Mit Stil Die hässlichen Deutschen

Als ich das erste Mal mit meinen Eltern ins Ausland reiste (ok, es war das spanische Ausland, aber immerhin!) und gleich beim ersten Strandgang einen enormen Wutanfall simulierte, weil es das gewünschte Eis in der Plastik-Orange nicht mehr gab, nahm mich meine Mutter peinlich berührt zur Seite: Ich würde mich jetzt gefälligst zusammenreißen, wir seien schließlich Gäste in diesem Land und wenn ich mich nicht dementsprechend benehme, könnte die spanische Polizei mich jederzeit wegen Landfriedensbruch verhaften.

Pädagogisch vielleicht etwas fragwürdig für eine Zehnjährige, aber gewirkt hat diese Maßnahme damals sofort, sogar nachhaltig. Seitdem versuche ich mich auf Reisen immer wieder daran zu erinnern, dass ich bei jemandem "zu Gast" bin, auch wenn das irgendwie aus der Mode gekommen zu sein scheint.

Spontan fällt mir da ein Installateur und Fußballfan aus Niedersachsen ein, der mir während der WM in Südafrika bedauerlicherweise über den Weg lief. Er jedenfalls war der Ansicht, es sei ohnehin eine Zumutung, dass dieses von unseren Fernsehgeldern finanzierte Sportereignis hier am Ende der Welt ausgetragen würde, deshalb könnten die Leute froh sein, dass er überhaupt hergekommen sei und sich verdammt noch mal extra viel Mühe geben. Umgekehrt hieß das wohl, er müsse sich nicht die geringste Mühe geben: Während dieses revolutionären Gedankengangs saß er mit einem mintgrünen Poloshirt und halblanger Cargo-Hose bekleidet in einer Hotellobby und war gerade dabei, seine nackten Füße aus den vollgesandeten Crocs zu schälen. Was man halt so macht in einer 4-Sterne-Hotel.

Die äußere Erscheinung vieler Touristen grenzt mittlerweile tatsächlich an Landfriedensbruch. Und wie nicht nur mir auffällt - die Deutschen sind da leider absolut führend. Meine Freunde Melanie und Stanley zum Beispiel waren gerade in Vietnam unterwegs, Hanoi, Halong-Bucht, Saigon, Nha Trang; also keine dreiwöchige Mekong-Delta-Expedition außerhalb der menschlichen Zivilisation. Ebenso wenig wie die meisten anderen Touristen dort, auch wenn die jederzeit für eine gerüstet gewesen wären. Hosen müssen demnach ab Kniehöhe mit einem Reißverschluss abtrennbar sein und mindestens so viele Taschen wie Harrison Ford bei Indiana Jones haben (dabei braucht nicht mal der welche). Bevorzugtes Schuhwerk: Outdoor-Sandalen von Jack Wolfskin oder eben - Crocs. Stanley meinte, auf dem Boot in der Halong Bucht hätten sie sich in ihren normalen Jeans und T-Shirt neben all den khaki- und sandfarbenen Spezialisten wie Zivilisten bei der Operation "Desert Storm" gefühlt.

Ich verstehe ja vollkommen, dass man auf Reisen bequeme Kleidung bevorzugt, zumal in Städten, wo durchaus einige Kilometer zu Fuß zurückgelegt werden. Aber muss man deshalb gleich wie ein Freeclimber in die Pagode einrücken? Und den Aufzug bis abends auf der Dachterrasse des Hotel Rex durchtragen? Nein, ein Reishütchen als Anbiederung an die heimische Tracht ist übrigens keine Lösung.

Deutsche "Repräsentanten" sind in dieser Hinsicht leider auch kein Vorbild. Während Angela Merkel im Beruf wenigstens halbwegs gelungene Hosenanzüge wählt, wurde sie im Urlaub auf Ischia mit Joachim Sauer in weißem Paar-Cappy und halblangen Trekking-Hosen (die zu "Wadenblitzer"-Fotos führen, auf die wir gern verzichten würden) gesehen. Rainer Brüderle will man sich lieber gar nicht erst vorstellen.

Eine englische Kollegin von mir glaubt an die Theorie, die meisten versuchten, im Urlaub einfach sämtliche Alltags-Konventionen abzustreifen und endlich mal sie selbst zu sein, was ich bei Angela Merkel gerade noch gelten lasse, bei Leuten, die zu Hause in Stone Washed Jeans und bedrucktem Karohemd rumlaufen, um dann in Thailand den verwegenen Wüstenfuchs zu geben, eher nicht. Vielmehr glaube ich, dass viele den Urlaub, gerade den in fernen Ländern, so sehr als Ausnahmezustand ansehen, dass sie für alles gerüstet sein wollen, nichts all zu Kostbares mitnehmen (dabei kann ich jedem versichern: nicht mal in Rio wäre irgendwer so blöd, eine George, Gina & Lucy Handtasche zu klauen) und es genießen, sich mal nicht ständig "zurecht machen zu müssen."

Hoffentlich kommen all die Italiener und Spanier und Japaner nie auf die Idee, sich auf Deutschlandbesuch aus Höflichkeit wie die Deutschen zu kleiden, denen sie vergangenes Jahr auf Fuerteventura ständig begegneten. Wenn sie am Brandenburger Tor oder Schloss Neuschwanstein plötzlich alle in Jack-Wolfskin-Komplettmontur und Oakley-Gletscher-Brille auftauchen, ruft am Ende noch irgendwer die Polizei.

Autor:
Silke Wichert