln können für ihre Schönheit, ihr Lebensgefühl, ihre Spannungsbögen.

Saarbrücken ist anders, irgendwie ein Dazwischen. Rückständig und weltoffen. Nicht ganz deutsch, aber erst recht nicht französisch. Mitten in Europa, aber abseits der Wege. Geprägt von barocker Pracht und industriellem Verfall. Keine Metropole und doch nächstgelegene Großstadt für mehr als eine Million Menschen aus Deutschland und Frankreich. Ein Ort, wie geschaffen für die Liebe auf den zweiten Blick.

Nach wie vor findet man mitten in der Stadt Freudenhäuser

Wollie Kaiser zog vor acht Jahren hierher. Kennengelernt hatte er Saarbrücken schon in den Achtzigern. Damals kam er oft aus Köln herunter, um hier in den Jazzkellern zu spielen. "Zu dieser Zeit fand ich die Stadt deprimierend, ich dachte, Saarbrücken sei ein einziger Puff." Noch immer erinnern die Namen der Kneipen am St. Johanner Markt an die Rotlicht-Vergangenheit des Viertels. "Tante Maja" heißen sie oder "Tante Anna". Wo heute die Saarbrücker Boheme an sonnigen Tagen das Leben genießt, verprassten einst in dunklen Zimmern die Arbeiter mit leichten Mädchen ihren schwer verdienten Lohn. Und nach wie vor findet man mitten in der Stadt Freudenhäuser, in denen knapp bekleidete Damen an offenen Fenstern sitzen wie sonst etwa in Hamburgs Herbertstraße.

Zur Saarbrücker Liberalität passt, dass es hier eine der ältesten deutschen Kneipen für Schwule und Lesben gibt. 1961 eröffnete die "Madame"; am Eingang hängt heute eine Gedenktafel für Gründerin Margarete Bardo, die Homosexuellen eine Heimat bot, als sie noch das Gesetz fürchten mussten.

Die Liebe zu Saarbrücken, da sind wir uns schnell einig, geht über die freundlichen Menschen. "Saarbrücker", sagt Kaiser, "reden über alles mit jedem. Das Schwätze ist ein sozialer Akt, über den man Beziehungen aufbaut." Aber wehe, man nimmt die Worte ernst und fordert Taten. "Ei, wir haben doch bloß drüber geschwätzt", bekommt man dann zu hören.

Geredet wird am liebsten auf Saarbrigga Platt, das die meisten Einwohner mit Hingabe pflegen. Platt schafft Geborgenheit, ein Gefühl von "Dehemm" und Gemütlichkeit. Auf Platt kann man vieles mit noch mehr Worten sagen als auf Hochdeutsch: Ein fahrender Zug ist zum Beispiel "ä Zuuch, der wo noch faad". Nur eines kann man nicht: Jemanden aufs falsche Gleis führen. Ironie, Wiener Schmäh oder Berliner Schnauze kommen in Saarbrücken nicht gut an.

Ich verabschiede mich von Wollie Kaiser und gehe über den Markt, vorbei an dem Barockbrunnen mit dem Obelisken, laufe über die Saarstraße und passiere die Stelle, an der bis 1809 das Saartor stand. Dann schlendere ich geradeaus über die Alte Brücke hinüber nach Alt-Saarbrücken.

Als der Schriftsteller Joseph Roth in den späten zwanziger Jahren hierher kam, da spottete er, Saarbrücken habe den traurigsten Bahnhof, in dem er je ausgestiegen sei. Und die Stadt sei nichts als die Fortsetzung dieses Bahnhofs. Er beschrieb das Saarbrücken der Stahlarbeiter, in dem die Hochöfen "dampfen, flackern, glühen" und der Gestank der Lokomotiven noch der harmloseste der Gegend ist. Roths Saarbrücken ist nicht mehr. Die Hochöfen sind verschwunden. Befreit vom Dreck und Geruch, der auch mir als Kind in den siebziger Jahren noch in der Nase liegt, wurde sich Saarbrücken zunehmend seiner vorindustriellen Geschichte bewusst - der Wiederaufbau des barocken Saarkrans am Flussufer ist nur ein Beispiel dafür.

Der Zyklus von Niedergang und Wiederaufstieg ist nicht neu, er ist ein Leitmotiv der Stadtgeschichte. Im 17. Jahrhundert hatten der Dreißigjährige und der Holländische Krieg Saarbrücken verheert, nach dem Brand von 1677 lebten in der Stadt gerade noch ein paar Dutzend Menschen.

Das gemeinsame Werk zweier Männer prägt das Stadtbild bis heute

Seine Wiedergeburt verdankte der Ort dem jungen Fürsten Wilhelm Heinrich aus dem Hause Nassau-Usingen, der 1741 nach einer Erbteilung die Regentschaft in Saarbrücken übernahm. Er brachte den Baumeister der Familie mit, den 24 Jahre älteren Friedrich Joachim Stengel. Ihn beauftragte er mit dem Ausbau der Stadt zur Barockresidenz. Fast wäre das schiefgegangen: Nach ein paar Jahren verließ Stengel den Fürsten wegen eines besseren Gehalts in Richtung Gotha. Doch schon nach kurzer Zeit kehrte er zurück, weil ihm die "abgeschmackten complimenten und übertriebene ceremonien" in Gotha nicht gefielen, wie er in seinen Lebenserinnerungen schrieb. Wilhelm Heinrich soll Stengel bei seiner Rückkehr in einer Kutsche entgegengefahren sein und ihn umarmt haben. Die Freundschaft dieser beiden Männer wurde zum Glücksfall für Saarbrücken. Ihr gemeinsames Werk prägt das Stadtbild bis heute - wie man etwa am Schloss sehen kann.

Dort, auf dem Vorplatz, treffe ich einen lebenslustigen älteren Herrn im beigefarbenen Trenchcoat. Eckart Sander stammt aus Leipzig, auch er ist einer, den es nach Saarbrücken verschlagen hat. Er hat ein umfangreiches Buch über das Schloss geschrieben und führt seit vielen Jahren Interessierte durch Stengels Erbe. Und so wie er es tut - mit großer Begeisterung und weit ausholenden Gesten -, reißt er jeden Zuhörer mit.

Früher als Braunschweig, Potsdam oder Berlin hat Saarbrücken sein altes Schloss wieder entdeckt. Schon in den achtziger Jahren nahm der Kölner Architekt Gottfried Böhm das, was Zerstörung, Umbau und Verfall von Stengels Bau übrig gelassen hatten, und fügte den barocken Seitenflügeln einen postmodernen Mittelbau hinzu.

Saarbrückens barocke Geometrie

Im Festsaal im obersten Stock klärt mich Sander über das sogenannte Stengel’sche Dreieck auf, Saarbrückens barocke Geometrie. Eine ganze Saarbrücker Kindheit lang war die mir unbekannt geblieben. Sander zeigt die erste von drei Sichtachsen: Vom Mittelbau des Schlosses geht der Blick auf gerader Linie zum Turm der Ludwigskirche. Hierhin will er mich zunächst führen.

Panoramablick über die Stadt
Arthur F. Selbach
Panoramablick über die Stadt
Durch ein paar Gässchen mit weiß verputzten Häuschen - und schon stehen wir am Ludwigsplatz, dem Schönsten, was Saarbrücken zu bieten hat. Und auch er so ein Dazwischen. Sander erzählt, dass der Fürst die Idee vermutlich von einem Besuch in Nancy mit nach Saarbrücken gebracht habe: eine typische Place Royale des französischen Barock, mit einheitlich gestalteten Fassaden um ein Zentrum, in dem in Frankreich das Standbild des absoluten Herrschers thronte. Wilhelm Heinrich und sein Baumeister aber stellten stattdessen eine der schönsten Barockkirchen Deutschlands in die Mitte - Monument für den einzigen absoluten Herrscher, den sie anerkannten.

Vorm Hauptportal zeigt Sander mir die zweite Blickachse des Stengel’schen Dreiecks: Von der Ludwigskirche geht der Blick über die Stelle, an der einst das Saartor stand, bis zum Turm der evangelischen Kirche in St. Johann. "Und die dritte Seite?", frage ich. "Über die sind Sie heute schon gegangen", sagt Sander. Vom Mittelbau des Schlosses fiel der Blick ebenfalls übers Saartor, das Kreuzungspunkt zweier Achsen war, und weiter bis zum Obelisken des St. Johanner Marktbrunnens.

Im Sommer auf Biergartenbänken sitzen und einen Zwickel genießen

Ich wandere über die Alte Brücke zurück nach St. Johann und steige die Stufen hinab zu den Saarwiesen. Kneipenbarkassen und das Theaterschiff "Maria-Helena" haben hier angelegt, im Sommer sitzen die Saarbrücker auf Biergartenbänken und genießen die Sonne bei einem Zwickel, einem hefetrüben Saarbrücker Bier. Mich zieht es weiter, unter der Bismarckbrücke hindurch zum Staden. Hier weiten sich die Saarwiesen zu einem Park, durch den schon um 1900 das Bürgertum schlenderte. Man hatte es auch nicht weit: Oberhalb des Ufers waren im ausgehenden 19. Jahrhundert Villen und Etagenwohnungen für Beamte, Ärzte und Kaufleute entstanden - etwa in der nahen Mainzer Straße.

Die Mainzer, das war einst das schicke Ausfalltor zur weiten Welt, als sich noch keine Autobahn durch die Stadt zog. Großzügige Wohnungen gab es hier, mit hohen Decken und bleiverglasten, bunten Fenstern. Aber - und hier endet die Parallele zu Gründerzeitbauten in Berlin oder Wien - auch eine Wiese direkt hinterm Haus, wo man Hühner hielt. Nach dem Krieg hatte für die herrschaftlichen Wohnungen kaum noch jemand Verwendung, der Niedergang begann. Doch seit ein paar Jahren erlebt die Mainzer ihre Wiederauferstehung, nun als Einfallstor des urbanen Lebensstils einer jüngeren Generation.

Graffiti-Künstler am Werk
Arthur F. Selbach
Graffiti-Künstler am Werk
Heute reihen sich hier Galerien und Antiquitätenläden, und im Hotel "Leidinger" treffen sich zum Max-Ophüls-Festival die Cineasten. Außerdem ist die Mainzer Deutschlands Straße mit den meisten Michelin-Sternen: In der Nummer 26 kocht im "Le Noir" der Ein-Sterne-Küchenchef Jens Jakob, und in die Nummer 95 kommen Gäste aus aller Welt, um Klaus Erforts Drei-Sterne-Küche zu genießen.

Dunkel ist es mittlerweile geworden, ich gehe zur hippen "Einraum"-Bar in der Mainzer Straße 27 - ein Lokal mit schmalem, lang gezogenem Innenraum, als DJ-Kanzel dient die abgeschnittene Front eines VW-Bullis. Für mich, den Rückkehrer aus Berlin, ist das "Einraum" zu einem meiner Lieblingsorte geworden. Sein Besitzer Marc, halb Amerikaner, halb Saarländer, mixt die besten Cocktails der Stadt. Auf sein sehr gemischtes Publikum hat er sich bestens eingestellt, mit den einen talkt er auf Englisch, mit den anderen schwätzt er Saarländisch, beides perfekt und akzentfrei. Weltbürger und Saarländer treffen sich an drei Metern Tresen - ein Dazwischen-Raum in dieser Dazwischen-Stadt, die aus beidem, aus Provinz und Metropole, einen ganz eigenen Lebensstil entwickelt hat.

INFOS
Übernachten
Madeleine
Die Zimmer des Hotels wurden kürzlich renoviert, der Service ist sehr freundlich. Von den Suiten hat man einen Blick über die Dächer des Nauwieser Viertels. Das Frühstück wird mit viel Liebe und Bio-Zutaten angerichtet.                                                                                        
Cecilienstraße 5, Tel. 0681 32228, www.hotel-madeleine.de, 32 Zi., DZ/F ab 79 € 

Domicil Leidinger
Das Haus in der Nähe des St. Johanner Markts ist in zwei Bereiche unterteilt: ein Stadthotel und einen luxuriösen Anbau mit Zimmern im karibischen, afrikanischen oder asiatischen Stil.    
Mainzer Str. 10-12, Tel. 0681 93270, www.domicil-leidinger.de, 85 Zi., DZ/F ab 122 €

Schloss Berg
Die Zimmer und Suiten in dem Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert sind geschmackvoll eingerichtet. Viele haben Balkon oder Terrasse mit Blick auf Moseltal oder Renaissance-Garten. Das Restaurant leitet der Drei-Sterne-Koch Christian Bau. Gleich nebenan befindet sich ein Kasino. 
Perl-Nenning, Schlossstraße 27–29, Tel. 06866 79118, www.schlossberg-nennig.de, 106 Zi., DZ/F ab 168 € 

ESSEN UND TRINKEN
Stiefelbräu
Saarbrücker fühlen sich hier wie zu Hause, Touristen brauchen einen Übersetzer: zum Beispiel für "Gefillde", gefüllte Klöße mit Specksauce, oder "Saarschleife", einen Ring Lyoner vom Grill mit Bratkartoffeln und Knoblauchsauce. Das Bier dazu kommt aus der ältesten Brauerei der Stadt, zu der das Restaurant gehört. Kenner schwören besonders auf das Zwickel, eine naturtrübe Sorte.
Am Stiefel 2, Tel. 0681 936450, www.stiefelgastronomie.de 

Gemmel
Man fühlt sich wie in Paris: Es ist laut und voll, dazu läuft französische Musik. Aus der Küche kommen Bistro-Klassiker wie Steak frites und Tatar. Manchmal dauert das Essen etwas länger, dafür sind sogar die Fritten selbst gemacht.
Kappenstraße 2-4, Tel. 0681 8591688, www.gemmel-sb.de 

Le Noir
"Gebratene Entenstopfleber mit Flageoletbohnen", "Froschschenkel nach provenzalischer Art" - in dem edlen Restaurant ist die Nähe zu Frankreich deutlich zu schmecken. Küchenchef Jens Jakobs exquisite Küche besteht erfreulicherweise nicht aus Schäumchen und Essenzen. Der Michelin hat ihm dafür einen Stern verliehen.
Mainzer Straße 26, Tel. 0681 9681988, www.lenoir-restaurant.de

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Autor:
Dirk Ludigs