Mittelfranken Die ewige Rivalität

Wer "Franken" hört, denkt an Rostbratwürste, Christkindlesmarkt und Lebkuchen - an Nürnberg und vielleicht auch an Fürth und Erlangen. An das mittelfränkische Dreigestirn also, welches das Zentrum der von findigen Marketingmenschen erfundenen "Metropolregion Nürnberg" ist.

Tatsachlich baut die Region, in deren Kern 2,5 Millionen Menschen leben, auf einer weit zurückreichenden Wirtschaftsgeschichte auf. Bereits im Mittelalter galten handwerkliche Produkte aus Nürnberg als besonders hochwertig. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zum Kraftwerk Bayerns. Mit zunehmender Industrialisierung zogen immer mehr Menschen nach Nürnberg, das 1880 die Grenze von 100 000 Einwohnern überschritt.

Bis heute ist die Frankenmetropole ein wichtiger Standort der deutschen Industrie. Aufgrund der Umwälzungen in Herstellung und Produktion mussten die Nürnberger in den vergangenen Jahren allerdings immer wieder Werksschließungen hinnehmen. Nicht viel besser ergeht es der Nachbarstadt Fürth. Als Ende 2009 das Versandhaus Quelle insolvent ging, verloren dort 1800 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Die Menschen in der "Metropolregion" reagierten solidarisch: Mit Spenden und Jobangeboten versuchten sie, das Leid der Betroffenen zu lindern.

Da spielte selbst die ewige Rivalität zwischen den Anhängern von Greuther Fürth und dem 1. FC Nürnberg keine Rolle mehr. Da vergaß man auch, dass die Fürther ihre Semmeln "Weggli" nennen, die Nürnberger aber "Weggler" - und dass der unterschiedliche Dialekt durchaus ein wichtiges Abgrenzungskriterium darstellt. Und natürlich legte man auch in Erlangen, wo Siemens ansässig ist und wo es eine Universität gibt, die Attitüde des kleinen, aber feineren Nachbarn ab.

Schließlich haben alle drei Städte genügend Selbstbewusstsein und genügend Grund zu lokalpatriotischem Stolz. Die Fürther feiern Anfang Oktober die Michaelis-Kirchweih und das Erntedankfest mit dem schönsten Umzug in Franken. Die Nürnberger trumpfen Ende August mit dem "Nürnberger Volksfest" auf. Und die Erlanger haben ihre "Bergkirchweih", zu der jährlich über eine Million Feierwillige auf den Berch strömen.

Aus Fürth kamen Ludwig Erhard, Henry Kissinger und Max Grundig. Aus Nürnberg stammten Albrecht Dürer, Hans Sachs und Veit Stoß. Erlangen kann sich als Geburtsstadt von Heinrich von Pierer, Lothar Matthäus und Juergen Teller rühmen - alle drei Stadte haben jeweils drei berühmte Sohne hervorgebracht.

Fast läuft man angesichts dieser Popularität Gefahr, den Rest Mittelfrankens unter den Tisch fallen zu lassen. Zum Beispiel Rothenburg ob der Tauber im Westen des Regierungsbezirks, das wohl am häufigsten genannte Sinnbild einer besterhaltenen mittelalterlichen Stadt. Oder Dinkelsbühl, dessen komplett erhaltene Altstadt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Europas zählt.

Fährt man von dort Richtung Fränkisches Seenland, erreicht man bei Unterschwaningen das 1734 erbaute Barockensemble Schloss Dennenlohe. Baronin und Baron Süsskind schufen hier in 20-jähriger Arbeit ein üppig blühendes Paradies, das nicht nur Gartenliebhaber begeistern wird. Nahezu jeden Tag verbringen die Besitzer in dem Garten, der Schlossherr hat beinahe jede Pflanze selbst gesetzt. Dabei ist ein Rhododendronpark entstanden mit 500 Arten, aber hier gedeihen auch Azaleen, Magnolien und Flieder, Seerosen, Lilien, Christrosen und Tausende von Tulpen. Ebenso beeindruckend ist der Privatgarten des Schlosses, der für Führungen geöffnet wird - ein Kleinod mit Persischem Garten, Orangerie und Vasenweg, Kirsch-, Rosen- und Englischem Lustgarten.

Auf der Terrasse des Schlosscafés sitzend, kann man sich vorstellen, wie bezaubernd der gerade entstehende Landschaftspark aussehen wird, in dem die Freiherren Süsskind den Garten des 18. Jahrhunderts mit dem ökologischen Credo unserer Zeit versöhnen wollen: als botanische Attraktion, die zugleich Nischen für bedrohte Pflanzen- und Tierarten bietet.

Bratwurstkönig in Nürnberg

Werner Behringer ist immer für seine Gäste da. Zwölf Stunden pro Tag, 365 Tage pro Jahr, seit fast einem halben Jahrhundert - außer, er gönnt sich mal einen Kurzurlaub, was nur sehr selten vorkommt. Und trotzdem sagt der Wirt des Nürnberger "Bratwursthäusle": "Für mich gibt's keinen schöneren Beruf, als Wirt zu sein. Da bist du Seelsorger, Psychologe und Ernährer in einem. Du musst nicht zu deinen Freunden gehen, sondern die kommen freiwillig zu dir - und zahlen dann auch noch dafür."

Weil das legendäre "Bratwurstglöckle" im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zerstört worden war, wurde im Jahr 1959 das "Bratwursthäusle" erbaut. Fünf Jahre danach übernahm Behringer das Wirtshaus, das er heute mit Frau und Sohn führt. Seitdem hatte er ein Heer berühmter Menschen zu Gast - Minister, Abgeordnete, Oberbürgermeister und Showgrößen wie Thomas Gottschalk und Alfred Biolek. Und jeder hat "sechs oder acht Rostbratwürstchen gegessen, mit Kraut, Kartoffelsalat und Meerrettich".

Auch Thomas Gruber, der Intendant des Bayerischen Rundfunks mit Sitz in München, stillt sein Heimweh nach Franken im "Bratwursthäusle". Sein Favorit: Rostbratwürstchen mit Kartoffelsalat und Spargel. "Dieses Haus", sagt er, "ist eine Institution. Das liegt am Wirt, der ist auch eine Institution - solange ich mich zurückerinnern kann."

Nach seinem Erfolgsrezept gefragt, antwortet der 70-jahrige Behringer mit der Kraft seiner geballten Erfahrung: "Erstens muss die Qualität so hoch sein, dass die Konkurrenz zwar gleichziehen, aber nicht besser sein kann. Zweitens müssen die Preise so sein, dass sie nicht unterboten werden können. Drittens muss der Service immer ein bisschen besser sein als woanders. Und viertens darf es in einem guten Wirtshaus keine gesellschaftlichen Schranken geben."

Welche Gewürze in die Rostbratwürste kommen, das möchte Behringer allerdings nicht verraten. "Das bleibt mein Geheimnis." Der Geschmack sei aber auch deshalb so besonders, "weil unsere Würstchen auf Buchenholz gegrillt werden", verrät er immerhin.

Solange sie weiterhin so gern gegessen werden, denkt Werner Behringer nicht ans Aufhören: "Ich hab ja nix anderes gelernt. Ich werde das schon noch ein paar Jahre machen müssen."

Alles Käse in Erlangen

Unter den Häusern der Erlanger Friedrichstraße lagern in dunklen Kellern 230 Käsesorten. Insgesamt 1,7 Tonnen Käse. Kleine Rädchen und riesige Laibe. Ein Keller ist staubtrocken, die Luft ist kalt und klar. Im Keller nebenan rinnt Wasser an Tonwänden hinunter, es ist warm und dampfig. Dank dieser Temperatur- und Klimaunterschiede kann Volker Waltmanns Käse zu vollem Geschmack reifen.

"Die Welt des Käses ist eine Wissenschaft", sagt der Erlanger, der zu den wenigen Affineuren Deutschlands zählt. In Frankreich ist der "Käseverfeinerer" dagegen ein Lehrberuf. "Ich verbrachte in Frankreich meine ersten Berufsjahre", sagt Waltmann, "und ließ mir von Bauern zeigen, wie Käse hergestellt wird." Seine Liebe zu dem edlen Milchprodukt ist bis heute immer stärker geworden.

In seinem Laden bietet Waltmann vom überreifen Camembert bis zum mildesten Ziegenkäse alles an, was den Gaumen des Feinschmeckers verzückt. Der Favorit des fränkischen Affineurs ist ein Schafskäse - der "Brin d'Amour". Der milde Käse zergeht auf der Zunge. Dazu empfiehlt Waltmann einen spritzigen Weißwein. "Der passt oft besser zu Käse als ein schwerer Roter, wie viele Käseliebhaber glauben."

Eine Rarität verkauft der Kenner übrigens auch: Vom "Bleu de Termignon fermier" werden weltweit nur 13 Laibe angeboten. Waltmann hat natürlich einen hinter seiner Theke. Der seltene Kuhmilch-Blauschimmelkäse ist allerdings sehr teuer: Das Kilogramm kostet 40,45 Euro. Volker Waltmann wird keinerlei Zweifel daran lassen, dass sich jeder Cent dieser Investition lohnt.

Am Anfang war die Spieldose

An Weihnachten 1963 bekam Familie Wohlfahrt Besuch von amerikanischen Freunden. Zur Feier des Tages setzte Vater Wilhelm die Spieldose aus dem Erzgebirge, die er und seine Frau Käthe bei der Flucht aus ihrer sächsischen Heimat mitgenommen hatten, in Gang: "Stille Nacht, heilige Nacht …" erklang, dazu drehten sich die gedrechselten Figuren der Heiligen Drei Könige um die Krippe. Wohlfahrts Gäste waren begeistert.

Einige Monate später konnte Wilhelm Wohlfahrt eine weitere Spieldose erstehen, die er den Freunden schenken wollte. Allerdings sollte er gleich zehn Stück von einem Großhändler abnehmen - die anderen neun musste er verkaufen. Auf Wohltätigkeitsbasaren amerikanischer Offiziersfrauen gelang ihm dies im Handumdrehen. Von den guten Verkaufszahlen und ersten Gewinnen beflügelt, gründeten Käthe und Wilhelm Wohlfahrt 1964 ein eigenes Unternehmen unter dem Namen "Käthe Wohlfahrt - feine Holz- und Spielwaren".

"Unser Erfolg ist auf den Fleiß, aber auch die Opferbereitschaft meiner Eltern zurückzuführen", sagt der heutige Firmeninhaber Harald Wohlfahrt. Unter seiner Regie weitete das Rothenburger Traditionshaus - heute heißt es schlicht und einfach "Käthe Wohlfahrt" - seine Geschäfte stetig aus. Schon 1990 gründete er eine hauseigene Künstlerwerkstatt, in der versierte Handwerksmeister schnitzen, drechseln, biegen und gießen: So entstehen handgefertigte Krippenfiguren, Christbaumschmuck, Räuchermännchen, Nussknacker und Spieldosen, die in die ganze Welt verkauft werden. Und wer weiß, vielleicht auch weiterverschenkt.

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Autor:
Reinhold Leo Loy